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Erinnerungen an Kriegsgefangenenlager : „Die Russen nannten uns Kamerad“

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Bericht über Ausgrabungen hat bei 89- und 90-jährigen Zeitzeugen Erinnerungen geweckt

svz.de von
erstellt am 14.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Der Bericht über Ausgrabungen in einem früheren Kriegsgefangenenlager im polnischen Gorzów, bei denen 641 deutsche Leichen exhumiert wurden, weckte bei Zeitzeugen besondere Erinnerungen. „In dem Lager bin ich selbst gewesen. Von Juni bis August 1945, damals war ich 18 Jahre alt.“ Rudi Schinkel zeigt seine Erkennungsmarke als Wehrmachtssoldat und ein Foto von damals. Sogar den Entlassungsschein aus dem Lager in Gorzów – eine russische „Sprawka“, mit der ihn die Sowjets am 21. August 1945 nach Hause schickten, – hat der 90-Jährige aus Bernau bis heute aufbewahrt.

Der Bericht hat ihn tief bewegt, aber auch etwas geärgert. Denn die polnischen Ausgräber, die die Leichen im September ausgegraben hatten, berichteten, dass einige Skelette Spuren von Misshandlungen aufwiesen. „Ich habe dort aber keine Misshandlungen im Lager erlebt“, berichtet Schinkel. „Im Gegenteil: Wir konnten uns im Lager frei bewegen und wurden bei der Getreideernte eingesetzt. Die russischen Soldaten nannten uns sogar Kamerad. Nur wenn jemand abhauen wollte, haben sie geschossen.“

In den Monaten zuvor hatte Schinkel schreckliche Dinge erlebt. Der 17-Jährige aus Biesenthal bei Bernau war im März 1944 zu einem Pionierersatzbataillon einberufen worden. „Anfang 1945 mussten wir an die Ostfront. Aber weit kamen wir nicht, schon bald strömten uns flüchtende Menschen entgegen.“

Schinkel erinnert sich an den Bomben- und Granatbeschuss pommerscher Städte. „Nach 14 Tagen waren von den 100 Mann unserer Kompanie nur 20 übrig. Wir hatten 20 Tote, 30 Verletzte, der Rest wurde vermisst.“ Da er Schreibmaschine schreiben konnte, „musste ich immer diese schrecklichen Briefe an die Angehörigen tippen: Ihr Mann oder Sohn ist gefallen für Führer und Vaterland und wurde von seinen Kameraden begraben! Dabei waren viele Tote einfach verschwunden“.

Als die Einheit auf dem Rückzug in die Nähe von Bernau kam, gelang es Schinkel, zwei Nächte bei seiner Mutter und den jüngeren Brüdern zu übernachten. „Ganz abhauen konnte ich aber nicht, dann hätte mich die SA erschossen“, berichtet er.

Nach der Gefangennahme durch die Sowjets am 4. Mai sollte er seine Familie noch ein weiteres Mal sehen, da ausgerechnet in Biesenthal ein Durchgangslager für die Deutschen eingerichtet wurde. „Wir liefen durch den Ort und meine Familie stand am Straßenrand. Als ich ihnen zeigte, dass meine Schuhe kaputt waren, rannten meine Brüder nach Hause, um neue zu holen. Einige Tage später ging es nach Landsberg.“

Von dort wurde Schinkel nach drei Monaten nach Hause geschickt, weil er als nicht arbeitsfähig galt. Für Tausende andere ging es weiter zur Zwangsarbeit nach Sibirien.

In Landsberg gab es mehrere Lager, auch eins, das dem sowjetischen Geheimdienst NKWD unterstand. Dass dort viele Insassen getötet wurden oder aus anderen Gründen ums Leben kamen, lässt sich nicht bestreiten. „Von etwa 4000 Deutschen gibt es bisher keine Spuren“, berichtet der polnische Ausgräber Tomasz Czabanski.

Vermisst werden auch Frauen, etwa Marga Hoffmann aus Hennickendorf , heute ein Ortsteil von Rüdersdorf. An ihrem Schicksal ist der 89-jährige Reinhard Hentze aus Hennickendorf interessiert. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Freimütig berichtet der alte Mann, dass er als 16-Jähriger „zum Leidwesen meiner Eltern ein überzeugter Jungvolk-Fähnleinführer von Hennickendorf war“. Im April 1945 habe er auf Befehl eines Wehrmachtleutnants 12- bis 15-jährige Jungs aus seinem Trupp nachts auf Beobachtungsposten geschickt, damit sie durchgebrochene sowjetische Panzer melden sollten. „Bis auf den heutigen Tag bin ich glücklich, dass keiner von diesen Jungs zu Schaden gekommen ist“, sagt er und atmet dabei tief durch.

Ein Mann, der von 1939 bis 1945 Häftling im KZ Buchenwald war, habe ihm später die Augen über die Nazidiktatur geöffnet. Nachdem er in der DDR Lehrer war, kehrte er als Rentner zu seinen Jugenderlebnissen zurück und arbeitete die Geschehnisse von 1945 auf.

Marga Hoffmann war damals die Gemeindeschwester von Hennickendorf. Vermutlich kam sie ins Landsberger Lager, weil ihr Mann glühendes SA-Mitglied war. „Im Sommer 1945 ist sie dort von einem Hennickendorfer gesehen worden, der später wieder nach Hause kam“, berichtete Schinkel. Die Frau soll damals sehr verstört gewesen sein. Danach verliert sich ihre Spur. Bei den Ausgrabungen konnte nicht festgestellt werden, ob unter den 641 Leichen auch Frauen waren. 

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