Die gute Stube am rauschenden Bach

Lebt direkt am Fluss und produziert per Wasserrad selbst Strom: Heinrich Kahlbaum, der seine Mühle vor 30 Jahren kaufte.suho
Lebt direkt am Fluss und produziert per Wasserrad selbst Strom: Heinrich Kahlbaum, der seine Mühle vor 30 Jahren kaufte.suho

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14. August 2010, 01:57 Uhr

Wildau-Wentdorf | Es gibt Häuser, die sind außergewöhnlich - wegen ihrer Bauweise, ihrer Nutzung oder ihrer Bewohner. Für die Reihe "Anders Wohnen in Brandenburg" besuchen wir Menschen in der Mark in ihren vier Wänden.

Manchmal stellt Heinrich Kahlbaum das Zuppinger Wasserrad ab. Nachts oder für einen besonders sensiblen Gast. Aber eigentlich gefällt ihm das Rauschen ganz gut. Zumal der Ingenieur froh ist, wenn das Rad im Hochsommer überhaupt läuft. "Im Frühling gehts durch, aber jetzt fließt meistens zu wenig Wasser ab", sagt der 56-Jährige. Vor 30 Jahren hat Kahlbaum die Mühle in Wildau-Wentdorf im Landkreis Teltow-Fläming gekauft und ist mit seiner Frau und den damals zweijährigen Zwillingen aus dem Berliner Studentenwohnheim in die ehemalige Müllers wohnung gezogen.

Es war Zufall: "Mein Vater hat mir eine Annonce aus der Zeitung vorgelesen und wohl selbst nicht dran geglaubt, dass ich das ernst nehme", erzählt der Ingenieur, der seinerzeit gerade sein Studium beendet hatte. Immerhin kannte er die Gegend schon. Drahnsdorf, wo er aufgewachsen ist, ist gut zwei Kilometer von Wildau-Wentdorf entfernt. An Zufall jedoch mag man kaum glauben, wenn man hört, dass der Lebensmitteltechnologe heute Wasserkraftwerke und Windräder plant. Auch das Mühlrad an seinem Haus plätschert nicht nur so zum Spaß. Mit einem Generator wird der Strom fürs Haus erzeugt, und der Rest ins Netz eingespeist. Rund 6000 Kilowattstunden im Jahr produziert sein Mühlrad. Auch schon früher kam der Strom fürs Dorf von dort, "soll aber ganz schön teuer gewesen sein", haben ihm ältere Dorfbewohner erzählt.

Im Haus selbst haben die neuen Bewohner so gut wie alles verändert: Wo Heinrich Kahlbaum heute seinen Kaffee kocht, hatte die Müllersfamilie einst ihr Schlafzimmer. Von der Küche im Keller sind nur noch ein paar Ofenkacheln übrig. Der Schriftzug "Trautes Heim, Glück allein" prangt nun über dem neuen Herd der Kahlbaums, dem Nachbau eines DDR-Modells. Überhaupt hebt der Hausherr vieles auf, um es dann woanders einzufügen: Der grüne Kachelofen aus dem alten Schlafzimmer wurde im Wohnzimmer wieder aufgemauert, ein Teil des schmiedeeisernen Gartenzauns soll das Geländer für die Dachterrasse werden. Nur dass er den Kupfer-Badeofen verschrottet hat, ärgert den Hausherren heute.

Daran, auch die leer stehende Mühle wieder bewohnbar zu machen, war vor 30 Jahren erstmal nicht zu denken. Als "halbdesolat" beschreibt Heinrich Kahlbaum den damaligen Zustand des alten Gemäuers. "Das Theater im Palast hatte hier ein kleines Lager für Requisiten", erinnert er sich. Die Kinder waren begeistert und nutzten Bühnenbilder, schmiedeeiserne Betten und auch den Sarg als Abenteuerspielplatz.

Mitte der 90er Jahre dann baute Kahlbaum mit EU-Fördermitteln und der Unterstützung der Mühlenvereinigung Berlin-Brandenburg das Bauwerk aus. Seitdem liegt die rostige Francis-Schachtturbine von 1919 als technisches Denkmal am Ufer, der gusseiserne Gasmotor von 1905, der einen ziemlichen Lärm gemacht haben muss, ist in der Mühle ausgestellt. 1660 wurde die "Thammühle zu Wildau" erstmals urkundlich erwähnt, aber vermutlich wurde hier seit der Besiedlung im 13. Jahrhundert Getreide gemahlen. Ende der 1960er Jahre hat die letzte Müllersfamilie die Anlage stillgelegt.

Ganz unten im Haus befinden sich heute der Gastraum und die Küche, im zweiten Stock gibt es vier Zwei-Bett-Zimmer und unterm Dach eine Wohnung. Vom Arbeitszimmer im ersten Stock aus blickt man auf Hof und Garten, wo der Fluss Dahme direkt hindurch fließt. "Ich kann jederzeit Wasser schöpfen, zum Gießen oder Hände waschen", sagt Kahlbaum und balanciert barfuß über die Brücke, die derzeit nur aus zwei Stahlstreben besteht. Im Garten gedeihen Kartoffeln, Zwiebeln, Erdbeeren, Esskastanien, Robinien und Schwarznuss, die er gegen die Monokultur im Wald aufzieht. Das Abwasser wird per Schilfkläranlage gereinigt.

An den Wochenenden klingeln ab und zu Touristen, die sich die Mühle ansehen wollen, ansonsten bleibt es ruhig. Abwechslung verschaffen die Pferde Flori und Einstein und manchmal eine Ausfahrt mit der Kutsche von 1910. Auch einige Hochwasser hat Heinrich Kahlbaum schon miterlebt. "Das kommt nicht häufig vor, alle drei bis vier Jahre. Aber wenn das Wasser anfängt zu wirbeln, zu gurgeln und übers Ufer steigt, ist das durchaus auch imposant oder sogar gefährlich."

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