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TV-Dokumentation fortgesetzt : Die neuen Kinder von Golzow

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Zwei rbb-Reporter begleiten die ersten syrischen Schüler an der berühmten Schule im Oderbruch ein Jahr mit der Kamera

svz.de von
erstellt am 10.Sep.2016 | 16:00 Uhr

Die längste Dokumentation der Filmgeschichte hat die Schule von Golzow berühmt gemacht. Vor einem Jahr wurden dort drei aus Syrien geflohene Kinder eingeschult. Ein rbb-Team hat sie seitdem immer wieder mit der Kamera besucht.

Die Schule von Golzow ist klein, deshalb bedroht, nicht unansehnlich, aber auch kein großer architektonischer Wurf. Trotzdem gehört sie zu den berühmten im Land Brandenburg. 55 Jahre sind vergangen, seit Barbara und Winfried Junge dort ihre Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ begannen. Anfang September 1961 bauten sie ihre Kamera draußen vor dem Fenster im Erdgeschoss der 1. Klasse auf. Die Junges wollten sich bei ihrem ersten Dreh noch möglichst unsichtbar machen. Die Distanz schmolz, die Kamera wanderte nach drinnen, zwischen die Kinder, in ihr Leben. Sie blieb ihr Begleiter, bis die Kinder von Golzow selbst Kinder hatten. So sammelten die Junges Material für die längste Dokumentation der Filmgeschichte, die sie 2007 abgeschlossen haben.

Doch seit dem Frühjahr 2015 wird im Dorf wieder gefilmt. Wieder geht es um die Schule. Nur sind diesmal die Verhältnisse komplizierter. Der Ort zittert seit einigen Jahren um seine Schule, weil Geburtenrückgang und Wegzug aus der strukturschwachen Region die Zahl der Kinder schrumpfen ließ. Als es Anfang 2015 so aussah, als würden nicht einmal die 15 Mädchen und Jungen zusammenkommen, die sich Golzows Schulleiterin Gabi Thomas als Minimum für eine 1. Klasse wünscht, hatte Bürgermeister Frank Schütz die Idee mit den Flüchtlingen. Er sagt: „Zuwanderung ist eigentlich immer eine Chance.“ Ein Satz, den Markus Woller und Michael Lietz für ihre Fernsehreportage „Golzows neue Kinder“ eingefangen haben, die am heutigen Sonnabend im rbb gezeigt wird. Die Reporter hatten etwas darüber machen wollen, wie der Film-Schule der Junges die Kinder ausgehen. Dann bekam die Geschichte durch Frank Schütz’ Initiative einen ganz anderen Dreh. Aus dem Abgesang wurde eine Dokumentation über einen Neuanfang.

Hintergrund: Die Langzeitdokumentation
Die Kinder von Golzow ist eine filmische Langzeitdokumentation über die Schüler einer Schulklasse aus Golzow im Oderbruch. In 20 Filmen begleiteten Barbara Junge und Winfried Junge von 1961 bis 2007 die Lebenswege von 18 Menschen der Jahrgänge 1953 bis 1955. Dabei entstanden mehr als 70 Kilometer und rund 45 Stunden Filmmaterial. Die damit längste Dokumentation der Filmgeschichte endete mit den beiden Teilen „Und wenn sie nicht gestorben sind...“ und „...dann leben sie noch heute“.
Die Filme beleuchten nicht nur die individuellen Lebensgeschichten der Protagonisten, sondern geben auch einen tiefen Einblick in die Geschichte der DDR und ihrer Vereinigung mit der Bundesrepublik sowie in die Ästhetik und den Anspruch des DEFA-Dokumentarfilms.
Die Idee zu diesem Projekt stammt von Karl Gass.1985 ging die Folge Lebensläufe in das „Guinness Film, Fact & Feats“ als Film mit der längsten Produktionsdauer der Filmgeschichte ein. Nach dem Ende der DDR und damit auch der DEFA führte Winfried Junge das Golzow-Projekt in Co-Produktion mit Sendern der ARD, vor allem dem rbb, weiter; die „a jour Film- und Fernsehproduktions GmbH“ ist seitdem Produzent seiner Filme, der Progress Film-Verleih wertet „Die Kinder von Golzow“ im Kino und auf Festivals aus.
Quelle: Wikipedia

Noch bevor die Flüchtlingswelle nach Deutschland schwappte, bemühte sich Schütz, syrische Familien in sein Dorf zu bekommen, die in der Flüchtlingsunterkunft im nahen Voßberg untergebracht waren. Der Ort gehört zur Gemeinde Letschin. Auch deren Bürgermeister Michael Böttcher und Landrat Gernot Schmidt sehen, dass sich durch die Flüchtlinge für das Oderbruch Möglichkeiten auftun, an die dort kaum noch jemand glauben wollte: Bevölkerungszuwachs, Verjüngung, kulturelle Bereicherung.

Durch die Kinder der beiden syrischen Familien, die Schütz nach Golzow holte, bekam das Dorf gerade genug Schüler für die 1. Klasse zusammen. Nour, Kamala und Bourhan haben die Schule durch ihre Anwesenheit gerettet. Sie sind die ersten ausländischen Kinder, die in Golzow unterrichtet werden. Lehrer und Mitschüler haben sie, das zeigt die Reportage nicht pathetisch und doch sehr bewegend, sofort akzeptiert und ins Herz geschlossen.

Das Mädchen Nour aus dem Film „Golzows neue Kinder“
Das Mädchen Nour aus dem Film „Golzows neue Kinder“ Foto: Markus Woller/ Michael Lietz
 

Man sieht im Film, wie groß die Bereitschaft an der Golzower Schule ist, dieses Experiment zu schultern. Und wie enttäuschend behäbig das Schulamt reagiert. Lietz: „Es dauerte ein Vierteljahr, bis der Klassenlehrerin eine zusätzliche Wochenstunde bewilligt wurde, um mit den syrischen Kindern Deutsch zu lernen.“

Als die Mädchen Nour und Kamala – sie waren damals neun – und Kamalas siebenjähriger Bruder Bourhan vor einem Jahr in die 1. Klasse kamen, mussten sie die neue Sprache lernen. Bald zeigte sich: Die syrischen Mädchen sind hoch motiviert und sehr ehrgeizig. Nour sagt im Film, sie möchte zu den Besten ihrer Schule gehören. Lietz und Woller zeigen nicht, erzählen aber, wie streng die syrischen Eltern darauf achten, dass ihre Kinder zu Hause weiterbüffeln. Woller: „Diese Menschen haben begriffen, dass Bildung ihre einzige Chance ist.“ Sich nach der Schule auszutoben, wie ihre Klassenkameraden, war für Nour, Kamala und Bourhan erst drin, als ihre Lehrer darauf drängen, dass sie den Hort besuchen. Das zwanglose Spielen dort ist für Kinder, die ihr halbes Leben auf der Flucht waren, nichts Selbstverständliches.

Nour wohnte mit ihren Eltern Mahmud und Mervat und ihren jüngeren Geschwistern Tasmin und Mohammad in einem Vorort von Damaskus. Sie hatten dort ein Haus, das bei einem Bombardement zerstört wurde. Sie riskierten eine zweijährige Irrfahrt über Italien und Schweden, die sie im Oderbruch stranden ließ. Selbst dort bekamen die traumatisierten Kinder nachts Panikattacken. Noch abenteuerlicher ist, was Kamala und Bourhan mit ihren Eltern Fadi und Halima und ihrem kleinen Bruder Hamza erlebten. Von Syrien flohen sie übers Meer nach Nordzypern, von dort mit dem Flugzeug nach Brasilien, dann zurück in die Türkei und wieder mit dem Schiff nach Italien. Zweimal dachten sie, sie müssten mit dem überfüllten, morschen Schlepper untergehen.

Nach ihrem ersten Schuljahr sprechen die Kinder zum ersten Mal – in fast fließendem Deutsch inzwischen – vor der Kamera über die Todesängste, die sie durchlitten. Dann sieht man sie lachen, spielen, herumtollen. Im Oderbruch sind sie zur Ruhe gekommen. Die Vergangenheit beginnt zu vernarben. Eine Geschichte mit Happy End? Im Moment sieht es nach einem offenen Ende aus. Nach monatelangem Hinhalten haben beide Familien die Bestätigung bekommen, dass sie zumindest für drei Jahre bleiben dürfen. Fadi und Halima, die in Syrien zur gehobenen Mittelschicht gehörten, bestellen inzwischen mit Freude einen heruntergekommenen Garten.

Doch in ihr Leben gewitterte auch jene aufgeheizte Bürgerversammlung vom Herbst 2015. Es ging, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, um 100 syrische Männer, die in der Golzower Turnhalle untergebracht werden sollten. Der Landrat wurde von einem Typen als Lügner und Landesverräter beschimpft, für den es früher die Todesstrafe gegeben hätte. Der Film gibt das im O-Ton wieder. Irgendwann poltert Schmidt in die dümmlich-hetzerischen Kommentare: „Was erzählen Sie hier für eine Pisse!“ Und dann tritt Halima vor die Golzower, spricht unter Tränen von ihrer Dankbarkeit und auch von ihrer Angst. Ob die 100 Männer wirklich alles Syrer und harmlose Flüchtlinge seien, wer könne das wissen? Sie bekommt Applaus, und die Golzower Turnhalle wird kein Massenquartier. Das sei das einzige Mal gewesen, betonen Woller und Lietz, dass sie in Golzow eine derart aufgepeitschte Stimmung erlebten.

Inzwischen haben die Familien im Bruch deutsche Freunde gefunden, ist Schütz längst nicht der einzige Golzower, der von arabischem Kaffee mit Kardamom schwärmt, wurden Nour und Kamala zum Schuljahresbeginn gleich in die vierte Klasse versetzt, wollen Woller und Lietz, vom Geist der Junges umweht, weiter drehen. Sofern das jemand finanziert. Wie sie das Klima an der Schule nun beschreiben würden? Lietz: „Für die Mädchen und Jungen gibt es dort keine Ausländer, sondern nur Kinder.“

>> Die rbb Reporter, „Golzows neue Kinder“, 10. September, 18.32 Uhr rbb.

 

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