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Brandenburg

17. Oktober 2017 | 22:36 Uhr

Die Rettung kam aus Fernost

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Eine von großer Personalnot geplagte Klinik in Grünheide hat gleich 30 asiatische Pfleger eingestellt

svz.de von
erstellt am 24.Okt.2016 | 09:40 Uhr

Brandenburgs Kliniken und Pflegeheime suchen händeringend Personal. Da sie auf dem hiesigen Arbeitsmarkt nicht fündig werden, richtet sich der Fokus auf das Ausland. Ein Krankenhaus aus Grünheide (Oder-Spree) hat 30 asiatische Pflegekräfte eingestellt.

Mae Caro überlegte nicht lange, als die Agentur den gut bezahlten Job in Deutschland offerierte. Die Philippinerin war ungebunden und viele Jahre arbeitslos. „Dann kommt diese große Chance in mein Leben“, sagt die 30-Jährige. Traumstrände und Tropen vermisst sie kaum. Nur die Eltern fehlen zuweilen. „Aber ich bin hier absolut glücklich“, erzählt Caro.

Im März wagten 15 Pflegekräfte aus dem südostasiatischen Staat in Grünheide den Neuanfang. Dort suchte eine neurologische Reha-Klinik vergeblich nach dringend benötigten Mitarbeitern. Wegen Engpässen musste eine Station geschlossen werden. Im August folgten 15 Chinesinnen. Alle haben eine Universitäts-Ausbildung genossen. Aber es gab keinen Bedarf für sie in der Heimat.

„Es ist eine völlig andere Welt hier“, sagt Caro. Vor allem der Arbeitsalltag unterscheide sich deutlich. „Alles ist perfekt organisiert. „Die Therapien laufen wie ein Uhrwerk ab.“ Im Krankenhaus, in dem sie ihre Ausbildung absolvierte, habe es nicht einmal genügend Platz für die Patienten gegeben.

Hanni Franz würdigt die Bedeutung ihrer neuen Kollegen aus Fernost mit zwei Worten: „Absoluter Glücksfall“. Anfangs habe es Bedenken im Haus gegeben, ob die sprachlichen Barrieren nicht zu groß sind und die Qualifikationen genügen. „Davon ist heute keine Rede mehr“, so die Personalmanagerin für die Median-Kliniken in der Region. „Beim Fachwissen macht man ihnen nichts vor.“

Diese Sicht teilt der stellvertretende Pflegedienstleiter Frank Vogelsang. „Unsere Belegschaft wird multikulturell, das macht unseren Job doch viel interessanter.“ Inzwischen funktioniere die Verständigung immer besser, die Hilfsbereitschaft beim Altpersonal sei groß. So wurden Möbel für Dienstwohnungen gesponsert, manche besorgten Fahrräder.

Jedoch können Pflegekräfte aus anderen Ländern nicht immer sofort eingesetzt werden. Außerhalb von Deutschland werden diese zwar meist akademisch ausgebildet, einfache Tätigkeiten fehlen aber im Praxisplan. „Das heißt, wir müssen ihnen unter anderem beibringen, wie man Patienten wäscht“, berichtet Franz. „Das stellt aber keine große Hürde dar.“

Die Hürden stellt die Bürokratie auf. Zwei Jahre kämpfte Franz um Genehmigungen trotz der Fachkräfte-Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Philippinen. „Besonders schlimm ist es, ein Visum zu bekommen“, erzählt die Personalchefin, die von den Forderungen der deutschen Botschaft fast in die Knie gezwungen wurde. „Alle Eventualitäten mussten abgesichert sein.“

Zudem wurden die Abschlüsse nicht vom zuständigen Landesamt in Brandenburg anerkannt – im Gegensatz zur Entscheidung des Berliner Lageso. „Nachvollziehbar war das für uns überhaupt nicht“, sagt die Personalchefin. Daher sind Philippinos, die vom Klinik-Konzern in Spandau eingestellt werden, sofort als vollwertige Kräfte einsetzbar. In Grünheide sind monatelange Qualifikationen notwendig.

„Wir werden von der Politik leider ausgebremst“, sagt Rolf Weinkauff, Co-Geschäftsführer der Wibu-Gruppe. Die Vermittlungen von Pflegefachkräfte aus Asien scheiterten immer wieder an Formalien – eine große Enttäuschung für ihn. „Unsere Kunden warten nur auf grünes Licht“, betont er.

Den größten Knackpunkt stellen die Sprachkenntnisse dar. Wesentliche Grundlagen wurden auf den Philippinen gelegt: Für eine Arbeitserlaubnis in Deutschland ist ein Zertifikat des Goethe-Instituts vorgeschrieben. „Aber in unserem Haus herrschen andere Bedingungen als in der Schule“, sagt Franz. So können sich Schlaganfall-Patienten nur schwer verständlich machen.

Doch für die betreuungsintensive Reha-Klinik mit 240 Pflegern gab es keine Alternative. Den hiesigen Arbeitsmarkt prägt ein gnadenloser Wettlauf, den meist renommierte Häuser gewinnen. Schon an Pflegefachschulen wird Personal früh angeworben. „Dieses Jahr haben wir erstmals keinen Absolventen abbekommen“, klagt Franz.

Auch Bemühungen im europäischen Ausland brachten kaum etwas. Auf Stellenanzeigen in polnischen Tageszeitungen folgte keine Resonanz. Testläufe mit spanischen Pflegekräften scheiterten. „Sie hatten rasch Heimweh“, so Franz. Eine Suche in Kroatien und Mazedonien war mit einem überschaubaren Ertrag verbunden.

Schon vor Jahren habe die Gesundheitsbranche gewarnt, dass sich der Fachkräftemangel dramatisch zuspitzt, meint die Personalchefin. Bis heute fehlen aber tiefgreifende Konzepte. „Der Pflegerberuf ist unattraktiv.“ Das liege nicht an der Bezahlung.  

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