Verkehrsrowdys : Drängeln, Rasen, Pöbeln

Kleinkrieg auf der Autobahn: Ein Drängler fährt ganz dicht auf und fordert per Lichthupe die Freigabe der Fahrspur.
Kleinkrieg auf der Autobahn: Ein Drängler fährt ganz dicht auf und fordert per Lichthupe die Freigabe der Fahrspur.

Wissenschaftler beobachten eine neue Dimension von Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr

von
11. Mai 2018, 05:00 Uhr

Küssendes Paar auf Zebrastreifen umgefahren. Mit 160 Stundenkilometern ohne Licht durch die Stadt gebrettert. Tödliche Drängelei auf der Autobahn. Ist es Zufall, dass sich Schlagzeilen über Aggression und Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr häufen? Oder gibt es mehr Rowdys auf vier Rädern, mehr Kampfradler und pöbelnde Passanten? Statistiken dazu führt in Deutschland niemand.

Die Einschätzungen von Verkehrsrichtern, Psychologen und Verbänden gehen alle in eine Richtung: Ja, es ist gefährlicher geworden auf den Straßen.

Holger Randel kann da mitreden. Zwölf Jahre lang, bis zum Ruhestand 2015, war er Hamburgs Verkehrsberufungsrichter am Landgericht. „Ich kann das nicht mit Zahlen belegen“, sagt er. Aber er sehe eine Tendenz, dass die Missachtung von Regeln im Straßenverkehr zunehme – und zwar gravierend. „Ich erlebe den Straßenverkehr wie den Rest der Gesellschaft: als rücksichtsloser.“ Menschen lebten ihren Frust auch stärker über ihr Auto aus als früher.

„Die Klagen über das Verkehrsklima nehmen zu“, bestätigt Wolfgang Fastenmeier, Professor für die Psychologie des Verkehrswesens in Berlin. Untersuchungen dazu hätten immer eine subjektive Komponente, dennoch seien sie ein Indikator.

Fastenmeier sieht eine Metaebene. „Wir leben in einer Zeit der moralischen Verrohung“, sagt er. „Staaten und Unternehmen sind schlechte Vorbilder. Warum sollten sich dann ausgerechnet Verkehrsteilnehmer wie moralische Saubermänner verhalten?“

Anbrüllen ist harmlos. An Kreuzungen fliegen die Fäuste. Radfahrer werden vom Drahtesel gezerrt. Radfahrer rammen Fußgänger. Jeder gegen jeden. Auf vielen Straßen wird bedrängt und geschnitten. Den Blinker zu setzen, scheint exotisch. Viele Radfahrer ignorieren rote Ampeln, als gäbe es sie gar nicht, Fußgänger sowieso.

Illegale Rennen gelten bei manchen als sportlich, selbst wenn es Tote gibt. In Berlin ist die Stimmung so eskaliert, dass Rechtsmedizinerin Saskia Etzold die Folgen bis in die Gewaltschutzambulanz der Charité spürt. „Das geht über Rücksichtslosigkeit weit hinaus, das ist pure Gewalt. Und die Hemmschwelle sinkt“, sagt sie. „Die Nerven liegen einfach blanker“, so beschreibt es Siegfried Brockmann, Unfallforscher für Versicherungsunternehmen. Brutale Delikte seien für ihn nicht neu. Möglicherweise steige aber gar nicht ihre Zahl, sondern sie würden mehr wahrgenommen. „Vielleicht sind die Leute einfach nicht mehr bereit, das länger so hinzunehmen.“

Es gibt Gründe für den Frust: Die Infrastruktur in Städten hält dem Verkehr kaum noch stand. Steigende Mieten drängen Menschen aus den Metropolen ins Umland – damit schwellen Pendlerströme weiter an. Online-Bestellungen befeuern den Lieferverkehr, Billig-Bus-Flotten werben der Bahn Kunden ab.

„Es gibt nicht den typischen Verkehrsrowdy. Das geht durch alle Bevölkerungsschichten und alle Ethnien“, sagt Randel.

Rüdiger Born ist Verkehrspsychologe und teilt seine Klienten beim Thema Aggressivität im Straßenverkehr in zwei große Gruppen ein: „Die einen sind emotional erregt. Und dann geht irgendwas so mit ihnen durch, dass sie zum Beispiel anfangen, richtig aufs Gas zu gehen und zu drängeln.“ Impulsdurchbruch nennt Born das.

Bei der anderen Gruppe hat Aggressivität für ihn psychologisch gesehen von Anfang an etwas mit dem bewussten Schädigen von anderen zu tun. „Da schneidet dann jemand mit völlig neutralen Gefühlen anderen den Weg ab oder nimmt einem anderen den Parkplatz weg. Weil er – mal ganz unpsychologisch gesprochen – in dem Moment ein Egoist ist“, ergänzt er.

Wie therapieren Psychologen Verkehrsrowdys? „Wir schauen: Wie ist es ihnen gegangen an diesem Tag? Wie sind sie an diese Kreuzung gekommen?“, sagt Born. „Oft kommen dabei Eskalationsgeschichten heraus. Da war jemand schon mit einer schlechten Grundstimmung unterwegs, bevor etwas passierte.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen