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Rück- und Ausblick : Die Oder außer Rand und Band

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Katastrophale Bilder beherrschten vor 20 Jahren die Schlagzeilen / Land investierte seitdem Hunderte Millionen Euro in Hochwasserschutz

svz.de von
erstellt am 06.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Ein Fluss verschafft sich Platz: Bis dahin unvorstellbare Wassermassen der Oder reißen im Juli vor 20 Jahren alles mit sich, was in deren Fänge gerät. Deiche klappen wie Kartenhäuser zusammen. Das Wasser mäandert ins Hinterland. In Polen und Tschechien sterben mehr als 100 Menschen. In Brandenburg verliert niemand sein Leben. Alles in allem summieren sich die Hochwasserschäden auf märkischer Seite auf eine halbe Milliarde Euro. In Polen waren es 2,5 und in Tschechien 1,75 Milliarden Euro, sagt Albrecht Broemme, Präsident der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW).

Von der „Mutter aller Hochwasser“ in unserer Region spricht der ehemalige Chef des Landesumweltamts, Matthias Freude. „So eine Flut hat bei uns noch niemand erlebt.“ Keiner habe zuvor etwas auf den Klimawandel und die veränderte Niederschlagsintensität gegeben.

Mittelmeer-Einfluss und sintflutartige Niederschläge seien für die meisten so unvorstellbar gewesen, „als wenn Außerirdische auf der Erde landen würden“, betont Freude. Praktisch über Nacht wurde 1997 der Pegel an der polnisch-tschechischen Grenze weggespült. Rasant flossen die Wassermassen dann in Richtung Norden.

Auch wenn die Ziltendorfer Niederung nach Deichbrüchen in den Fluten versank und das Oderbruch einer Beinahe-Katastrophe entkam, sei Brandenburg dennoch mit einem „blauen Auge“ davongekommen, konstatiert der damalige Umweltminister Matthias Platzeck (SPD). Das absolute „Worstcase“-Szenario wurde – unfreiwillig – abgewendet, weil am Oder-Oberlauf in Polen an mehr als 1000 Stellen die Deiche brachen, 650 000 Hektar voll Wasser liefen, ergänzt Freude. „Sonst hätten wir nicht den Hauch einer Chance gehabt“, resümiert der 64-Jährige.

Denn auch in Brandenburg gab es damals 200 bis 300 Jahre alte Deichanlagen, die zum Teil auf sehr rutschigem Untergrund standen. „Früher wurde auch auf Auenton gebaut. Dieser kann im Hochwasserfall glatt wie Seife werden. Die Schutzanlagen werden durch den Druck des Hochwassers einfach weggedrückt“, erklärt Freude. Heute werde diese Lehmschicht abgetragen oder durchankert, damit sich das nicht wiederholen könne. „Wir wissen nach der Katastrophe sehr viel mehr über den Hochwasserschutz. Heute ist der Deichbau eine richtige Wissenschaft.“ Zudem wurde damit angefangen, Flüssen mehr Raum zu geben, Deiche wurden zurückverlegt und es entstanden Überflutungsflächen. Brandenburg investierte Hunderte Millionen Euro in den Hochwasserschutz.

Allerdings nimmt die Gefahr extremer Wetterlagen mit sintflutartigem Regen aufgrund des Klimawandels eher zu. Zu dieser Einschätzung kommt der renommierte Kieler Klimaforscher und Meteorologe Mojib Latif.

Seit 1881 sei die durchschnittliche Temperatur in Deutschland um 1,4 Grad angestiegen. Das bedeute, „dass bei einer Erwärmung von einem Grad sieben Prozent mehr Wasser von der Luft aufgenommen werden kann“.

Speziell Osteuropa, Ostdeutschland und Teile Bayerns gerieten immer stärker unter Mittelmeer-Einfluss. Dabei saugt sich ein Tief über dem Mittelmeer wie ein Schwamm voll Wasser, zieht östlich an den Alpen vorbei und regnet sich in Mittel- und Osteuropa ab.

Das immer wärmere Mittelmeer verdunste infolge des Klimawandels immer mehr Wasser und die wärmere Luft kann so auch immer mehr Feuchtigkeit aufnehmen, erklärte Latif den relativ einfach physikalischen Zusammenhang. „Unsere Simulationen zeigen ganz deutlich, dass gerade diese massiven Niederschläge, die in Zusammenhang mit Mittelmeer-Zyklonen stehen, immer weiter zunehmen“, betont Latif. Diese Wetterlage war auch im Juli 1997 Ursache für die Oderflut.

Wenn der Klimawandel weiter so rasant fortschreite und sich die Temperatur weltweit um vier Grad erhöhe, nütze auch der beste Hochwasserschutz nichts mehr, betont die Geschäftsführerin des Deutschen Klimakonsortiums (DKK), Marie-Luise Beck.

 

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