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Gesetzesnovelle : Die fetten Jahre sind vorbei

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Windkraftverbände prognostizieren Auftragseinbrüche und Personalabbau

svz.de von
erstellt am 29.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Noch zehrt die Windkraftbranche vom ungezügelten Wachstum der vergangenen Jahre. So wurden in den ersten sechs Monaten dieses Jahres noch jene Projekte abgearbeitet, die vor der Gesetzesnovelle genehmigt wurden. Doch künftig wird der Markt durcheinandergewirbelt.

Der Strom, der durch wuchtige Rotoren auf den Äckern und den Meeren dieses Landes produziert wird, fließt auch weiterhin zuverlässig. Daran hat Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie (BWE), keine Zweifel. Aber auf die kommenden Jahre blickt er mit Skepsis. Denn dann wird das geänderte Erneuerbare-Energien-Gesetz deutlich spürbar. „Der Markt gerät dann richtig in Bewegung“, meint er.

Albers ist Landwirt und Geschäftsführer verschiedener Bürgerwindparks in Schleswig-Holstein. Die neuen Regelungen haben diesen kleinen Betreibern zum Aufschwung verholfen: Sie befinden sich jetzt auf Augenhöhe mit den Schwergewichten, da die Windenergieleistungen seit Jahresbeginn ausgeschrieben werden. Die Marktmacht zählt nicht mehr, wohl aber der angebotene Preis. Bei einer ersten Ausschreibung gingen 96 Prozent der Zuschläge an Bürgerprojekte.

800 Megawatt wurden im Mai von der Bundesnetzagentur ausgeschrieben, 256 Gebote gingen ein – für eine Gesamtleistung von 2100 Megawatt. Der Wettbewerb ist also hoch. Im August gehen 1000 Megawatt in die Verlosung. Das Problem sei jedoch, sagt Andreas von Bobart, Vize-Vorsitzender des Verbandes der Anlagenhersteller VDMA, dass viele erfolgreiche Bieter sich im Vorfeld nicht um die Genehmigungen gekümmert haben. „Das wird schon 2018 zu einer Delle bei den Aufträgen führen“, sagt er. „2019 wird das Jahr der Wahrheit.“

Derzeit zehrt man noch von den Genehmigungen, die im Vorjahr erteilt wurden und für die eine Übergangsregelung gilt. 790 Windkraftanlagen mit einer Leistung von rund 2300 Megawatt wurden nach einer Statistik der Deutschen Windguard in den ersten sechs Monaten errichtet, elf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Genau ein Zehntel davon wurde in Brandenburg errichtet. Schwerpunkte des Windenergieausbaus waren Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen – in beiden Ländern kamen allein 330 Rotoren hinzu. Insgesamt produzieren demnach deutschlandweit schon 27 900 Windräder den Ökostrom. Brandenburg liegt mit 3670 Anlagen nach Niedersachsen (6020) auf dem zweiten Platz – noch vor Schleswig-Holstein (3630).

Überhaupt werden über 84 Prozent des aus Windkraft erzeugten Stroms im Norden und in der Mitte der Republik in die Netze eingespeist, nur 15 Prozent im Süden. „Der Süden holt aber seit Jahren auf“, sagt Albers. Durch immer effizientere Anlagen sei auch dort eine gute „Windernte“ möglich. Ein Vergleich: Im Schnitt sind die Windmühlen in Baden-Württemberg 50 Meter höher als in Schleswig-Holstein.

Nach Ansicht des Bundesverbandes Windenergie ist die wirtschaftliche Beteiligung von Kommunen und Bürgern der Schlüssel für eine größere Akzeptanz. „Alle müssen zum Zuge kommen“, sagt Albers. Er kritisiert zudem, dass die Debatte in die falsche Richtung gelenkt werde: „Wenn es so weitergeht, werden die Klimaziele der Bundesregierung weit verfehlt.“

Größtes Hindernis für den Ausbau in Brandenburg sei die in manchen Regionen weiterhin fehlende Rahmenplanung, sagt Jan Hinrich Glahr, Chef des BWE-Landesverbandes. Er erkennt auch große Defizite bei der Bürgerbeteiligung. Brandenburg sei zwar beim Ausbau ganz vorne dabei, aber bei Kommunikationsmaßnahmen ganz weit hinten, so Glahr kürzlich.

Die Anlagenproduzenten erwarten angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen eine weitere Konsolidierung – zumal der Markt europaweit schwächelt. „Der Personalabbau wird sich fortsetzen“, glaubt von Bobart. Die Auswirkungen spürt auch Brandenburg. Hier arbeiten 9400 Menschen in der Branche. Jüngstes Beispiel für die Einschnitte: Der luxemburgische Windanlagenhersteller Senvion will seinen Standort in Trampe (Barnim) schließen. 200 Jobs sind bedroht.

 

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