Brettspiel : Drachenjagd in einer Welt aus Müll

Das Spielbrett nimmt langsam Formen an. Die Bauten können nach Belieben auf dem Feld platziert werden. Neben mehrgeschossigen Gebäuden und Straßen haben Maik Scholz und die Gruppe ein Kellersystem unterhalb des Bretts angelegt.
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Das Spielbrett nimmt langsam Formen an. Die Bauten können nach Belieben auf dem Feld platziert werden. Neben mehrgeschossigen Gebäuden und Straßen haben Maik Scholz und die Gruppe ein Kellersystem unterhalb des Bretts angelegt.

In Eberswalde recyclen Bastler Materialien für ein eigenes Brettspiel / Ein Jahr Vorarbeit, ehe es losgehen kann

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12. März 2016, 16:00 Uhr

Im Brandenburgischen Viertel von Eberswalde ist eine Welt im Entstehen begriffen. Wege, Bäume, Brücken, Häuser, Kellergewölbe und ihre Bewohner: Menschen, Orks, Goblins, Untote, Drachen, alle winzig klein. Sie bevölkern das Brettspiel, das Maik Scholz und seine Mitstreiter im „Zwischenraum H15“ basteln.

Seit einem halben Jahr ist der 25-Jährige im Kulturraum in der Havellandstraße 15, der auch offene Werkstatt ist, zu Gast. Er hat sich eine Ecke eingerichtet mit Arbeitsflächen, einer Anlage und Postern an den Wänden. Darauf sind Figuren und Schriftzüge aus Spielen wie „Warhammer“ zu sehen – einem Mix aus Strategie, Fantasy und Rollenspiel.

Die Variante, nach der die Gruppe spielt, nennt sich „Mortheim“. Die Spieler ziehen mit zehn bis 15 Figuren über das Brett, ausgemessen mit einem Zollstock. Jede hat ihre Reichweite und Fähigkeiten, die sich in jeder Runde weiterentwickeln. Kämpfe werden mit Würfeln ausgefochten. Wenn Könner am Werk sind, dauert ein Durchgang kaum länger als eine Stunde. „Das ist fast wie ein Computerspiel“, sagt Scholz, „nur ohne Computer.“

Noch wird nicht gespielt. „Momentan gibt es viel zu tun, bevor es losgehen kann“, erläutert Scholz. „Wir bauen alles selbst“ – sämtliche Bestandteile des Spiels vom Brett über die verschiebbaren Bauten bis zu Einrichtungsgegenständen wie Kaminen und Schatztruhen. „Das ist viel weniger kostenintensiv“, erklärt er. Scholz spricht gelassen aber mit viel Enthusiasmus über sein Hobby.

Inzwischen gehen dem Altenpfleger, der im Bernauer Awo-Heim seine Ausbildung macht, fünf Gleichgesinnte zur Hand: drei Studenten, ein Rettungssanitäter und ein Security-Mann. „Alles Leute, die mal Ruhe brauchen“, wie Maik Scholz sagt. Die finden sie freitags, wenn sich die Gruppen des „Zwischenraums“ zum sogenannten „Six to Zero“ treffen: zum gemeinsamen Werkeln von 18 bis 0 Uhr – genau genommen sogar bis 0.30 Uhr.

Mal kommen mehr, mal weniger Mitglieder der Brettspiel-Gruppe. Einer ist immer dabei: Maik Scholz. Ein Freund hatte ihn schon längere Zeit bearbeitet, unbedingt einmal mitzukommen, als er im August endlich den Weg zum „Zwischenraum“ findet. „Seitdem bin ich jeden Freitag da“, sagt Scholz.

Vorher hatte er seine Zweifel: Kann das wirklich funktionieren? Wird seine Leidenschaft dort akzeptiert? „Das Ganze ist schon ziemlich nerdig“, meint er.

Das Wort „Nerd“ steht laut Duden für einen „sehr intelligenten, aber sozial isolierten Computerfan“. Das trifft nicht wirklich auf Maik Scholz und seine Spielkumpane zu. Schließlich fanden sie über ihr Hobby zusammen. „Wir wenden uns auch an Jugendliche, um die mal vom Computer wegzubekommen“, sagt Scholz.

Ihn hat das Brettspiel-Fieber gepackt, als er mit zwölf an einem Spiele-Laden in Warnemünde vorbeikam. Zwei Jahre später hat er begonnen, sich selbst Welten auszudenken und zu basteln. Damals noch im heimischen Keller. „Mir kommt’s vor allem auf den Modellbau-Charakter an“, sagt Scholz. Und auf den Recycling-Ansatz. „Eigentlich ist das alles Müll, mit dem wir arbeiten.“ Altes Styropor, Steine, Sand vom Ostsee-Urlaub. Nach Silvester sammelt er die Holzstäbe der Raketen auf, um sie als Balken für seine Bauten zu verwenden. „Die warten nur darauf, dass jemand was Kreatives mit ihnen macht“, sagt der Bastler.

So viel Arbeit, so viel Aufwand. Doch mit dem Spielen losgehen soll es erst, wenn das Brett fertig ist – vielleicht im Sommer. „Dann wollen wir es an einem Sonnabend einweihen“, kündigt er an, „das soll richtig Eventcharakter haben.“ Sein Traum ist, dass das Brett mit einem Grundstock an Figuren und Ausstattung stets im „Zwischenraum“ zur Verfügung steht. „Damit Leute einfach reinkommen und mit ihren Kumpels zocken können“, wie es Scholz ausdrückt.

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Wie hält die Truppe nur ihre Motivation aufrecht? Für Scholz kein Problem: „Wenn man sich runterbeugt aufs Spielbrett und den Figuren über die Schulter schaut, dann sieht das einfach geil aus“, sagt er. „Da hat sich die ganze Arbeit dann gelohnt.“

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