Der ruhige Mister Zuverlässig

Canadier-Fahrer Sebastian Brendel gilt bei den Olympischen Sommerspielen in Rio als Brandenburgs größte Medaillenhoffnung

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01. August 2016, 17:44 Uhr

Sebastian Brendel ist Kanute und eine von Deutschlands größten Medaillenhoffnungen für die Sommerspiele von Rio, die am Freitag eröffnet werden. Brendel ist aber auch Polizist. Das muss er sein, um als Sportler arbeiten zu dürfen.

Ein Schrank von einem Mann. 1,92 Meter groß, 93 Kilogramm schwer. Die Schultern so breit wie die eines Schwimmers. Keiner, der Millionen auf seinem Konto bunkert und Ferrari fährt. Sondern einer, der Sponsoren akquirieren muss, um sich einen Business-Class-Flug zu den Olympischen Sommerspielen leisten zu können. Einer, der in dem Moment, in dem er versagt, eine falsche Bewegung macht und nicht Gold holt, seine Existenz bedroht. Und die seiner Familie.

So dramatisch würde Sebastian Brendel das niemals formulieren. Der 28-Jährige ist kein Mann für pathetische Ansagen oder Selbstmitleid. Im Gegenteil. Zwar kritisiert auch er: „Es ist ernüchternd, wie unser Sport in der öffentlichen Wahrnehmung untergeht.“ Und: „Kanufahren ist nur alle vier Jahre von Interesse. Aber wie soll das auch anders sein, wenn wir nur drei Weltcups pro Saison haben?“

Doch er sagt diese Sätze nicht, wie sie Diskus-Olympiasieger Robert Harting schmettert. Mit einer Inbrunst, die bestehende Verhältnisse einem Revolutionär gleich umstürzen will. Brendel formuliert diese Sätze, weil sie gesagt werden müssen. Und weil sie wahr sind.

Beim SSV PCK 90 Schwedt stieg Brendel zum ersten Mal ins Boot, mit 16 kam er auf die Sportschule Friedrich Ludwig Jahn und wechselte zum KC Potsdam. Als 17-Jähriger dann der Durchbruch: Bei den Juniorenweltmeisterschaften gewann er zweimal Gold im Einer-Canadier. Es folgten neun Goldmedaillen bei Europameisterschaften sowie fünf bei Weltmeisterschaften der Erwachsenen. Die Krönung 2012, als er in London zum Olympiasieg spurtete. Seit drei Jahren ist Brendel über 1000 Meter – jener olympischen Distanz, bei der er auch in Rio antreten wird – ungeschlagen.

„Alle erwarten, dass Gold kommt“, sagt er. In den Medien wird er „Mister Zuverlässig“ genannt. Weil er Medaillengarant ist. Aber auch, weil er keinen Termin verpasst. Weil er weiß, wie wichtig es ist, sein Gesicht zu zeigen und sich zu bedanken, wenn die Sportlotterie die besten Athleten auszeichnet.

Wenn nicht Gold für Deutschland über 1000 Meter im Einer-Canadier, wo dann? Außerdem startet er im Zweier mit Jan Vandrey, der ebenfalls aus Schwedt stammt. „Natürlich ist der Druck da“, meint Brendel. Dabei sind seine Augen starr nach vorn gerichtet. Die Mundwinkel zusammengepresst. Sie formen ein Lächeln. Nervosität sieht anders aus. Voriges Jahr, bei der WM in Mailand, erzählt er, hat er mit nur 17 Tausendstelsekunden Vorsprung gewonnen. Sein Kanu war gut einen Wimpernschlag schneller als das seines Kontrahenten. Dieser dauert eine Hundertstelsekunde. Für Brendel heißt das nichts anderes, als dass die Abstände zur Konkurrenz kürzer werden. Und dennoch: „Ich will mit einer Medaille nach Hause kommen. Dafür quäle ich mich jeden Tag.“

Aber das tun die anderen auch. Um ihnen zuvorzukommen, hat sich der Potsdamer zusammen mit seinem langjährigen Trainer Ralph Welke etwas ausgedacht. Eigentlich ist er ja der Sprinter, der das Feld von hinten aufrollt, der seine Samson-Kräfte spät entfaltet, um dann, auf den letzten Metern, die Faust jubelnd in den Himmel zu strecken. Bei einigen Wettkämpfen in diesem Jahr probierte er eine andere Taktik. Von vornherein fuhr er Tempo. Um die Gegner zu verwirren. Auch das klappte. Wer soll ihn stoppen? Brendel zuckt die Schultern. Er ist keiner, der sinniert. Seine Worte sind so selten wie Diamanten, die aus Briketts gepresst werden. Doch dann sagt er einen Satz, der sein Geheimnis vielleicht offenbart. Das Wasser ist sein Arbeitsort. Nicht sein Zuhause.


Familie gibt den nötigen Rückhalt


Heimat – das ist seine Familie. Seine Freundin Romy, Schwester der Kanutin Friederike Leue, und die beiden gemeinsamen Kinder Hanna und Edwin. Mit ihnen auf der Terrasse sitzen, Jägerschnitzel mit Nudeln essen oder Zupfkuchen – das ist sein Zuhause. Oder mit Edwin im Schlepptau rausfahren auf den See. Der Dreijährige vorne im Canadier, Papa Brendel das Boot durchs Wasser befördernd.

Vor den Sommerspielen von London schickten Romy und Hanna eine Videobotschaft, bei der sie dem Vater Mut zusprachen. Der war zu Tränen gerührt. Diesmal wird seine Freundin, die in den letzten Zügen ihres Lehramtsstudiums ist, mit nach Rio reisen. Um die Kinder kümmert sich die Oma. „Ich weiß, dass meine Familie mich anfeuert, aber im Wettkampf bin ich im Wettkampf“, erklärt Brendel.

Seine Romy wüsste, wie er vor Rennen ticke. „Ich bin gereizt, und manchmal zweifle ich. Dann sage ich mir: Du bist gut. Die anderen kochen auch nur mit Wasser.“ Und wenn das nicht hilft, dann bleibt ihm immer noch ein Ritual, das er sich von seiner Lebensgefährtin abgeguckt hat. Kurz bevor es an die Startlinie geht, taucht er die Finger ins Wasser und schlürft das Nass. Grund: So trocknet der Mund nicht aus.

Ob er das in Rio angesichts des verunreinigten Wassers tun wird? Wohl eher nicht. Angst jedenfalls hat er keine. Auch vor dem Zika-Virus nicht. „Ich habe vier Jahre lang gearbeitet für den Moment. Den lasse ich mir nicht nehmen. Durch nichts.“

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