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Neue Konzepte aus der Bundesdruckerei : Die Identität wird digital

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Experten der Bundesdruckerei arbeiten an Sicherheitslösungen der Zukunft

svz.de von
erstellt am 13.Jul.2017 | 20:45 Uhr

Neil Moore benötigte für die Flucht aus dem Gefängnis im englischen Wandsworth weder eine Eisensäge noch die Hilfe von Wärtern. Er nutzte sein Smartphone. Der notorische Betrüger fälschte ein Schreiben, in dem seine Haftverschonung angeordnet wurde.

Auf dem Handy schuf Moore eine Webseite, die der des zuständigen Gerichts ähnelte. Punkte in der Internetadresse ersetzt er durch Bindestriche. Von dieser Plattform wurde die scheinbar offizielle E-Mail eines leitenden Gerichtsbeamten an das Gefängnis gesendet. Der Trick funktionierte – mit begrenztem Nutzen. Drei Tage später wurde Moore gefasst.

Kim Nguyen erzählt diese Geschichte mit Vorliebe, wenn er auf die Digitalisierung und damit verbundene Hürden zu sprechen kommt. Zwar ist Weg zur papierlosen Behörde von der Politik vorgezeichnet. Noch fehlen aber die Bausteine. Nguyen hat einige davon geschaffen – unter anderem ein elektronisches Siegel, mit denen amtliche Stempel womöglich überflüssig werden.

Die Transformation von Bescheiden für Steuern oder Kindergeld, von Urkunden, Zeugnissen und Kontoauszügen in die digitale Welt sei nicht aufzuhalten, sagt Nguyen (46), Mathematiker und Kryptologe. Er hat in der Bundesdruckerei ein neues Geschäftsfeld mit aufgebaut: digitale Identitäten.

Beteiligt war der Geschäftsführer von D-Trust, einer Tochter des bundeseigenen Unternehmens, auch an der Umsetzung des mit biometrischen Daten ergänzten, lange durch Datenschützer kritisierten Personalausweises. Damit können Bürger vom Sofa viele Dokumente beantragen. So das Ziel. Bisher gibt es nur wenige Anwendungen für die elektronische ID-Funktion. „Wenn man sich die Schlangen in manchen Behörden ansieht, sollte der Vorteil jedem klar werden“, sagt Nguyen.

Trotz der Vorbehalte sind die Grundlagen für die Nutzung von „elektronischen Vertrauensdiensten“ längst auf den Weg gebracht. Schon im Vorjahr wurde eine EU-Verordnung in Kraft gesetzt, mit der die elektronische Identifizierung möglich sein soll. Das ist der gesetzliche Rahmen, in dem sich Nguyen und seine 100 Mitarbeiter bewegen können.

Vertrauen ist gut, Kontrolle besser – dieses Sprichwort leben Mitarbeiter im Hochsicherheitsbereich der Bundesdruckerei. Auf dem Weg zum Arbeitsplatz müssen D-Trust-Mitarbeiter mehrere Schleusen und Zugangssperren überwinden. Beim Zugang in sensible Räume gilt ein Vier-Augen-Prinzip. Mobiltelefone sind nur eingeschränkt nutzbar. „Natürlich ist das aufwändig, aber wir müssen den Auftraggebern nachweisen, dass hier alles absolut zuverlässig läuft“, sagt Nguyen.

Mit dem neuesten Produkt der Bundesdruckerei soll die Sicherheit in Unternehmen erhöht werden. In der Mitarbeiterkarte „GoID“ sind ein Fingerabdrucksensor und eine Gesichtserkennung eingebaut. „Der große Vorteil ist, dass die biometrischen Daten diese Karte nie verlassen“, erklärt Nguyen. „Gleichzeitig wird zu Dokumentationspflichten bei Aufträgen protokolliert, wer eine Maschine bedient oder an einem Rechner gearbeitet hat.“

In der Bundesdruckerei glauben sie, dass dieses Stück Plastik den Markt erobern wird. „Das ist die Eintrittskarte in die digitale Zukunft“, schwärmt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Ulrich Hamann. Nguyen hebt hervor, auch Datenschützer hätten das Produkt gelobt. Im eigenen Haus wird „GoID“ schon getestet. Womöglich können Mitarbeiter künftig auch am individuell einzigartigen Körpergeruch vom System erkannt werden: Diese Technologie wurde von der Bundesdruckerei im Vorjahr zum Patent angemeldet.

Biometrie spielt eine immer größere Rolle. Die Firma Dermalog, an der die Bundesdruckerei beteiligt ist, stattete Banken im afrikanischen Nigeria flächendeckend mit Fingerabdruckscannern aus. So will der Staat Geldwäsche eindämmen.

Andere Länder testen flächendeckend neue Technologien, manche gehen unter die Haut. Beim schwedischen Unternehmen Epicenter Routine können sich Mitarbeiter einen Chip von Reiskorngröße implantieren lassen, um Türen zu öffnen oder den Fruchtsaft in der Cafeteria zu bezahlen. Die Injektion der Chips wird auf Firmenpartys zelebriert.

Stammkunden der schwedischen Staatsbahn lassen sich ihre Tickets unter die Haut spritzen, um sich die lästige Suche nach der Fahrkarte zu ersparen. 2000 Reisende tragen bereits einen Chip, Kosten: 150 Euro. Vorbehalte gibt es kaum, die Fahrgäste fänden das „supercool“, teilt eine Bahnsprecherin mit. Technische Grundlage ist die RFID-Technologie, die seit Jahren bei kontaktlosen Kreditkarten zum Einsatz kommt. Nguyen sieht den „Cyborg“-Trend skeptisch. „Es gibt viele Technologien, wir müssen sie aber in einem sicheren System zusammenfügen“, sagt er.  

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