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Schule in Golzow : Die neuen Kinder von Golzow

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Im Ort der Langzeitdokumentation gab es im vergangenen Jahr nur dank Flüchtlingskindern aus Syrien eine neue erste Klasse

svz.de von
erstellt am 05.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Diese Zitterpartie wird Bürgermeister Frank Schütz nicht so schnell vergessen. Im August 2015 hätte die Grundschule „Kinder von Golzow“ (Märkisch-Oderland) fast keine erste Klasse aufmachen können. Der Grund: zu wenige Anmeldungen. Die Schule wäre in ernste Gefahr geraten. Noch ein Schuljahr ohne erste Klasse und ihr Betrieb wäre ausgelaufen, sagt der Sprecher des Bildungsministeriums, Florian Engels. Gerettet haben die Schule ABC-Schützen aus Syrien. Sie kamen als Flüchtlingskinder. Zwei Mädchen lernten so schnell, dass sie nun die zweite Klasse überspringen.

Im vergangenen Sommer sorgte der Kindermangel für Schlagzeilen. Nicht zuletzt, weil die Schule durch die Langzeitdokumentation „Kinder von Golzow“ berühmt wurde. Die Dokumentarfilmer Winfried und Barbara Junge begleiteten Erstklässler des Jahrgangs 1961 Jahrzehnte mit der Kamera. Es entstanden über den Mauerfall hinaus anrührende Porträts, ein Filmschatz deutscher Zeitgeschichte.

Bürgermeister Schütz erinnert sich an das Bangen vor Schuljahresbeginn. Das staatliche Schulamt habe zum Stichtag nur 14 neue Erstklässler anerkannt, sagt er. „Das war eine Anmeldung zu wenig.“ Für eine neue erste Klasse braucht eine Grundschule mindestens 15 ABC-Schützen. Viele Eltern protestierten gegen das drohende Ende der Schule. Und Schütz gab nicht auf.

Schon Monate zuvor hatte er sich bemüht, syrische Flüchtlinge in leere kommunale Wohnungen des 850-Einwohner-Dorfes aufzunehmen. Zwei Familien mit sechs Kindern von zwei bis acht Jahren zogen vor einem Jahr nach Golzow. Ein Junge und zwei Mädchen wurden eingeschult. Nur dank ihnen gab es eine erste Klasse.

Die jungen Syrer machten schnell enorme Fortschritte, berichtet Schulleiterin Gabriela Thomas. „Die beiden Mädchen waren so eifrig, dass sie nun eine Klasse überspringen und nach den Sommerferien die dritte Klasse besuchen können.“

An zwei weiteren Oberschulen Brandenburgs sorgten junge Flüchtlinge dafür, dass siebte Klassen zustande kamen - in Glöwen (Prignitz) und Neutrebbin (Märkisch-Oderland), sagt der Sprecher des Bildungsministeriums. Im Land besuchen rund 5500 Flüchtlingskinder Bildungseinrichtungen in öffentlicher Trägerschaft. Das sind 2000 mehr als zu Schuljahresbeginn im September 2015.

Der Bürgermeister von Golzow ist stolz darauf, dass sich die Familien mit einem sicheren Aufenthaltstitel entschieden haben, im Ort zu bleiben. „Sie könnten jetzt auch jederzeit woanders hinziehen, aber sie haben die Vorzüge des Landlebens inzwischen schätzen gelernt.“

Golzow will Bildungsstandort bleiben. Fast jeder aus dem Dorf sei hier zur Schule gegangen, sagt der Bürgermeister, auch seine zwei Söhne. „Wenn Kinder schon im Grundschulalter anderenorts lernen müssen, werden sie früh ihrer Heimat entfremdet“, glaubt er.

Darauf, dass weiter Flüchtlingskinder die Grundschule sichern, verlässt sich Schütz nicht. Er möchte eine „Kleine Grundschule“. Das Konzept wurde in Brandenburg 1995 vor allem für den ländlichen Raum entwickelt. An „Kleinen Grundschulen“ werden Kinder verschiedener Jahrgänge gemeinsam unterrichtet. Dabei ist nicht entscheidend, ob je Klassenstufe genau 15 Schüler lernen. Hauptsache, die Schule hat mindestens 45 Schüler. Auch Bildungsminister Günter Baaske (SPD) hatte das Konzept beim Besuch im Vorjahr für Golzow vorgeschlagen.

Im laufenden Schuljahr gebe es im Land 25 Bildungseinrichtungen, die nach dem Prinzip der „Kleinen Grundschule“ arbeiten dürfen, sagt der Ministeriumssprecher. Dieser Status wird aufgehoben, sobald die Schülerzahlen wieder stabil sind. Die für die „Kleine Grundschule“ notwendigen Unterlagen aus Golzow sind seinen Angaben zufolge jedoch noch nicht vollständig beim Ministerium eingegangen. Es fehle noch das grüne Licht von der Kreisverwaltung Märkisch-Oderland. Für das bevorstehende neue Schuljahr kommt das Modell „Kleine Grundschule“ damit zu spät.

Und so sind es nun wieder zwei syrische Flüchtlingskinder, die die neue erste Klasse „stabilisieren“. Denn zwischenzeitlich ist noch eine dritte syrische Familie nach Golzow gezogen. „Ohne die beiden syrischen Neuzugänge haben wir 15 Anmeldungen, also gerade ausreichend. Aber 17 künftige Erstklässler sind schon eher beruhigend“, sagt Schulleiterin Thomas.

Ab dem kommenden Jahr, da stimmen Schütz und Thomas überein, bräuchte Golzow das Modell der „Kleinen Grundschule“ gar nicht mehr. „2017 haben wir den Geburtenknick laut den demografischen Prognosen überstanden“, sagt der Bürgermeister. Aber sicher ist sicher. Und Schütz hat noch eine leerstehende Wohnung zu vergeben - am liebsten erneut an eine syrische Flüchtlingsfamilie.

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