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Tourismusprojekt stört den Dorffrieden : Der Streit um den Kirchturm

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

In Altkünkendorf hängt der Dorfsegen schief. Der Kirchturm soll zum Aussichtspunkt werden – viele befürchten einen Touristenansturm

svz.de von
erstellt am 13.Okt.2017 | 05:00 Uhr

Die Idee klingt einfach aber originell: 2013 hatte das Stadtparlament Angermünde (Uckermark) beschlossen, den 34 Meter hohen Kirchturm im Ortsteil Altkünkendorf auszubauen, damit Besucher gefahrlos hinaufsteigen und aus den Fenstern den Blick auf Brandenburgs schönsten Buchenwald Grumsin im Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin genießen können.

„Vor sechs Jahren war der Grumsiner Forst von der Unesco zum Weltnaturerbe ernannt worden. Der Titel ist nicht nur Anerkennung, sondern für uns Verpflichtung, den wertvollen Naturraum für Menschen erlebbar zu machen“, sagt Angermündes Bürgermeister Frederic Bewer (parteilos). „Das ist ja kein Totalreservat, das keiner betreten darf“, sagt er. Mit dem Ortsbeirat Altkünkendorf wurden Ideen entwickelt. Im Dorfgemeinschaftshaus entstand der Infopunkt mit Material zum mehr als 560 Hektar großen Grumsiner Forst. Von Donnerstag bis Sonntag betreuen Freiwillige die Besucher-Anlaufstelle.

Zwei Altkünkendorfer ließen sich zu Natur- und Wanderführern ausbilden. An der Feuerwehr wurden Parkplätze für Besucher gebaut. Die Idee eines Aussichtsturms wurde verworfen, da Neubauten im Biosphärenreservat kaum umsetzbar sind, deutet der Bürgermeister an. „Dann kamen wir auf den Kirchturm. Voraussetzung war, dass wir vom Land finanziell unterstützt werden“, sagt er. Die Zusage kam zu Jahresbeginn: Mehr als 180 000 Euro Lottomittel stehen bereit. Immerhin ist der Grumsiner Forst das einzige Weltnaturerbe in Brandenburg und damit ein Aushängeschild für das Land.

Seit der Finanzzusage ist der Dorffrieden dahin. Einige Einwohner fürchten um ihre Privatsphäre, wenn ihnen Turmbesteiger von oben in den Garten schauen können. Der Ort würde zugeparkt von vielen Touristen, mit der Idylle sei es dann vorbei. „Wegen der Ruhe sind wir doch vor zwei Jahren aufs Land gezogen“, sagt Thomas Hinz. Jetzt aber werde der 172-Einwohner-Ort zur Touristen-Hochburg gemacht.

Mit Touristen hat der geborene Angermünder schlechte Erfahrungen gemacht. „Im Infopunkt gibt es die einzige öffentliche Toilette im Dorf. Ist der geschlossen, sehe ich die blanken Hintern der Leute hinten in den Büschen“, sagt er und deutet auf das Ende seines Grundstücks.

Die Befürchtungen, von Besuchern überrannt zu werden, seien aus der Luft gegriffen, entgegnet Silvia Freier, die an diesem Tag den Infopunkt betreut. „Wenn 40 Leute in der Woche vorbeischauen, ist das viel. Das wird sich mit dem ausgebauten Turm nicht groß ändern“, glaubt sie. Das sieht auch Hans-Ulrich Pöschel so, der in Altkünkendorf geboren wurde. „Wir können den Ort doch nicht zusperren. Im Gegenteil: Viele freuen sich, wenn etwas Leben ins Dorf kommt.“ Eine emotionsgeladene Einwohnerversammlung gab es im Sommer, inklusive persönlicher Beleidigungen. Die Gegner im Dorf grüßen sich seitdem nicht mehr - die Fronten sind verhärtet. Am 3. November soll es auf Initiative Bewers den zweiten Versuch geben, den Frieden wiederherzustellen - moderiert vom mobilen Beratungsteam Brandenburg.

Der Angermünder Bürgermeister, der in Altkünkendorf lebt, lässt sich vom Streit nicht beirren. Die Bauvorbereitungen sind erfolgt. Noch in diesem Jahr beginnt der Umbau. „Es ist nicht so, dass wir den neugotischen Turm komplett verändern. Wir setzen auch keine Aussichtsplattform drauf“, sagt er. Vielmehr werde der enge, verwinkelte Treppenaufgang modernisiert. Einige morsche Holzbalken müssen ausgetauscht werden. Turmfenster werden etwas vergrößert, um das Buchenwald-Panorama richtig sehen zu können. Mehr als zehn Besucher auf einmal dürfen aus Sicherheitsgründen nicht auf den Turm. „Also Massentourismus funktioniert da schon mal gar nicht“, winkt er ab. 

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