Auf das Landtagsdach : Die Rückkehr der antiken Helden

Kunsthistorikerin Saskia Hüneke und Joachim Kuke vom Stadtschlossverein beim Rundgang zwischen den Skulpturen des Potsdamer Stadtschlosses
Kunsthistorikerin Saskia Hüneke und Joachim Kuke vom Stadtschlossverein beim Rundgang zwischen den Skulpturen des Potsdamer Stadtschlosses

Potsdamer Schlossverein kümmert sich um Restaurierung und Aufstellung von Skulpturen auf dem Landtags-Dach

svz.de von
12. Mai 2018, 05:00 Uhr

Zwei Sandsteinfiguren stehen einsam auf Dachsims des Landtagsgebäudes in Potsdam. 74 weitere und genau so viele Prunkvasen fehlen noch. Der Schlossverein will das ändern. 

Auf dem Schirrhof des Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ruhen sie: Arme und Beine und hie und da ein Torso. Auf einem quadratischer Sandsteinsockel steht noch ein linker Fuß und die Zehen des rechten. Der antike Held oder Gott zu dem sie gehören ist verschwunden. Für Saskia Hüneke, Chefin der Skulpturensammlung der Stiftung, sind die Überreste des Schmuckes vom Stadtschloss trotzdem wertvoll. Die Füße sagen etwas über die Größenverhältnisse der Figur und über die Körperhaltung aus. Alles wichtige Hinweise bei späteren Rekonstruktionen.

Genau das hat sich der Potsdamer Schlossverein auf die Fahne geschrieben. Die Restaurierung und Aufstellung der zwei Figuren auf dem Kopfbau des Landtages hat er bereits durch Spenden finanziert. Ebenso die drei Trophäengruppen auf dem Fortunaportal. In wenigen Woche soll die erste von vier Adlergruppen auf  das Portal gehievt werden. Kosten für die Sandsteinreskonstruktion: 100 000 Euro.

Nicht alles muss neu geschöpft werden. Beim Abriss des kriegsbeschädigten Stadtschlosses 1960 wurden Teile des Fassadenschmucks gerettet. 18 Skulpturen sind – stark restaurierungsbedürftig – erhalten, 18 weitere in so großen Fragmenten, dass sich Ergänzungen empfehlen.

Vor dem Skulpturendepot auf dem Schirrhof stehen sechs Figuren aufgereiht. Das taufrische Ocker der ersten zeigt, dass sie neu entstanden ist. Bis es so weit war, musste gerätselt werden. Zwar gibt es sehr genaue Messbildaufnahmen des alten Schlosses von 1912. Aber die zeigen das Gebäude immer von unten, die Figuren entsprechend verzerrt.

„Auf den Bildern sah es immer so aus, als ob neben der Figur ein Frosch sitzt“, beschreibt Joachim Kuke, Vorsitzender des Schlossvereins das Dilemma. Irgendwann konnte man das Attribut neben dem Jüngling genauer erkennen – eine Gans. Der Legende nach haben diese Tiere im alten Rom das Capitol mit ihrem aufgeregten Geschnatter vor einem heimlichen Überfall der Kelten gerettet. Der Jüngling mit der in die Luft gestreckten Hand, der auf die Nordwestecke des Stadtschlosses gehört, ist somit eine Allegorie der Wachsamkeit.

Bei vielen anderen Figuren rätseln Saskia Hüneke und ihre Mitstreiter noch. Bauherr Friedrich II. hat es ihnen auch nicht leicht gemacht. Die Figuren, die er aussuchte, haben kaum Attribute. Für den König war es wohl auch ein Test zu sehen, wie gebildet seine Besucher waren und ob sie die zum Teil komplizierten Beziehungen zwischen den Göttern, Helden und Allegorien erkannten.

Ende Mai könnte ein solcher Held, Theseus, auf die Nordostecke des Landtagsgebäudes zurückkehren. Die Figur war weitgehend erhalten, nur der kupferne Speer musste nachgebildet werden. Ariadne, die minoische Prinzessin, die ihm mit ihrem Faden half, aus dem Labyrinth zurück zu finden, lagert ebenfalls schnob restauriert im Schirrhof, erkennbar an dem Knäul in ihrer Hand. Aus der Nähe erkennt man ihren erneuerten Kopf.

Hünecke weist darauf hin, dass es nur noch wenige Bildhauer gibt, die sich in die Bildsprache des Rokoko hineinversetzen und Skulpturen schaffen können, die in großer Entfernung und aus Untersicht wirken.

Eine weitere Figur, gleich hinter Ariadne, ist in einem beklagenswertem Zustand. Das Gesicht ist zerstört, ein Arm bis auf einige Überreste verwittert. Sie hat keine Zukunft auf dem Dachsims. Sie stand auf der Innenseite des Schlosses. Bei der Rekonstruktion des Gebäudes wurden die Proportionen verändert, um mehr Platz für Büros zu schaffen. Deshalb wurde beschlossen, keine Figuren über dem Innenhof aufzustellen. Einen Zweck könnte die Figur trotzdem erfüllen. Der Schlossverein würde sie gern mitten im Innenhof zusammen mit einer Spendenbox aufstellen. Im Herbst soll auch ein Spendenkatalog entstehen. Damit können sich Spender aussuchen, für die Rettung oder Nachschöpfung welcher Figur sie Geld zur Verfügung stellen möchten.

Für Joachim Kuke ist jede zurückkehrende Statue eine Wertsteigerung des Landtagsgebäudes. Brandenburg habe nur wenige Bildhauerwerke von europäischem Rang, die Figuren auf dem Stadtschloss gehören seiner Meinung nach unbedingt dazu. Und irgendwann muss auch entschieden werden, wie man mit den Fragmenten umgeht, die nicht wieder das Dach des Landtages schmücken können beziehungsweise aus dem Inneren stammen, findet Saskia Hüneke.


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