Der Traum vom deutschen Pompeji

 Dieser Fund gilt als einmalig in Europa: Die Überreste eines Kellers aus dem 13. Jahrhundert und andere Entdeckungen machte das Archäologenteam  in Freyenstein.ddp
Dieser Fund gilt als einmalig in Europa: Die Überreste eines Kellers aus dem 13. Jahrhundert und andere Entdeckungen machte das Archäologenteam in Freyenstein.ddp

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09. März 2010, 01:57 Uhr

Wittstock/Dosse | Die archäologischen Fundstücke, die Thomas Hauptmann jüngst aus der Erde der Prignitz holte, kommen einer kleinen Sensation gleich: Über 200 metallene Gegenstände umfasst die Ausbeute, die der Archäologe nach langjährigen Untersuchungen den Sandböden nahe Wittstock/Dosse entlockte. "Neben militärischen Utensilien wie Reitersporen und Armbrustbolzen haben wir Haushaltsgegenstände wie Hammer und Sicheln, Schlossreste und sogar Schlüssel gefunden", sagt Hauptmann. Diese Stücke stammten wohl aus der Zeit zwischen 1200 und 1300 n. Chr., vermutet er.

Hinzu kommt als kleines Wunder der Fundort selbst. "Die Stücke gehören zum Hausstand eines begüterten Stadtbürgers, der in einer burgähnlichen Behausung lebte. Bislang wussten wir gar nicht genau, ob in der Gegend Burgen gebaut wurden", erläutert Hauptmann.

Mit der Präsentation der Stücke gestern im Wittstocker Rathaus setzt der Archäologe Hauptmann den vorläufigen Höhepunkt seiner bisherigen Arbeit. Seit mehreren Jahren sucht er im Dorf Freyenstein nach den Resten jener gleichnamigen Stadt, die im 13. Jahrhundert im Zuge von Kriegen zwischen der Mark Brandenburg und Mecklenburg zerstört worden sein soll. Seine jetzigen Entdeckungen wurden durch neuartige Methoden der geophysikalischen Bodenuntersuchung möglich. "Durch ein spezielles Gerät bekamen wir ein stadtplanähnliches Magnetogramm, bei dem die mittelalterlichen Baustrukturen am Computer sichtbar wurden", sagt Hauptmann über das erstmals in Deutschland angewendete Verfahren. Insgesamt wurden so 100 Keller entdeckt. Ob nun alle ausgegraben werden, ist unklar. "Die Grabungen erfolgten an kleineren Stellen, um die bisherigen Interpretationen überprüfen zu können", so der Experte.

Dass unter der Grasnarbe der Felder um Freyenstein über 700 Jahre lang ein gewaltiges archäologisches Potenzial schlummerte, ist indes lange bekannt. Schon zu DDR-Zeiten Mitte der 80er-Jahre hatten Archäologen mit ihren Grabungen an gleicher Stelle begonnen. Gefunden wurden damals zwar nur einzelne Behausungen, die Besonderheit der Entdeckung bestand aber in der Lage der Stellen. So war schnell klar, dass die zu Ende des 13. Jahrhunderts aufgegebene Stadt in den Folgejahrhunderten nie überbaut wurde und einmaliges Zeugnis der Besiedlung jener Zeit ist.

Angesichts der jüngsten Funde von Hauptmanns Team sieht der Bürgermeister von Wittstock/Dosse, Jörg Gehrmann (parteilos), nun eine gewaltige Chance für seine Stadt: "Freyenstein wird eine Art deutsches Pompeji", versucht der Politiker einen gewaltigen Vergleich. Vom italienischen Vorbild motiviert, hat er schon einen Gesamtplan für die touristische Erschließung des 25 Hektar großen Geländes parat. "Wenn die Archäologen alles freigelegt haben, könnten die ausgegrabenen Wohnstätten direkt oder über Glasplatten begehbar sein", lautet Gehrmanns Vision. Spätestens in zehn Jahren will er gemeinsam mit den Mecklenburger Nachbarn im Norden diese touristische Nische nutzen. "Nach Mecklenburg fahren die Leute zur Erholung und für Wellness. Wir komplettieren das Angebot für diese Klientel mit Bildungstourismus."

Das wäre der zweiten Anlauf, mit Archäologiefunden Touristen nach Freyenstein zu locken. Im Jahr 2007 wurde ein archäologischer Park eröffnet, der aus einer freigelegten Feldsteinmauer und einem kleinen Museum besteht. Sehen wollten ihn bislang nur wenige, 2009 kamen gerade 1500 Besucher. Um den zweiten Versuch erfolgreicher zu gestalten, fordert Gehrmann deshalb auch umfangreiche finanzielle Unterstützung vom Land und vom Bund: Rund fünf Millionen Euro würden gebraucht.

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