Pionierarbeit im Süden : Der Grüne aus der Lausitz

Benjamin Raschke, Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl.
Benjamin Raschke, Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl.

Der Brandenburger Spitzenkandidat der Umweltpartei, Benjamin Raschke, belegt vermutlich gerade einen Schnellkurs im Regieren

von
20. August 2019, 05:00 Uhr

Das grüne T-Shirt mit der Sonnenblume fällt auf im Menschengetümmel. Benjamin Raschke trägt es leger mit kurzer Hose und Sandalen auf der Regionalmesse in seiner Heimatstadt Lübben. Seine 36 Jahre sieht man dem Grünen-Politiker ob seines jungenhaften Aussehens nicht an.

Wahlplakate mit seinem Bild zur Erhöhung des Bekanntheitsgrades mag er nicht so gern: „Ich hänge schon auf Plakaten mit Ursula Nonnemacher an jedem fünften Baum“, lacht er. Raschke sitzt für die Grünen seit 2014 im Landtag und ist einer der Spitzenkandidaten für die Landtagswahl.

Auf der Schlossinsel in Lübben reihen sich regionale Stände und Gastronomie aneinander. Raschke hat einen kleinen Infostand am Eingang aufgebaut. Die meisten Leute laufen vorbei Richtung Buden und Live-Band. „Wir hatten heute schon zwei Gespräche mit AfD-Wählern mit Igitt und Pfui“, sagt Raschke. „Eine Frau sagte zu mir: „Dass ich mit Ihnen überhaupt rede...“. Der Politiker wirkt etwas betreten, als er davon erzählt. Es gebe eine Grenze, wo er Gespräche beende, etwa wenn daraus persönliche Beleidigungen würden oder er angespuckt werde – das komme vor.

Ein Heimspiel scheint der Auftritt in Lübben für Raschke nicht zu sein. „Ich versuche, mir bei solchen Gesprächen Zeit zu nehmen und Geduld aufzubringen, weil es einen Grund hat, dass die Leute so sind“, so Raschke. Viele seien traumatisiert: Transformationsschock, das Gefühl, im ländlichen Raum abgehängt zu sein, nicht gesehen zu werden. So erklärt sich der Politiker, der mit Frau und Tochter in einem Dorf bei Lübben lebt, die vielen Wählerstimmen für die AfD im Unterspreewald.

Eine ältere Frau will sich am Infostand über das nachgewiesene Glyphosat in einem Havelabschnitt informieren. Ob man schon etwas dagegen tue. Raschke antwortet kompetent. Die Frau aus Niedersachsen ist erstmals im Spreewald. Sie bleibt für eine weitere Stunde die einzige Fragende am Stand.

Der Grüne ist ein Rückkehrer. Geboren im Kreiskrankenhaus der Stadt machte er Abitur in Lübben und ging dann nach Konstanz am Bodensee. Dort studierte er Politik, Philosophie und Jura. Die starke Zivilgesellschaft faszinierte ihn. „Dass viele Leute Stiftungen und Vereine gründen, die Gesellschaft mitprägen und nicht sagen: Man kann eh nichts ändern, hat mich sehr beeindruckt.“

Nun ist Raschke als Grüner zurück im Spreewald. Als er die Heimat verließ, gab es im Land rund 400 Grüne, inzwischen ist die Mitgliederzahl auf 1800 gewachsen. In Lübben sind es etwa 20. „Das ist hier Pionierarbeit“, sagt der 36-Jährige. Er hat bei seiner Partei durchgesetzt, dass er in Lübben ein kleines Büro hat. Seine Hoffnung sei gewesen, dass Leute kommen würden, die Fragen stellen, erzählt er. So sei es aber nicht. Gäste habe er dennoch: Jäger oder auch Kleingärtner, die den Garten ohne Pestizide bewirtschafteten.

Am Infostand hat Raschke Hilfe bekommen. Beat Dippon kommt aus Rosenfeld in Baden-Württemberg. Der Pensionär ist Grüner und einem Aufruf der Partei gefolgt, Wahlkampfkurzurlaub in Brandenburg zu machen, um Parteikollegen unter die Arme zu greifen.

In Lübben staunt Dippon über die offensichtlich ablehnende und teilweise aggressive Haltung gegenüber den Grünen. „Dass die Mentalität hier so anders ist, hätte ich nicht gedacht“, sagt er. Raschke versucht eine Erklärung: „Es gibt halt viele Menschen, die in ihrem Alltagskampf gefangen sind“. Die hätten keine Zeit darüber nachzudenken, wie sie die Welt retten können.

Raschke ist einer der Landtagsabgeordneten mit den meisten Anfragen an die Landesregierung. Die Breite der Themen ist groß: Insektenschutz, artgerechte Tierhaltung, ökologischer Landbau, sauberes Wasser in den Flüssen und natürlich das Ende der Tagebaue in seiner Heimat und die Renaturierung.

Zu seinen Terminen fahre er mit dem Zug: „Es ist ein Phänomen der gesamten politischen Arbeit in Brandenburg, dass die Distanz zu den Menschen groß geworden ist, und es gehört zu meinen Zielen, sie zu verringern. Auch wenn es brutal anstrengend ist“, so Reschke.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen