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Brandenburg

12. Dezember 2017 | 19:20 Uhr

Ernst Litfaß : Der König der Reklame

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Drucker, Verleger, Dichter: Ernst Litfaß war ein gewiefter Geschäftsmann Er führte vor 200 Jahren die Litfaß-Säule in Berlin ein – erfunden hat er sie nicht

40 Minuten braucht Detlef Birka, um eine Litfaßsäule vollständig zu bekleben. Der Berliner arbeitet seit 22 Jahren als Plakatierer. „Zunächst müssen die Plakate gefaltet und in Wasser eingeweicht werden“, erklärt er. Danach sortiert er die Papiere in Kisten und macht sich auf den Weg, von Säule zu Säule, streicht erst den Untergrund mit Leim ein, bringt dann die Plakate mit einem breiten Pinsel an.

Sein Arbeitsablauf unterscheidet sich damit nicht wesentlich von dem eines Arbeiters im 19. Jahrhundert, als Ernst Theodor Amandus Litfaß (1816-1874) die ersten Säulen in Berlin aufstellen ließ. Vor 200 Jahren, am 11. Februar 1816, wurde er geboren.

„Litfaß war eine komplexe Unternehmerpersönlichkeit des 19. Jahrhunderts“, sagt Steffen Damm. Der Mitarbeiter des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin hat zusammen mit Klaus Siebenhaar ein Buch über den Berliner Drucker und Verleger veröffentlicht. Litfaß sei in erster Linie ein sehr „gewiefter Geschäftsmann“ gewesen. Seine wohl lukrativste Geschäftsidee war die Einführung der sogenannten Anschlagssäule in Berlin.

Ende 1854 handelte der gelernte Buchhändler einen Deal mit dem Berliner Polizeipräsidenten Claus von Hinckeldey aus, wie Damm erzählt: Litfaß erhielt die Konzession zur Aufstellung von 150 „Annoncier-Säulen“, und die Stadt durfte im Gegenzug kostenlos Bekanntmachungen und Verordnungen darauf veröffentlichen.

Erfunden habe der Unternehmer die Anschlagssäulen aber nicht: „Litfaß hat sich die Säulen lediglich in Deutschland patentieren lassen und sie in Berlin eingeführt“, sagt Damm. Bereits Jahrzehnte zuvor habe es in London und Paris Säulen dieser Art gegeben. Von ihnen habe sich Litfaß inspirieren lassen.

„Die Litfaßsäule war aus behördlicher Perspektive vor allem eine ordnungspolitische Maßnahme“, erklärt Damm. In Berlin sei zu damaliger Zeit wild plakatiert worden, dem wollte Polizeipräsident Hinckeldey entgegenwirken. Auch Litfaß habe sich daran gestört, er sprach von einer „Hautkrankheit der Städte“. Am 15. April 1855 wurde dann die erste Anschlagsäule im Hof der „Litfaßschen Buchdruckerei“ in der Münzstraße aufgestellt. Heute steht dort ein Denkmal.

Die Berliner waren anfangs wenig begeistert von den Säulen, wie Damm sagt: „Viele fanden, sie verschandelten das Stadtbild.“ Litfaß habe dann, gemäß seiner „ausgeprägten künstlerischen Ambitionen“, eine „Annoncier-Polka“ verfasst: Ein Lied, um die öffentliche Akzeptanz der Säulen zu fördern. Und tatsächlich: Schon bald hätten die Berliner Litfaß als ihren „Säulenheiligen“ bezeichnet. Er galt als „König der Reklame“.

Ob die Werbesäulen bereits zu Lebzeiten des Unternehmers in anderen deutschen Städten aufgestellt wurden, könne heute nicht mehr genau festgestellt werden, sagt Damm. Klar sei aber, dass sie sich spätestens nach dem Tod Litfaß’ am 27. Dezember 1874 in Wiesbaden deutschlandweit verbreiteten.

Laut dem Fachverband Außenwerbung gibt es in der Bundesrepublik heute insgesamt knapp 36 000 Säulen. Allein in der Hauptstadt stehen dem Berliner Werbeunternehmen „Die Draußen Werber“ zufolge noch etwa 3000.

Auch die Gestalt der Säulen hat sich laut Autor Damm seit dem vergangenen Jahrhundert nicht wesentlich verändert. Allerdings könnten sich manche Säulen inzwischen drehen oder seien von innen beleuchtet. Auch das Prinzip der tariflichen Verrechnung der Plakatflächen sei noch immer gültig. So kostet ein Plakat laut „Die Draußen Werber“ durchschnittlich einen Euro. Je nach Größe kann der Preis aber auch wesentlich höher liegen.

Für Plakatierer Detlef Birka sind die klassischen Säulen aus Beton noch immer die schönsten: „Meine Lieblings-Litfaßsäule steht auf dem Kollwitz-Platz. Die ist noch ganz traditionell mit Kuppel.“

Fast wie zu Lebzeiten von Ernst Litfaß, als die Säulen noch Kronen trugen. Den Namen ihres Erfinders trägt sie noch immer in alter Schreibweise: Denn da es sich um einen Eigennamen handelt, schreibt sich die Litfaßsäule laut Duden auch nach der Rechtschreibreform noch immer mit ß. 

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