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Verbot von Getränken als Lohn gefordert : Dieses Bier geht aufs Haus

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In der Brauereibranche wird ein Teil des Lohns in Getränken ausgezahlt. Das stört die Bundesdrogenbeauftragte

svz.de von
erstellt am 24.Apr.2017 | 05:00 Uhr

Rund 96 Millionen Hektoliter Bier haben deutsche Brauereien im Vorjahr produziert – 0,1 Prozent davon wurden an die Mitarbeiter verschenkt. An diesen Deputat-Löhnen wollen auch die Unternehmen in der Region festhalten – trotz Kritik der Drogenbeauftragten.

Wenn Thomas Köhler seine Brauereimitarbeiter bezahlt, erhalten sie eine Überweisung auf das Konto – und zwei Bierkästen der Sorte „Potsdamer Stange“. Das ist sein Dank für die Arbeit und eine uralte Tradition. „Eine Süßwarenfabrik gibt den Angestellten einige Tafeln Schokolade mit, eine Fischkonservenfabrik ein paar eingelegte Heringe, wir den Haustrunk“, sagt der Chef der Braumanufaktur in Potsdam.

Doch an dieser Tradition rüttelt die Politik. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung bekundete gegenüber der „Bild“, dass die von den Brauereien vorgebenen Deputate aus der Zeit gefallen seien. „Das Zahlungsmittel in Europa ist der Euro, und das ist auch richtig so“, so Marlene Mortler (CSU). Sie sei sicher, dass es Alkohol als Lohnbestandteil in zehn Jahren nicht mehr gebe.

Diese Sätze bringen Köhler auf die Palme. „Zwei Kästen, das ist ein halber Liter pro Tag, damit züchten wir doch keine Alkoholiker“, empört sich der studierte Brauer, der sein Unternehmen 2003 mit einem Bekannten gründete und jährlich rund 5000 Hektoliter Bier produziert. „Es geht allein darum, dass sich die Mitarbeiter mit ihrem Produkt identifizieren.“

Zwar hat man in dem Beruf ununterbrochen mit Alkohol zu tun. „Jedoch achten wir bei den Einstellungsgesprächen auf die charakterliche Eignung“, sagt Köhler. Man müsse der Versuchung widerstehen können. Einer seiner Brauer trinkt keinen Tropfen Alkohol.

Der Geschäftsführer der Manufaktur am Templiner See sieht fiskalische Gründe hinter dem Vorstoß. „Der Haustrunk ist von der Steuer befreit, vielleicht soll auf Betreiben der Finanzämter diese Regelung gekippt werden“, mutmaßt er. Die Biersteuern fließen an die Länder, werden aber von einer Bundesbehörde – dem Zoll – erhoben. Köhler spricht von einer komplizierten Dokumentationspflicht, zudem werden je nach Sorte verschiedene Steuern erhoben. „Es ist unglaublich bürokratisch“, meint er.

Auch die Betreiber der Neuzeller Klosterbrauerei verteidigen das Bier-Deputat. „Das ist ein Geschenk an die Mitarbeiter“, betont Juniorchef Stefan Fritsche. Als Lohnersatz sieht er es nicht. Die 46 Mitarbeiter dürfen pro Woche einen Kasten Bier oder Limonade mit nach Hause nehmen – es werde beides gern genommen. Für Fritsche stellt die Tradition auch eine Qualitätskontrolle dar, da die Mitarbeiter ihre eigenen Produkte trinken.

Biertrinken am Arbeitsplatz ist aber verboten: „Wir haben ein striktes Alkoholverbot, das wird kontrolliert“, versichert der Juniorchef. Die Äußerungen der Drogenbeauftragten weist er zurück: „Es gibt wirklich drängendere Probleme.“

Für andere handwerkliche Kleinbrauereien der Region spielt das Thema keine Rolle. Meist steht an den Sudkesseln nur eine Fachkraft – oder der Chef selbst. In der Brauerei am Rollberg in Berlin-Neukölln fällt der Deputatlohn schon aus Vertriebsgründen weg. „Wir füllen nur in Fässern ab“, sagt Geschäftsführer Nils Heins. „Ich müsste den Mitarbeitern dann ein ganzes Fass mitgeben. Das wäre wohl etwas viel.“

Andere Firmen geben sich bei dem Thema zugeknöpft. Die Anfrage an die Frankfurter Brauhaus GmbH blieb unbeantwortet. Laut Mitarbeitern gibt es dort einen Kasten Bier wöchentlich zum Lohn. Auch der Marketingchef der Berliner Kindl-Schultheiss-Brauerei, Peter Christian Gliem, nennt keine Zahlen. Er bestätigt aber, dass der Haustrunk zu den tariflichen Vereinbarungen zählt. „So müssen sich Mitarbeiter die Getränke nicht komplett selbst im Handel kaufen.“

Auch andere Brauereien haben das Deputat im Tarifvertrag geregelt. Bei Veltins stehen Mitarbeitern pro Arbeitstag zwei bis 2,5 Liter Bier zu, Azubis erhalten alkoholfreie Getränke. Pensionäre erhalten noch zehn Liter monatlich, sagt Sprecher Ulrich Biene. Konkurrent Krombacher teilt mit, dass Mitarbeiter aus dem „Gesamtportfolio“ wählen können, zu dem auch Schweppes zählt. Angestellte erhalten 45 bis 55 Liter pro Monat.

So ist es nicht verwunderlich, dass Arbeitnehmervertreter die Tradition verteidigen. „Es gibt keine Veranlassung, an dieser Errungenschaft zu rütteln, zumal Bier ein legal hergestelltes Produkt ist“, sagt Claus-Harald Güster, Vize-Vorsitzender der Gewerkschaft NGG. Der Haustrunk stehe seit Jahrzehnten in Tarifverträgen.

 
 

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