Landkreis Barnim : Die Heilkräfte der Bäume

Pia Hötzl, Heilpraktikerin aus Wandlitz, schwört auf die therapeutische Kraft des Waldes.
Pia Hötzl, Heilpraktikerin aus Wandlitz, schwört auf die therapeutische Kraft des Waldes.

Neue Trends aus Japan – der Wald als Therapeut gegen Alltagsstress und Stimmungsschwankungen.

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16. Mai 2018, 05:00 Uhr

Neue Trends aus Japan beschwören einmal mehr die Heilkräfte der Natur. Diesmal im Fokus: der Wald als Therapeut gegen Stress und Stimmungsschwankungen. Eine Expertin aus dem Barnim erklärt, worum es geht.

Wer regelmäßig im Grünen unterwegs ist, wird jetzt vielleicht sagen: „Das weiß ich doch alles. Wozu brauchen wir die Japaner, um so etwas Offensichtliches wie die Heilkraft des Waldes zu erkennen?“ Und doch ist es nach Überzeugung von Pia Hötzl leider so, dass zu viele Menschen zu viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringen, sich zu wenig bewegen, den Blick zu selten vom Smartphone heben, um in die Ferne zu schauen, ins Grüne. Da kann ein Denkanstoß von außen nicht schaden.

Die 36 Jahre alte Wahl-Brandenburgerin, Inhaberin einer Waldpraxis in Wandlitz, hat sich dem Thema beruflich auf vielen Wegen genähert. Als Heilpraktikerin der Psychotherapie hat sie zum Beispiel erkannt, dass Sitzungen im Wald oft erfolgreicher sind.

Pia Hötzl erzählt, dass man im arbeitswütigen Japan schon im Jahre 1982 erkannt hat, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Gestressten Werktätigen wurde Shinrin Yoku verordnet, übersetzt: Waldbaden, also das Eintauchen mit allen Sinnen in die Natur. „Wir kommen aus dem Wald, er gehört zu uns. Unser Gehirn kennt das Grün, die Feuchtigkeit, den Duft der Beeren und Pilze“, sagt Pia Hötzl. Waldbaden biete die Chance, „dahin zurück zu reisen, wo wir herkommen“. Sie erinnert daran, wie der Wald zuletzt in der Romantik zum Sehnsuchtsort wurde.

Nun ist daraus eine Wissenschaft geworden, die Waldmedizin. Auf der Insel Usedom gibt es seit Neuestem Europas ersten staatlich anerkannten Heilwald – ein „Gesundheitsstudio in der Natur“, so die Initiatoren. Der japanische Waldforscher Qing Li hat die Wirkung von Terpenen untersucht. Die von den Bäumen abgegebenen chemischen Botenstoffe erhöhen demnach im menschlichen Körper die Zahl der Killerzellen, die dort Krankheitserreger töten.

Aber damit es nicht zu theoretisch wird: Wie geht es denn nun, das Waldbaden? „Stellen Sie sich vor, dass Sie noch nie im Wald waren. Lassen Sie sich faszinieren!“, sagt Pia Hötzl vor dem Betreten des Hains am Wandlitzer Waldwinkel. „Und pusten Sie jetzt bitte mehrmals kräftig durch, damit Platz ist für alles Gute, das jetzt kommt.“

Es folgen die nächsten freundlichen Anweisungen: „Ganz langsam laufen, am besten ohne Ziel. Schweigen Sie, beobachten Sie die Natur, ohne zu bewerten.“ Das Handy sollte selbstverständlich ausgeschaltet sein, aber es dabei zu haben, um gegebenenfalls mit Hilfe von GPS wieder aus dem Wald herauszufinden, ist nicht verkehrt.

Wichtig ist die Langsamkeit. Die Hände auf dem Rücken verschränken oder am Körper halten, mit den Handflächen nach vorn. „Wir zeigen unserem Körper, dass wir nicht im Stress sind“, so die Expertin. Dann geht das Baden los – mit allen Sinnen in den Wald eintauchen. Das Quietschen und Knarzen der Bäume hören, Käfer beobachten, Moos riechen, am besten barfuß Wurzeln abtasten. Wer es mag, kann auch einen Baum umarmen.

Nach etwa 30 Minuten bittet Pia Hötzl zu einer Pause bei Wasser und einem Apfel. Man kann nun über das persönliche Walderlebnis sprechen, man kann aber auch still für sich bleiben. Meditation ist auch eine Möglichkeit, das Waldbaden fortzusetzen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Seit 2012 ist die Waldmedizin an japanischen Universitäten ein eigener Forschungszweig. „Ich beschäftige mich damit, bin aber keine extra dafür zertifizierte Lehrerin“, betont Pia Hötzl. In Süddeutschland boomt derzeit die Ausbildung zum Kursleiter Waldbaden. Angebote in Brandenburg sind bislang noch nicht bekannt.

Ob es nun wissenschaftlich belegbare Effekte sind oder Selbstsuggestion – die Entschleunigung ist nach zwei Stunden Waldbaden durchaus spürbar. „Bei Männern sinkt das Stresslevel schon nach einem Mal um 30 Prozent, bei Frauen ist es noch mehr“, weiß Pia Hötzl. Nach japanischen Erkenntnissen halte der positive Effekt 30 Tage an. Deshalb gelte auch die Faustregel: Waldbaden einmal im Monat, aber dann mindestens zwei Stunden.

Es gehe damit los, dass über einen Waldbesuch Glückshormone ausgeschüttet werden, dass sich Ängste lösen und Schlafstörungen bessern können. Herzschlag, Blutdruck, Immunabwehr, Konzentrationsfähigkeit – all diese Parameter können durch den Wald positiv beeinflusst werden.

Pia Hötzl schreibt in einem Blog unter www.waldpraxis.de über die Heilkraft des Waldes.

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