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Brauchtum : Die Sorben – mehr als nur Folklore

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Geschätzt 20 000 Brandenburger bezeichnen sich als Sorben. Doch wie viel „sorbisch“ existiert im Alltag noch? Eine Spurensuche rund um Peitz und Cottbus

Kerstin Krause rückt ihre geblümte Haube zurecht. Es ist Vormittag, kurz vor halb zwölf. Gleich beginnt im Freilandmuseum Lehde, zwei Kilometer südöstlich von Lübbenau im Herzen des Spreewaldes, die tägliche Führung. Schon seit fast 60 Jahren schauen Besucher in reetgedeckte Häuser, bestaunen historische Spreewaldkähne und lassen sich über die Bräuche der Sorben berichten. Etwa 80 000 Gäste kommen jedes Jahr. Sorbisches Leben ist längst ein wichtiger Tourismusfaktor in Südbrandenburg.

„Tief gebückte Stirne erspart die weiche Birne“, reimt Kerstin Krause, als sie mit einer Gruppe Besucher durch eine niedrige Holztür in eines der original nachgebauten sorbischen Bauernhäuser tritt. Launig zeigt sie in der Stube auf das große Spreewälder Familienbett. „Das war aber nicht nur für die Eltern, da schlief die halbe Familie“, erzählt sie. „Die eingeheiratete Frau hatte die Schwiegereltern sozusagen mit im Bett.“ Ungläubiges Staunen, dann folgt Gelächter der Besucher.

Seit zehn Jahren ist Kerstin Krause in dem zum Kreis Oberspreewald-Lausitz gehörenden Museum beschäftigt. Sorbisch spreche in Brandenburg kaum noch jemand, sagt sie. In Sachsen sei das anders. „Dort ist die sorbische Sprache verbreiteter.“

„Gerade der innere Spreewald ist ein Zentrum für sorbische Kultur“, sagt Dirk Ehrhardt, Museumspädagoge in Lehde. Der 33-Jährige bereitet eine neue Ausstellung vor. Im August ist die Eröffnung geplant. Um Hochzeitsbräuche und Musik soll es gehen. Ehrhardt stammt aus Thüringen, seit Oktober arbeitet er im Spreewald. „Bei uns ist das sorbische Leben eine Inszenierung“, sagt er, „woanders wird es das sicher stärker geben.“

Wo aber ist dieses „woanders“? Genau definiert ist zunächst das sorbisch-wendische Siedlungsgebiet. Städte wie Lübbenau, Spremberg und Vetschau zählen in Brandenburg dazu. Weißwasser, Bautzen und Bad Muskau sind es in Sachsen. Das kleinste slawische Volk umfasst geschätzt 60 000 Angehörige. Der Großteil lebt in der sächsischen Oberlausitz. Etwa 20 000 sind es in Brandenburg, dort wiederum vor allem in Cottbus und dem Kreis Spree-Neiße. Ortsschilder mit sorbischen Namen wie Grodk (Spremberg) und Picnjo (Peitz) deuten darauf hin.

Hintergrund: Geschichte und Gegenwart der Sorben

Etwa 1400 Jahre ist es her, dass slawische Völker, die direkten Ahnen der Sorben, aus den Karpaten, dem heute überwiegend zu Rumänien gehörenden Gebirge, Richtung Westeuropa wanderten. Um die 20 Stämme mit 160 000 Menschen mögen es gewesen sein, schätzen Historiker. Sie ließen sich in den damals weitgehend unbewohnten Gebieten zwischen Ostsee und Erzgebirge nieder. Einen eigenen König sowie überregionale politische Strukturen hatten diese Stämme nicht. Als Herrschaftszentren galten Slawenburgen mit Wehrmauern aus Holz-Erde-Konstruktionen. Ein solcher Nachbau ist heute in Raddusch (Oberspreewald-Lausitz) zu besichtigen. Über die Jahrhunderte wurden die umgangssprachlich auch als Wenden bezeichneten Stämme schließlich mal mehr, mal weniger friedlich in verschiedene Herrschaftssysteme eingebunden. Erst war es das Frankenreich, später eine von Westen her zunehmend deutsche Einwanderung in die zuvor von den Sorben dominierten Ländereien. Schon im 16. Jahrhundert war das letzte geschlossene sorbische Gebiet schließlich auf die Lausitz im heutigen Brandenburg und Sachsen beschränkt.

Die Sorben gelten heute neben den Dänen, der friesischen Volksgruppe sowie den deutschen Sinti und Roma als eine der vier anerkannten sogenannten autochthonen Minderheiten in Deutschland.

Tourismusbroschüren werben mit bekannten Bräuchen. Die filigran verzierten sorbischen Ostereier als Symbole für Fruchtbarkeit gehören genauso dazu wie die Vogelhochzeit und das Hahnenrupfen zum Ende der Erntezeit. Verbände wie die Interessenvertretung Domowina, der Dachverband von Ortsgruppen und Vereinen mit 7300 Mitgliedern, die Stiftung fürs sorbische Volk sowie der Sorben- und Wendenrat als Berater für die Abgeordneten des brandenburgischen Landtages haben zwar keine direkte Entscheidungsbefugnis, aber durchaus politischen Einfluss. Wer heute jedoch das „echte“ sorbische Leben finden will, muss sehr genau hinter die Kulissen von Dörfern rund um Cottbus schauen. So wie es Maria Elikowska-Winkler macht. Im Obergeschoss eines Seitenflügels des Niedersorbischen Gymnasiums Cottbus, einem von deutschlandweit zwei Gymnasien, in denen sorbische Unterrichtssprache gelehrt wird, hat sie ihr Büro. Mit einem freundlichen „Dobry zen – Guten Tag“ begrüßt die gebürtige Polin ihre Besucher. Maria Elikowska-Winkler ist Sorbin und Leiterin der Schule für Niedersorbische Sprache und Kultur, einer Art Volkshochschule. Seminare zum wendischen Brauchtum wie das „Spreewälder Gurkenseminar“ besuchen jährlich gut 2000 Teilnehmer. Dazu bietet die Schule jedes Jahr etwa 70 Sprachkurse mit 800 Teilnehmern an. Eine stolze Zahl, findet die Leiterin. Denn eigentlich gilt Niedersorbisch als vom Aussterben bedroht. „Wir müssen viel tun, um das Sorbische in der Lebenswirklichkeit zu halten“, sagt Maria Elikowska-Winkler über ihre „kleine, sorbische Universität“. Aber der Einsatz lohne sich.

„Immerhin hat in der Region noch heute jeder Zweite bis Dritte sorbische Wurzeln.“ Wer durch die Dörfer der Lausitz fahre, treffe häufig Menschen, die das sorbische Brauchtum, die vielfarbige Sprache ganz für sich in ihrem privaten Umfeld pflegen.

Die gelegentliche Diskussion, ob sich die Lausitzer nun als Sorben oder Wenden bezeichnen müssten, wischt sie beiseite: „Das ist lediglich eine unbegründete Ableitungsfrage, beides ist möglich.“

Viel wichtiger erscheinen ihr die typisch sorbischen Eigenschaften. „Herzlichkeit, Freundlichkeit und Fröhlichkeit.“ Und viele seien auch fromm: „Was ich durchaus schätze, weil es eine Voraussetzung für Moral ist.“ Regelmäßig finden wieder wendische Gottesdienste in der Region statt. Zu DDR-Zeiten war das anders. Nach den Repressalien des Nationalsozialismus, der sich zunächst den „Schauwert der Spreewaldbauern“ zunutze machen wollte und sich später an der „Eindeutschung des wendischen Sprachgebietes“ versuchte, habe es zwar den Anschein gegeben, dass die Sorben als Volksgruppe respektiert würden. „Es gab in der DDR zwar sorbische Feste, aber die Menschen waren als Minderheit wenig beachtet“, sagt die Schulleiterin und erzählt die Geschichte von den Schülern, die Sorbisch als Strafe beim Nachsitzen lernen mussten. Die Spätfolgen seien noch da, Sorbisch werde heute eher im privaten Bereich gepflegt.

„Und die Menschen sind müde geworden, viele finden es nicht mehr wichtig genug.“ Maria Elikowska-Winkler kämpft dafür, dass ihre Kultur nicht verschwindet. „Es gibt viele junge Leute, die heute wieder sorbisch sprechen“, sagt sie mit Verweis auf das Gymnasium. Gerade sei eine WhatsApp-Version auf Sorbisch entwickelt worden.

„Die junge Generation steht vor dem Problem, dass sie ihre Geschichte schon vermittelt bekommen möchte“, sagt Museumspädagoge Ehrhardt in Lehde, „aber oft gehen die jungen Leute dann weg, schon aus Arbeitsgründen.“ Vor diesem Hintergrund werde es schwierig, eine lebendige sorbische Kultur dauerhaft zu erhalten.

Kerstin Krause ist bei ihrem Rundgang in Lehde am sogenannten Doppelstubenhaus angekommen. Um die berühmten Spreewälder Gurken geht es nun. Eine Aufschrift in der Bauernscheune fordert zum Durchhalten in harten Zeiten auf: „Südfrucht vergeht, Gurke besteht“, steht dort. Ob dies auch langfristig für das slawische Volk gilt, das im 6. Jahrhundert die Gurkensamen in die Lausitz mitgebracht haben soll? „Ich glaube nicht, dass es ausstirbt“, sagt die Gästeführerin.

Sorbisch und wendisch – was das bedeutet, werden wohl auch kommende Generationen wissen. Ob die Begriffe dann zur Historie oder zum Lausitzer Alltag gehören, das ist eine andere Frage. Habe Kerstin Krause selbst sorbische Wurzeln, wird sie von Besuchern gefragt. „Nein“, sagt sie und schaut an ihrer sorbischen Alltagstracht herunter, „aber es ist für mich eine Ehre das hier zu tragen, wirklich.“

 

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erstellt am 04.Jul.2016 | 12:00 Uhr

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