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Was tun mit Omas Anwesen? : Der Gute Tropfen vom Pillgramer Jacob

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Gebrüder Jahnke und Lehmann machten aus ihrer Erbschaft kurzerhand ein Weingut. In Ostbrandenburg steht nun die zweite Ernte an

svz.de von
erstellt am 08.Okt.2017 | 09:00 Uhr

Wenn Matthias Jahnke in die grüne Latzhose steigt und über seinen Weinberg in Pillgram (Oder-Spree) stiefelt, ist das für ihn der schönste Ausgleich zu seiner eigentlichen Arbeit als Chef zweier Handwerksfirmen. Wobei die Bezeichnung „Berg“ nicht wirklich stimmt: Die an einer Drahtrahmenanlage fixierten 3000 Weinstöcke stehen auf einem flachen Feld gleich hinter Oma Ilses Häuschen. „Wir brauchen keinen Südhang wie in klassischen Weinanbaugebieten“, sagt der Heizungs- und Sanitär-Fachmann selbstbewusst und mustert prüfend die üppigen, fast erntereifen Trauben.

Die Lage sei geschützt, der lehmhaltige Boden gut und das Feld sonnenreich – wobei zu viel Sonne auch nicht gut sei, denn davon würden die Trauben zu süß. „Und die meisten Leute trinken lieber trockene Weine“, sagt der Winzer-Neuling. Und im übrigen gebe es in der Pfalz, wo er und sein Geschäftspartner Holger Lehmann vor zwei Jahren ihre Weinstöcke kauften, auch keine Berge. Dass sie binnen kurzer Zeit vor der zweiten, lohnenden Ernte stehen würden, hätten sich die beiden Freunde damals so nicht träumen lassen. „Am Anfang war der Gedanke, Omas Hof mit dem 1,6 Hektar großen Feld in der Familie zu behalten“, erzählt Jahnke.

Die beiden Pillgramer suchten nach einem regionalen Produkt und einem Alleinstellungsmerkmal in der Gegend. Da beide gerne Wein trinken, kamen sie auf die Idee, den Rebensaft selbst anzubauen, holten zur tatkräftigen Unterstützung jeweils noch den eigenen Bruder mit ins Boot. Erfahrene Partner, die sie zu geeigneten Sorten, Krankheiten und Risiken berieten, fand das angehende Winzer-Quartett in den Weinbauern aus Grano bei Guben (Spree-Neiße).

Dort baut ein Verein bereits seit 2003 in Anknüpfung an alte Traditionen auf einem Hektar Wein an. Es gibt einen Versuchsgarten und eine Schaukellerei. „Unsere erste Ernte im vergangenen Jahr ließen wir dort keltern – immerhin 9500 Liter Wein. Zum Jahreswechsel haben wir Grano dann selbst übernommen“, erzählt Winzer-Neuling Jahnke.

Der Verein habe aus betagten Rentnern bestanden, zwei von ihnen seien inzwischen gestorben. „Die übrigen baten uns, ihre Anlage weiterzuführen“, erzählt der 45-Jährige. Praktisch für die Neu-Winzer im Nebenerwerb: Sie mussten sich keine Technik und Lagerkapazitäten für die Weiterverarbeitung ihrer Trauben anschaffen.

Bei der Weinlese hilft die komplette, weitläufige Verwandtschaft der vier Winzer. Arbeit machen die Weinstöcke allerdings das ganze Jahr über: Im Februar wird das alte Tragholz entfernt, im März müssen die neuen Ranken verschnitten und fest gebunden werden. Wer guten Wein machen wolle, müsse abschneiden können, sagt Jahnke. Lediglich drei Trauben pro Rebe dürften tatsächlich reifen, sonst habe der Weinstock zu wenig Kraft.

Vier rote und neun weiße Rebsorten gedeihen auf dem „Pillgramer Jacob“, wie die Weinbauern im Nebenerwerb ihren am Jacobsweg gelegenen Ostbrandenburger Standort nennen. Mehrere Sommeliers haben die erste Ernte gekostet und begutachtet, unter ihnen auch der Berliner Weinakademiker Denis Duhme. „Ich war erstmals auf einem Weingut in Brandenburg und tatsächlich überrascht angesichts der guten Qualität“, berichtet er. Besonders die Weißweine seien ein Genuss, zumal die Pillgramer nicht nur gängige Sorten wie Riesling oder Grauburgunder anbauten, sondern auch weniger bekannte wie Kerner oder Johanniter, die nicht so pilzanfällig seien, sagt Duhme.

Beeindruckt zeigt sich der Sommelier auch vom Gesamtkonzept: Das Weingut soll einen Hofladen, einen Show-Raum für Verkostungen sowie eine Brennerei für Trester- und Traubenbrand sowie Obstler bekommen.„Den Gewinn aus der Ernte stecken wir in die Umgestaltung des Hofes“, sagt Jahnke. Er schätzt, in diesem Jahr eine ähnlich gute Ernte einzufahren wie 2016. „Zusammen mit den Granower Erträgen sind das dann wieder um die 13  000 Flaschen.“ Je nach Sorte kostet eine Flasche zwischen acht und 13 Euro. Das Neuzeller Restaurant „Prinz Albrecht“ (Oder-Spree) hat den Rebsaft vom Weingut Patke bereits auf der Getränkekarte, demnächst auch das Schloss Neuhardenberg (Märkisch-Oderland). „Gerade weil Brandenburg kein klassisches Weinanbaugebiet ist, sind Touristen interessiert. Sie schätzen regionale Besonderheiten und Produkte, gerade in der Gastronomie“, sagt Birgit Kunkel, Sprecherin der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH. Ein großer Fan ist inzwischen auch Oma Ilse Patke, nach der das neue Weingut in Pillgram benannt wurde. „Erst war ich nur froh, dass Matthias den Hof übernimmt. Den Weinanbau sah ich eher skeptisch. Inzwischen kann ich sagen: Es funktioniert und der Wein schmeckt wunderbar“, schwärmt die 86-Jährige.

 

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