Justiz : Der Wahrheit auf der Spur

Max Steller erstellt Gutachten zur Glaubwürdigkeit von Zeugen.
Max Steller erstellt Gutachten zur Glaubwürdigkeit von Zeugen.

Rechtsgutachter Max Steller zeigt schwerwiegende Fehler der Justiz auf

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28. Januar 2016, 09:09 Uhr

Max Steller hat schon so manchen Unschuldigen aus den Fängen der Justiz befreit und geholfen, Verbrecher hinter Gitter zu bringen. Er ist Deutschlands renommiertester Aussagepsychologe. Seit mehr als 40 Jahren begleitet er Prozesse, um herauszufinden, ob Zeugen die Wahrheit sagen oder lügen.

An der Frankfurter Viadrina-Universität hat der 71-Jährige sein neues Buch „Nichts als die Wahrheit?“ vorgestellt und erläutert, warum jeder unschuldig verurteilt werden kann.

Stellers Expertenwissen ist vor allem dann gefragt, wenn Aussage gegen Aussage steht und es keine Beweise gibt. Wie im Fall des Fernsehmoderators Andreas Türck. Vor zwölf Jahren erhob die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main Anklage gegen den damals 35-Jährigen wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung. Eine junge Frau hatte behauptet, Türck habe sie zum Oralverkehr gezwungen. Am Ende des Prozesses beantragte die Staatsanwaltschaft Freispruch, weil sie inzwischen erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des angeblichen Opfers hatte.

Ausschlaggebend für den Sinneswandel der Anklagebehörde war das psychologische Gutachten Stellers, der zu dem Schluss gekommen war, dass die Aussage des mutmaßlichen Opfers nicht den tatsächlichen Ereignissen entsprach, die Frau einen einvernehmlichen Geschlechtsverkehr wahrscheinlich nachträglich als Gewalt empfunden hat.

Türck hatte – vom Freispruch abgesehen – keinen Grund zum Jubeln. Der Fall hatte immense mediale Aufmerksamkeit auf sich gezogen. An Türck blieb ein Makel haften, seine Arbeit als TV-Moderator war viele Jahre unterbrochen.

Doch es kann noch schlimmer kommen. Steller berichtet von einer jungen Frau, er nennt sie Nicole. Er habe die Anfang 20-Jährige begutachtet, nachdem sie ihren Vater, ihre Brüder und zwei Polizisten des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatte, erzählt der Psychologie-Professor. Der Vater saß seit drei Jahren im Gefängnis, als eine Staatsanwältin stutzig wurde und Steller einschaltete. Der Rechtspsychologe teilte der Staatsanwältin nach vielen Sitzungen mit, dass er erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt von Nicoles Aussagen hat und eine Borderline-Störung vermutet.

Aber die Frau konnte noch lange weiter lügen. Erst einem Hamburger Anwalt konnte sie stoppen und über ein Wiederaufnahmeverfahren ihren Vater aus dem Gefängnis zu holen. Da hatte er schon sieben Jahre Haft hinter sich. Nicole selbst sei damals nicht zur Rechenschaft gezogen worden, kritisiert Steller. Ihr wurde Schuldunfähigkeit attestiert.

Steller ist der Ansicht, dass jeder unschuldig verurteilt werden kann. „Die Glaubwürdigkeit von Zeugen festzustellen, stellt Gerichte mitunter vor Probleme“, sagt er. „Es läuft einiges schief bei der Wahrheitsfindung.“

Auch weil der Opferschutz mitunter übertrieben werde – besonders, wenn es um Sexualdelikte gehe. Gesetze zum Opferschutz begrüßt der Gutachter ausdrücklich. Nur dürften sie nicht dazu führen, dass durch Falschaussagen vermeintliche Opfer nicht erkannt werden. Die Unschuldsvermutung gelte für alle Delikte, betont Steller. „Mir ist es lieber, jemand wird ungerechtfertigt freigesprochen, als dass jemand zu Unrecht verurteilt wird.“

Aussagepsychologie sollte systematischer Bestandteil der juristischen Ausbildung werden, fordert Steller, der bis zur Pensionierung an der Berliner Charité tätig war. Die Wissenschaft ist mehr als 100 Jahre alt. Und Steller ein absoluter Experte darin. Wichtig sei es, die richtigen Fragen zu stellen, konzentriert Akten zu lesen und Widersprüche zu erkennen, sagt er. „Lügen ist schwer. Die Lüge bedarf viel Anstrengung.“ Deshalb würden Lügner Fehler machen, sich verzetteln. „Wer die Wahrheit sagt, spricht anders. Wahre Aussagen enthalten inhaltliche Merkmale, die darauf hindeuten, dass man sich das nicht ausgedacht haben kann. Lügner erzählen weniger anschaulich“, weiß der Rechtsgutachter.

Stellers größter Fall waren die drei Wormser Prozesse vor dem Landgericht Mainz zwischen 1994 und 1997. 25 angeklagte Frauen und Männer, 16 angeblich missbrauchte Kinder. Es war die Zeit, als sexueller Missbrauch in aller Munde war. Steller spricht von einer wahren Hysterie, die leider auch zu falschen Verdächtigungen führte. Gutachter hätten den Kindern monatelang suggestive Fragen gestellt, am Ende hätten die Kinder sogenannte Scheinerinnerungen entwickelt und unbewusst falsch ausgesagt.

Als er 1995 hinzugezogen wurde, habe er in den Akten genau erkennen können, wie die Kinder von gut meinenden Erwachsenen unter Druck gesetzt worden waren, sagt der Psychologe. In Wirklichkeit hatte es den massenhaften sexuellen Missbrauch nicht gegeben. Alle Angeklagten wurden freigesprochen.

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