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Historisch : Die Oder gibt Geschichte frei

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Das extreme Niedrigwasser ärgert die Güterschifffahrt und Bootsausflügler, erfreut aber deutsche und polnische Regionalhistoriker

Die Oder bei Frankfurt bietet inzwischen wieder einen fast normalen Anblick – auch wenn nach wie vor keine Güterschiffe fahren. Die Pegelstände sind mit etwas über zwei Metern zwar immer noch niedrig, aber längst nicht mehr so extrem wie im vergangenen Sommer. „Da hatten wir Wasserstände unter einem Meter“, sagt Sebastian Dosch vom Wasser- und Schifffahrtsamt. Für ihn und seine Kollegen war das extreme Niedrigwasser keine Überraschung, wurden doch schon im Sommer 2015 stellenweise nur noch 50 Zentimeter Wasser gemessen. „Das sind eindeutig Auswirkungen des Klimawandels, sagen die Experten“, erklärt Dosch.

Was vor allem der Güterschifffahrt Sorgen bereitet, weil der Grenzfluss über Monate nicht befahrbar ist, hat positive Nebeneffekte für Geschichtsforscher. Rund 40 Fragmente deutscher Grabsteine haben der Slubicer Regionalhistoriker Roland Semik und Mitarbeiter der Frankfurter Europa-Universität Viadrina im Sommer aus den schlammigen Uferbereichen der Oder geborgen. Die ersten Teile von Grabplatten sowie die Pfeiler einer nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst errichteten Holzbrücke über die Oder hatten sie bereits im Sommer 2015 entdeckt. „Ich wusste von Anglern, die häufig im Grenzfluss fischen, dass auf dem Grund Reste von Grabplatten liegen. Als die Oder sich immer mehr zurückzog, habe ich gezielt danach gesucht“, erzählt Semik, der sich um die Aufarbeitung der deutschen Geschichte am östlichen Oderufer bemüht.

Als die Frankfurter nach dem Krieg ihre östliche Dammvorstadt verlassen mussten, blieben die Toten zurück. Die neu angesiedelten Polen übernahmen den einst deutschen Friedhof. Als dieser schließlich zu klein wurde, verschwanden die deutschen Gräber. „Einige Grabplatten fanden Spaziergänger im angrenzenden Wald, weitere hinter dem Friedhofszaun, andere wurden zerkleinert und für den Straßenbau genutzt“, beschreibt der 32-jährige Pole, der schließlich Alarm schlug, als vor fünf Jahren weitere deutsche Gräber auf dem Slubicer Kommunalfriedhof mit schwerem Gerät eingeebnet wurden und die dabei zutage geförderten Knochen achtlos liegen blieben.

Inzwischen sind die sterblichen Überreste auf Initiative des ehrenamtlichen Denkmalpflegers in einem Sammelgrab an der noch aus deutschen Zeiten stammenden Friedhofsmauer beigesetzt. Eine Gedenktafel erinnert an die deutschen Toten.

Der pietätlose Umgang der Slubicer mit dem deutschen Erbe sei symptomatisch für die aus den Ostgebieten hierher vertriebene und entwurzelte polnische Bevölkerung an der Grenze zu Deutschland gewesen, hat der Jurist herausgefunden.

Gemeinsam mit dem Frankfurter Regionalhistoriker Eckard Reiß hat Semik neben der Friedhofsmauer ein Lapidarium mit inzwischen rund 80 Grabsteinfragmenten angelegt. Können sie Namen entziffern, versuchen sie über alte Adressbücher im Frankfurter Stadtarchiv herauszufinden, wo die Toten einst genau gelebt haben und was sie taten.

Semik ist sich sicher, dass einige der im Oderwasser entdeckten Fragmente vom einstigen jüdischen Friedhof stammen, der sich ganz in der Nähe befand. „Ich habe Teile von Grabplatten mit hebräischer Schrift gefunden, zudem Fragmente, die auf beiden Seiten graviert wurden. Das war untypisch für christliche Gräber.“

Interessiert an diesen Recherchen zur Frankfurter Stadtgeschichte ist Martin Schieck, Direktor des Frankfurter Museums Viadrina. „Herr Semik ist bei uns im historischen Verein. So gehen die Infos nicht verloren.“ Jedoch wird Schieck die gefundenen Relikte aus der Vergangenheit nicht im Museum Viadrina zeigen können. „Sie wurden am polnischen Oderufer gefunden, gehören also nicht uns.“

Regionalhistoriker Semik will im nächsten Sommer weitermachen mit seiner Suche in der Oder. Doch er muss sich beeilen: Geht es nach dem Wasser- und Schifffahrtsamt Eberswalde, sollen die extremen Niedrigwasser des Grenzflusses bald der Vergangenheit angehören. „Wir haben mit der polnischen Seite einen Vertrag geschlossen, systematisch alle Buhnen entlang der Oder instandzusetzen, um damit die Wasserstände zu stabilisieren“, berichtet Dosch. Allein auf der deutschen Flussseite müssten 1200 dieser Wasserbauwerke erneuert werden.  

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