Polizei-Nachwuchs : Die Hälfte reißt die erste Hürde

Polizei will 300 Nachwuchsbeamte einstellen – trotz Tausender Bewerber kein einfaches Unterfangen

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28. Juni 2016, 05:00 Uhr

Die Polizei-Fachhochschule in Oranienburg (Oberhavel) registriert 2016 einen Bewerberansturm. Jedoch zeigen die Auswahlverfahren: Die Hürden sind für viele zu hoch. Dennoch zeigen sich die Ausbilder optimistisch, sämtliche Stellen besetzen zu können.

Miriam Penzer* wusste, dass sie ein klippenreicher Test erwartet. Doch als zwei Dreiecke auf dem Bildschirm abgebildet waren und sie die sympathischere Figur bestimmen sollte, beschlich sie das Gefühl, dass es eventuell nichts wird mit der Polizeikarriere. Jobfidence, so nennt sich das anderthalbstündige psychologische Messverfahren, ist ein Brocken im Auswahlverfahren.

Von 20 Bewerbern ihrer Gruppe seien fünf durchgekommen, sagt die Eisenhüttenstädterin. Sie war nicht darunter. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so früh scheitere.“ Die 17-Jährige hatte sich auf zweitägige Tests vorbereitet, war mit einem Koffer angereist und hatte eine Unterkunft auf dem Gelände gebucht.

„Es ist ärgerlich, dass man sich nicht richtig beweisen konnte“, sagt sie. Mit dem Diktat, der nächsten Aufgabe, habe sie in der Schule nie Probleme gehabt. Zudem fühlte sie sich fit für den Sporttest. Eine zweite Chance erhält sie bei der Brandenburger Polizei frühestens in drei Jahren, bis dahin ist sie als Bewerberin gesperrt.

Die erste Hürde hat es in sich, sagt Marion Ratzsch, Sprecherin der Fachhochschule. 40 bis 50 Prozent der Bewerber fahren nach dem psychologischen Test nach Hause. Auch beim Diktat häufen sich die Fehler. Beim Sporttest bleibt ein Drittel der verbliebenen Bewerber auf der Strecke. Dreierhopp, Pendel-Sprint und ein 2000-Meter-Ausdauerlauf sind drei Disziplinen. Männer müssen drei Klimmzüge zeigen, Frauen zehn Liegestütze. Hinzu kommt der Nachweis, ob die Bewerber mit Einsatzmitteln hantieren können. „Gerade die Klimmzüge sind für manche ein Problem“, so Ratzsch. Am Ende steht das Vorstellungsgespräch mit Rollenspiel.

Rund 6000 Bewerber haben sich 2016 bei der Fachhochschule gemeldet, 1500 mehr als in den zwei Vorjahren. 300 Polizeianwärter sollen im April und Oktober eingestellt werden, vielleicht wird auf 350 aufgestockt.. Das sind dreimal so viele wie 2010. Die Erfahrungen zeigen, dass sich die Hälfte für eine Laufbahn im gehobenen Dienst interessiert.

„Die Bewerberzahl ist erfreulich“, meint Ratzsch. „Aber das Feld hat sich schon ausgedünnt, wenn die Auswahlverfahren anstehen.“ Viele seien zwischenzeitlich abgesprungen. Im April blieben einige Stellen für Nachwuchsbeamte frei. „Diese Lücke wollen wir im Oktober schließen“, sagt Ratzsch.

An den Prüfungskriterien werde sich nichts ändern, betont Ingo Decker, Sprecher des Innenministeriums. Aber es gebe konkrete Überlegungen, das Höchstalter für Einstellungen heraufzusetzen. Derzeit dürfen Polizeianwärter im mittleren Dienst maximal 26, im gehobenen Dienst höchstens 31 Jahre alt sein. „Wir müssen auch jenen eine Chance geben, die eine erste Ausbildung absolviert haben, aber die Berufswahl sich im Nachhinein als falsch darstellt“, begründet Decker.

Zudem wurden Planungen mit dem Landkreis angeschoben, die Rahmenbedingungen an der Fachhochschule zu verbessern. So existieren bisher keine Wohnheime am Standort, in den Akademien anderer Bundesländer schon.

*Name geändert

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