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Digitaler Rundfunk : Digitalradio kontra UKW

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Bundesländer wollen DAB+ durchsetzen. Angebot in Brandenburg lässt stark zu wünschen übrig.

svz.de von
erstellt am 28.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Die Länder drücken aufs Tempo: Nach Jahren des Nischendaseins soll sich der digitale Rundfunk durchsetzen. Am Freitag lief die Frist für eine Ausschreibung aus, die mehr Sender ins Digitalradio bringen soll. Letztlich geht es darum, UKW abzuschaffen. Private Sender haben damit ein Problem.

Bis 12 Uhr konnte man sich am Freitag bei der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM) in Leipzig darum bewerben, bundesweit neue Radiosender in die digitale Verbreitung zu bringen. Quasi auf der Zielgeraden kamen vier Angebote herein. Eine erste Bewertung der Bewerbungen aus Leipzig, München, Köln und Nürnberg soll es Anfang März geben. „Schön wäre es, wenn wir im Mai die Lizenz vergeben könnten“, sagt Bereichsleiter Klaus-Dieter Müller. Die geht an einen Plattformbetreiber. Der hat eine bestimmte Anzahl von Stationen an der Hand – der Nürnberger Bewerber Absolut Digital etwa will 16 eigene Programme an den Start schicken. Das ergibt ein Paket, das Bundesmux genannt wird. Was für bundesweiter DAB+-Multiplex steht. Wobei DAB+ der verwendete Standard des Digitalradios ist und Multi plexing das Verfahren beschreibt, mit dem mehrere Sender auf einem Frequenzblock verbreitet werden.

Initiiert wurde das Ganze von den Bundesländern. Die wollen das Digitalradio zum Massenphänomen machen, da dies mehr Vielfalt und geringere Verbreitungskosten bedeute. Und sie fühlen sich von der Entwicklung bestätigt: Der von den Landesmedienanstalten herausgegebene Digitalisierungsbericht 2016 sagt aus, dass 12,6 Prozent der deutschen Haushalte (Brandenburg kommt exakt auf diesen Wert) mindestens ein DAB+-Radio besitzen. 2014 waren es erst 7,5 Prozent gewesen. Gleichzeitig haben aber 93,3 Prozent ein analoges UKW-Radio im Haus. Weshalb private Sender über die Begeisterung der Länder nur den Kopf schütteln. Und die im Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) zusammengeschlossenen Stationen ihre Mitarbeit im Digitalradio-Board des Bundesministeriums für digitale Infrastruktur gerade aufgekündigt haben. Der Vorsitzende des Fachbereichs Radio im VPRT, Klaus Schunk: „Neue Technologien kann man politisch nicht verordnen. Sie müssen die Konsumenten überzeugen und sich im Markt von sich aus durchsetzen.“

Viele Privatradios fürchten massive Verluste an Reichweite, wenn UKW abdanken muss. Man ist empört, dass von öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht mehr genutzte UKW-Frequenzen „staatlich eingezogen“ werden. Der VPRT wehre sich nicht gegen die Einführung von DAB+, „so lange die UKW-Verbreitung dabei nicht eingeschränkt wird“, sagt Sprecher Hartmut Schultz. So hat man den Aktionsplan für den Umstieg auf Digitalradio, der noch kein UKW-Abschaltdatum nennt, nicht unterzeichnet. Doch nicht nur als Geschäftsmodell gibt es Fragezeichen. Auch für die Hörer. Denen wird hohe Qualität versprochen. Und Sender, die man per UKW nicht bekommt. Auf digitalradio.de kann man sich den Empfang anschauen. Die Karte macht nicht nur klar, dass die Uckermark quasi unversorgt bleibt. Auch da, wo versorgt wird, hält sich die Vielfalt in Grenzen. Rund um Frankfurt muss man mit dem 1. Bundesmux genannten Angebot vorlieb nehmen. Dazu gehören 13 Sender, etwa Deutschlandfunk, Energy, Klassik Radio, auch Schwarzwaldradio. Regionale Sender – Fehlanzeige. Genauso im Cottbuser Raum. Rund um Pritzwalk gibt es 23 Sender – aber nur, weil neben dem Bundesmux in der Prignitz zehn MDR-Programme verbreitet werden.

Im Berliner Raum kommt man auf 40 Sender, wozu acht Programme aus der Region gehören. Die man aber nicht unbedingt im Haus hören kann – anders als UKW tut sich der Digitalfunk mit dem Empfang da schwerer. Die Feldstärke reicht häufig nur für das Autoradio. Wenn das DAB+-tauglich ist. Hoffnung auf Verbesserung kann rbb-Sprecher Justus Demmer nicht machen. Mehr DAB+ könne es erst geben, wenn eine UKW-Abschaltung absehbar sei. Womit der kleine ARD-Sender rbb dasselbe Problem wie Privatradios hat – gleichzeitig per UKW und DAB+ zu senden, ist zu teuer.

Dazu kommt: DAB+ ist ja nicht die einzige Möglichkeit, digital Radio zu hören. Jeder dritte Deutsche, sagt der Digitalisierungsbericht, hört seinen Lieblingssender auch über das Internet – vorrangig per Smartphone. Und das sind besonders die jungen Hörer. Weshalb der nordrhein-westfälische Medien-Staatssekretär Marc Jan Eumann (SPD) im Gegensatz zu vielen Länderkollegen DAB+ für überholt hält.

Von TNSInfratest befragt nach der meistgenutzten Radioart, haben 74,3 Prozent der Deutschen UKW genannt, 5,9 Prozent Internetradio und 3,4 Prozent DAB+. Das relativiert die Sprüche aus der Politik, die angesichts des Zuwachses bei den Geräten einen DAB+-Siegeszug ausmachen wollen. Zwar hält selbst der VPRT einen konkreten Zeitplan für die Abschaltung von UKW für denkbar – aber erst, wenn 80 Prozent der Hörer DAB+ nutzen.

 

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