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Weltweite Hilfslieferungen : Der Katastrophenmanager

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Clemens Pott organisiert für das Deutsche Rote Kreuz den Abtransport im Logistikzentrum am Flughafen Schönefeld

svz.de von
erstellt am 18.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Von Berlin aus starten Hilfslieferungen in die ganze Welt. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) betreibt am Flughafen Schönefeld eine gewaltige Logistikhalle. Dort sind selbst mobile Krankenhäuser in Kisten verpackt.

Als vor zwei Jahren in Nepal die Erde bebte, erste Bilder von zerstörten Häusern und verzweifelt grabenden Helfern um die Welt gingen, schaltete Clemens Pott sofort auf Krisenmodus. Zwei Tage später hob ein von ihm gechartertes Flugzeug in Schönefeld (Dahme-Spreewald) ab und landete auf dem schwer beschädigten Flughafen in der Hauptstadt Kathmandu. Eine logistische Meisterleistung.

An Bord waren 5400 Wasserkanister, 2500 Decken, 250 Zelte, je 1000 Küchen- und Hygienepakete, insgesamt 44 Tonnen. „Es war das Nötigste, was die betroffenen Menschen im Himalaya brauchten“, erklärt der 48-jährige DRK-Mitarbeiter. Für die Helfer starteten zwei Rennen – gegen die Zeit und gegen andere humanitäre Organisationen. „Jeder hat den Anspruch, der Schnellste vor Ort zu sein.“ Dadurch kam es zu einem eigentümlichen Wettbewerb. „Manche Länder schickten die größten Flugzeuge, völlig ungeeignet für die Landebahn“, ärgert sich Pott. „Aber man will sich politisch gut verkaufen.“ Zudem wurde auf kulturelle Gegebenheiten nicht immer Rücksicht genommen. So wurde kistenweise „Beef Masala“ nach Nepal geliefert. Ein Affront für Hindus: Rinder sind ihnen heilig.

Pott ist Katastrophenmanager des Deutschen Roten Kreuzes. Wenn irgendwo in der Welt ein Krieg ausbricht, Wirbelstürme über tropische Länder hinwegfegen, ganze Regionen erschüttert oder überflutet werden, organisiert er schnell Hilfen. Diese werden international fein austariert: Die Rotkreuz- und Rot-halbmondbewegung verfügt in 190 Ländern über 17 Millionen Freiwillige. Finanziert werden die Großeinsätze vom Staat – und vor allem durch Spenden.

In einer Halle am Flughafens Schönefeld sind Holzkisten in hohen Regalen übereinander gestapelt. Sie sind nicht schwerer als 120 Kilogramm und mit Griffen versehen. Wie auf Postpaketen enthält die Beschriftung zumeist Codes, die als Chiffre für Geldgeber und Projekte dienen. „Wir denken in modularen Einheiten“, sagt Pott. Alles lässt sich wie bei einem Lego-Spiel zusammenfügen.

Pott bleibt vor Kisten stehen, auf die „Special Needs“ gedruckt wurde. „Darin befindet sich Inkontinenzmaterial“, erklärt er. „Es ist nicht nur im Nahen Osten ein Tabuthema, sondern auch hierzulande.“ In der gleichen Reihe finden sich Moskitonetze und schwarze Ballen, in denen jeweils 120 Decken zusammengeschnürt wurden.

Selbst komplette Krankenhäuser werden in der Logistikhalle aufbewahrt, Zelte, Betten, Labore und OP-Bereiche sind auf 700 Paletten verteilt. Auf Haiti wurde eine der mobilen Kliniken nach dem schweren Erdbeben 2010 in einem Stadion aufgebaut. „Alles passiert im laufenden Betrieb“, sagt Pott. „Dadurch können die Ärzte schon am ersten Tag lebensnotwendige Eingriffe durchführen.“

Der gebürtige Rheinländer spricht aus Erfahrung, wenn er sagt, dass Hilfslieferungen heute immer besser auf die Situation in den betroffenen Ländern zugeschnitten werden. „Eine moderne Transportkette nützt absolut gar nichts, wenn es auf der letzten Meile stockt.“ Mitunter kommen sogar Esel zum Einsatz.

Vor seiner Zeit als DRK-Logistikfachmann flog Pott selbst in zerstörte Länder, um beim Aufbau einer notdürftigen Infrastruktur mitzuwirken. Zumeist sorgte er zusammen mit freiwilligen Helfern dafür, dass die örtliche Trinkwasserversorgung wieder funktionierte. „Die Menschen stehen oft vor den Trümmern ihres Lebens. Ohne ausländische Hilfe würde die Zivilisation zusammenbrechen.“ Gerade hat er die Ausschreibung für 60 000 Pakete an Hersteller verschickt. Die Lieferung mit Baby-Windeln, Puder und Cremes geht nach Syrien. Hierbei muss der DRK-Mann genau darauf achten, dass jedes der Pakete die gleichen Artikel enthält. „Es wäre fatal, wenn die Menschen das Gefühl haben, wir würden eine Bevölkerungsgruppe bevorzugen“, betont er.

Jede Charge wird dreifach überprüft: stichprobenartig im DRK-Logistikzentrum und in den Zielgebieten sowie von einer Prüfgesellschaft. Fehler können sich Hilfsorganisationen nicht erlauben, um die eigene Reputation nicht zu gefährden. Sie stehen vor allem in Bürgerkriegsländern unter der Beobachtung aller Parteien. Pott nennt Arzneimittel als Beispiel: „Wenn die Haltbarkeitsdaten überschritten würden, drängt sich schnell der Eindruck einer Zwei-Klassen-Medizin auf. Auch das wäre eine peinliche Panne.“ Für den vorwiegend in kriselnden islamischen Staaten tätigen Roten Halbmond sei es enorm wichtig, als neutrale Organisation wahrgenommen zu werden. Nur dann blieben die Helfer verschont.

Angriffe auf Hilfslieferungen gibt es immer wieder. So wurde im vergangenen September ein Konvoi mit 31 Lastwagen nahe der syrischen Stadt Aleppo von Flugzeugen beschossen. Dutzende Helfer wurden getötet. Bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, wer die Angriffe führte. Eine UN-Analyse lieferte hierzu keinen Aufschluss.

Heute sind in Syrien mehr als 13,5 Millionen Menschen auf humanitäre Unterstützung angewiesen, etwa die Hälfte von ihnen sind Kinder. Monatlich hilft der Rote Halbmond über 4,7 Millionen Menschen. So verteilen seine Mitarbeiter mit Hilfe des DRK monatlich etwa 50 000 Nahrungsmittelpakete sowie Medikamente und medizinische Artikel. In Ost-Aleppo werden derzeit täglich 45 000 Menschen vom Roten Kreuz und Roten Halbmond mit warmen Mahlzeiten versorgt. Aber auch in Ebola-Gebiete im afrikanischen Liberia oder in die griechischen Flüchtlingslager gingen zuletzt größere Hilfslieferungen.

Hektik ist in der 4500 Quadratmeter großen Logistikhalle nur selten zu erleben. Drei DRK-Mitarbeiter sind ständig dort und bereiten die Lieferungen vor. Sie werden im Katastrophenfall von Freiwilligen unterstützt. Nur 2010 – nach dem Erdbeben auf Haiti und der Flut in Pakistan – waren die Regale leer. „Nothilfe ist nicht planbar“, sagt Pott. „Aber wir sind wie Feuerwehren aufgestellt: Wenn es brennt, muss alles bereitstehen.“ Zugleich legt er Wert auf die Aussage, dass humanitäre Hilfe sich deutlich von Rettungseinsätzen unterscheidet. Die Arbeit müsse nachhaltig sein. „Das ist schwer zu verkaufen, da die Öffentlichkeit eine Katastrophe auf dem anderen Ende des Globus schnell vergessen hat.“

 

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