Potsdam : „Der Klotz muss weg“

Das Hotel Mercure (l.), das Stadtschloss (M.) und die Nikolaikirche in Potsdam.
Das Hotel Mercure (l.), das Stadtschloss (M.) und die Nikolaikirche in Potsdam.

Seit fast 50 Jahren steht das frühere DDR-Interhotel im Potsdamer Zentrum. Nun will es die Stadt mit Millionenkosten abreißen lassen

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27. Januar 2016, 09:02 Uhr

Frisch herausgeputzt zeigt sich der historische Alte Markt in Potsdam: Vom Turm der Nikolaikirche blinkt das goldene Kreuz, in der Platzmitte erstrahlt der Obelisk mit Bildnissen der Architekten Knobelsdorff, Schinkel, Gontard und Persius im neuen Glanz. Seit der Eröffnung zieht der Landtag mit der Fassade des Stadtschlosses Hunderttausende Besucher an. Auf der einstigen Nachkriegsbrache ist das Postkarten-Potsdam neu erstanden. Und dann steht da , genau gegenüber, im früheren Lustgarten preußischer Könige, der „Klotz“: Das 60 Meter hohe ehemalige DDR-Interhotel und heutige „Mercure“, 1969 als „sozialistische Stadtkrone“ erbaut.

Die Stadtspitze mit SPD-Oberbürgermeister Jann Jakobs ist sich einig: Der „Klotz“ muss weg, er steht dem Traum der Rekonstruktion der alten Potsdamer Mitte buchstäblich im Weg. Geplant ist, dort einen neuen Lustgarten als „Wiese des Volkes“ für Bürgerfeste und politische Demonstrationen zu errichten. Doch gegen den Plan gibt es großen Widerstand, von der in Potsdam oppositionellen Linken, von Verbänden und von vielen Bürgern, die am alten Wahrzeichen hängen.

So hatten bei der Befragung zum Bürgerhaushalt, bei der Potsdamer Vorschläge zur Verwendung der städtischen Mittel machen können, mehr als 7000 Bürger dafür gestimmt, kein Steuergeld für den Ankauf und Abriss des „Mercure“ einzusetzen. Genau das will Jakobs: Heute sollen die Stadtverordneten einen Antrag beschließen, der künftige Sanierungen des Hotels verhindern könnte. Dann will die Stadt das Haus kaufen und abreißen. Statt Steuergeld sollen das Grundstücksverkäufe finanzieren.

Der Hotel- und Gaststättenverband sieht eine Debatte zur Unzeit, die dem Hotel und den Arbeitsplätzen schade. „Es gibt noch keine Finanzierung für den Abriss und die Neugestaltung des Lustgartens und keine Absichtserklärung des Hotel-Eigentümers“, sagt Hauptgeschäftsführer Olaf Lücke. „Potsdam hat andere Probleme“, poltert der Chef der Linken-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung, Hans-Jürgen Scharfenberg. „Da geht es um Millionen. Mir fallen tausend andere Dinge ein, die man damit bauen könnte wie Schulen, Studentenheime oder Wohnungen.“

Die stark wachsende Landeshauptstadt muss bis 2020 mit 160 Millionen Euro Bau und Sanierung von Schulen finanzieren, die sie mühsam mit einer Bettensteuer in den Hotels zusammenkratzt.

Scharfenberg fordert eine repräsentative Befragung der Bürger. Ebenso argumentiert der frühere Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD). „Das Mercure entstand in einer Trümmerlandschaft und war für Alt-Potsdamer ein Zeichen für den Aufbau des Stadtzentrums“, sagte er. Viele Bürger hätten den Eindruck, der Abriss soll gute Erinnerungen an die DDR-Zeit ausmerzen. „Das Mercure-Gebäude wird zu einem Symbol für eine differenzierte Vergangenheitsbewertung“, sagte Stolpe. Er rät den Hotelbetreibern zu einer Schadenersatzklage.

Dem Haus entstehe durch die Abriss-Diskussion erheblicher Schaden, sagt Hotel-Direktor Marco Wesolowski. „Wenn Kunden im Internet nach dem Mercure suchen, erscheinen sofort Berichte über Abriss-Pläne“, klagt er. „Wir müssen erhebliche Kraft darauf verwenden, die Interessenten davon zu überzeugen, dass wir ein gut ausgestattetes Hotel sind.“ Daher würden nun alle denkbaren juristischen Schritte gegen die Stadt geprüft.

Vor einigen Jahren plante der Milliardär Hasso Plattner unterstützt von der Stadt, nach dem Abriss des Hotels dort sein privates Kunstmuseum zu bauen. Nach heftigem Widerstand von Bürgern gab er auf. „Während der Diskussion hatten wir damals durch Stornierungen Umsatzverluste von mehr als 100 000 Euro“, sagt Wesolowski.

Für den Direktor, der seit sieben Jahren im Haus arbeitet, ist auch viel Herzblut dabei. „Unsere Mitarbeiter arbeiten zum Teil schon sehr lange im Hotel. Mein Küchenchef ist seit 1976 hier, die Hausdame seit 1977.“ Da sei es schwer, die Mitarbeiter zu motivieren, wenn ständig vom Abriss die Rede sei.

Die Stadt ist wegen der vielen kritischen Stimmen in Deckung gegangen. „Kein Kommentar“ lautet seit vielen Tagen die stereotype Antwort der Pressestelle. Nun wartet Potsdam gespannt auf die Entscheidung der Stadtverordneten.

Klaus Peters

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