Flüchtlinge in Brandenburg : Deutsch lernen in der Bibliothek

Der 67-jährige Bruno (l.) übt mit Ali aus Afghanistan deutsche Buchstaben schreiben.
Der 67-jährige Bruno (l.) übt mit Ali aus Afghanistan deutsche Buchstaben schreiben.

Die Bücherregale sind gut gefüllt, es gibt Internet – und oft auch Wlan: Bibliotheken bieten Flüchtlingen Platz zum Lernen

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20. Juni 2016, 19:04 Uhr

Der 19-jährige Ahmad verbessert seinen Vater: Aus seiner Sicht spricht der 54-jährige Amamadin einige deutsche Worte des Übungsbuches nicht richtig aus. Während der Junge Monatsnamen und Automarken flüssig herunterrasselt, stockt der Ältere an manchen Stellen und schaut sich hilfesuchend um. „Pizza“, sagt er aber triumphierend. Beide sind aus Afghanistan geflohen, seit drei Monaten in Brandenburg und wollen so schnell wie möglich die deutsche Sprache lernen.

In die Stadt- und Landesbibliothek Potsdam kommen sie zwei- bis dreimal die Woche nachmittags in eine Lernwerkstatt. Fast 60 Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen beim Lesen und Schreiben oder beantworten Fragen zum unbekannten Alltag in der neuen Heimat.

Im Land leben etwa 26 000 Flüchtlinge und Asylbewerber mit verschiedenem Aufenthaltsstatus. Wie viele die etwa 150 märkischen Bibliotheken nutzen, wird nicht erfasst. „Die öffentlichen Einrichtungen werden aber zunehmend angenommen“, sagt Cornelia Stabrodt, Direktorin der Fouqué-Bibliothek Brandenburg/Havel und stellvertretende Vorsitzende des Brandenburger Bibliotheksverbandes. In der Potsdamer Bibliothek sind 4000 Asylbewerber eingetragen.

Neuankömmlinge zieht es nicht gleich in die Bibliothek. „Zuerst müssen die Grundbedürfnisse geklärt werden, wie Unterkunft, Essen oder Kleidung“, sagt Stabrodt. „Aber dann geht es um Bildung.“ Viele Ausländer werden vom kostenlosen Internet und Computerplätzen angelockt - auch um Kontakt mit der Heimat zu halten.

Die Bibliotheken verfügen meist über Wörterbücher und fremdsprachige Literatur - vor allem für Kinder. „Zur Zeit werden Anschaffungen für den Deutschunterricht aus laufenden Etats finanziert“, sagt Stabrodt. „Da müssen wir kreativ sein.“ Geplant ist der Kauf von 21 Bücherkisten mit zweisprachigem Unterrichtsmaterial zum Deutschlernen. Damit wollen Bibliotheksmitarbeiter in den Unterkünften für die Einrichtungen werben. Die Nutzung ist für die Asylbewerber meist kostenlos.

In die Potsdamer Bibliothek kommen zur Lernwerkstatt Flüchtlinge meist aus Afghanistan, Pakistan, Somalia und Nigeria, sagt Direktorin Marion Mattekat. 1700 zweisprachige Bücher stehen bereit: unter anderem auf arabisch, albanisch, türkisch, englisch und russisch. „Wegen der starken Nachfrage dürfen einige nur vor Ort genutzt werden“, sagt sie. Über eine private Stiftung können weitere Titel angeschafft werden. „Das Interesse an Büchern zur beruflichen Bildung und Ratgeber zu Gesundheits- und Rechtsfragen ist besonders groß“, betont Mattekat.

Die afghanischen Schüler üben seit einer Stunde. Ihr ehrenamtlicher Lehrer – der 67-jährige Bruno – lässt den 19-jährigen Ali akribisch Zeile für Zeile deutsche Buchstaben in ein Schulheft schreiben. Ab und zu stockt der Bleistift, der eine oder andere Buchstabe wird krakelig. „Ich weiß, in deiner Muttersprache Farsi geht das fix“, lobt Bruno. Er fordert den jungen Mann auf, etwas über sich zu erzählen. „Ich war Mechaniker und Barbier“, erklärt der recht flüssig in der neuen Sprache. „Barbier will ich wieder machen“, sagt er und zeigt auf den Haarschnitt seines Freundes Reza. „Das habe ich gemacht.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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