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Stadtführungen : Die Wäscherin vom Kalksee

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Besonders kurzweilig wird es, wenn Gästeführer in brandenburgischen Städten und Orten dabei in historische Rollen schlüpfen.

svz.de von
erstellt am 12.Sep.2017 | 05:00 Uhr

Wenn Katrin Fleischer in die Spitzen besetzte lange Unterhose und die gestärkte Schürze schlüpft, sich dazu noch eine große weiße Schleife ins lockige Haar bindet, verwandelt sich die 56-Jährige in „Katharina, die Wäscherin vom Kalksee“. In dieser historisch angelehnten Rolle führt die hauptberufliche Projektmanagerin seit kurzem in ihrer Freizeit Gäste durch Woltersdorf (Oder-Spree), für zehn Euro pro Person. „Geschichte ist ja an sich eher trocken. Die Leute hören lieber menschelnde Anekdoten“, meint sie. Deswegen mische sie bei ihren zweistündigen Führungen Dichtung und Wahrheit.

„Eine Freundin, die so etwas in Erfurt macht, hat mich inspiriert“, sagt Fleischer. Da es in Woltersdorf ansonsten keine Gästeführer gibt, hat sie sich entschlossen, das auszuprobieren. Dabei lässt sie ihrer Fantasie ziemlich freien Lauf, erzählt von ihrer angeblich weit verzweigten Familie, die seit Generationen in dem Berliner Vorort leben würde. Irgendein Onkel, Schwager oder Urgroßvater war wahlweise Straßenbahnfahrer, Schleusenwärter oder Hauswart – je nachdem, von welcher Lokalgeschichte die geschwätzige Wäscherin gerade spricht.

Waschechte Woltersdorferin ist sie in Wirklichkeit nicht, sondern vor mehr als zehn Jahren aus Berlin zugezogen. „Grundsätzlich finde ich gut, was sie macht“, sagt Gerald Ramm, versierter Regionalhistoriker in Woltersdorf, der schon mehrere Bücher über die Geschichte seines Heimatortes veröffentlicht hat. Die selbst ernannte Gästeführerin müsse sich fachlich allerdings gut informieren, rät er. „Wenn sie die Geschichte schon mit Fantasie-Geschichten vermischt, so müssen doch die historischen Fakten stimmen“, sagt der 52-Jährige. Woltersdorf hat aus seiner Sicht schon so einiges zu bieten: Der 8000-Einwohner-Ort war in den 1920-er Jahren Filmkulisse, zudem Wohnort des Malers und Illustrators Fidus. Er gilt als kleinste deutsche Gemeinde mit einer eigenen, über 100 Jahre alten Straßenbahn.

Dort, an der Endhaltestelle der Linie 87 im Berliner Ortsteil Rahnsdorf, trifft sich die „Wäscherin vom Kalksee“ mit ihren Gästen. Seit 1913 verbindet die eingleisige Strecke den S-Bahnhof Rahnsdorf mit der Woltersdorfer Schleuse, laut Fleischer das Wahrzeichen des beliebten Ausflugsortes. Per Straßenbahn zuckelt sie mit ihren Gästen genau 5,6 Kilometer dorthin. Von der Schleuse, die den Flaken- mit dem Kalksee verbindet und dabei einen Höhenunterschied von 2,10 Metern überwindet, geht es zu Fuß weiter – zur Liebesquelle, zum Aussichtsturm auf dem Kranichberg und vorbei an einem Plattenladen, den eine von Regine Hildebrandts Töchtern betreibt. Die beliebte Brandenburger Politikerin lebte mit ihrer Familie in Woltersdorf und ist auf dem örtlichen Friedhof begraben.

Ihre Rolle möchte Fleischer noch ausbauen, zudem die historischen Fakten festigen, sagt sie. „Bisher habe ich nur die eine Variante – mit der Straßenbahn und dann zu Fuß“, erklärt sie. Gegenwärtig entwickelt sie unter dem Motto „Die Wäscherin auf Achse“ eine Fahrradtour. Zudem hat sie historische Bücher gewälzt, um ein möglichst originalgetreues und warmes Herbst-Winter-Outfit nähen zu können. Im nächsten Sommer möchte Fleischer gemeinsam mit Freunden während der Führung kleine Szenen aus der Historie nachspielen. „Dann trifft die Wäscherin Katharina Persönlichkeiten aus der Woltersdorfer Geschichte“, sagt die 56-Jährige.

Stadtführungen in historischen Rollen seien kurzweilig und daher bei Gästen sehr beliebt, sagt Birgit Kunkel, Sprecherin der Tourismus Brandenburg GmbH. „Historie wird lebendig und anschaulich. Das setzt natürlich ein gewisses schauspielerisches Talent der Gästeführer voraus“. Positive Beispiele gibt es in der Mark viele, nicht nur in großen Städten. So führt in Wittenberge eine ganze Gruppe von Stadtführern unter anderem als Ackerbürgerin Mathilde, Karl Singer oder als Fabrikant Salomon Herz durch die Elbestadt. Der Neulewiner Bürgermeister Horst Wilke geht als historischer Dorfschulze durch seinen Heimatort Neulietzegöricke (Märkisch-Oderland) im Oderbruch. Mit der Türmerin geht es durch Lübben (Dahme-Spreewald), mit Pater Wichmann durch Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin) und mit der „Muckerschen“, einer Obstzüchterin, durch Werder (Potsdam Mittelmark).

Schon fast legendär sind die „Gefährten der Nacht“, eine Laienschauspieltruppe, die Spielwitz und erstaunliche Perfektion beweisen, wenn sie mit Gästen im Dunkeln das mittelalterliche Storkow (Oder-Spree) erkunden. Im aktuellen Reformations-Jubiläumsjahr seien vor allem Führungen zu dieser Thematik sehr gefragt, sagt Kunkel. So können Interessierte mit dem Ablassprediger Johann Tetzel durch Jüterbog (Teltow-Fläming) laufen. Den Einfluss der lutherischen Schriften erläutert in Brandenburg an der Havel ein Franziskaner-Mönch.

 

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