Pannenhilfe : Der erste „gelbe Engel“ des Ostens

Der Helfer und sein Gefährt: Seit 1988 ist Thomas Bregulla mit dem gelben Wagen auf der Autobahn unterwegs. Fotos: felix alex
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Der Helfer und sein Gefährt: Seit 1988 ist Thomas Bregulla mit dem gelben Wagen auf der Autobahn unterwegs. Fotos: felix alex

Als am 1. Juli 1990 der ADAC in die neuen Länder kam, war der Ostprignitzer Thomas Bregulla dabei – doch war er da bereits seit zwei Jahren im gelben Wagen unterwegs

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21. September 2015, 12:00 Uhr

Selbst wenn Thomas Bregulla nur an einer Tankstelle steht, wird er von fremden Menschen angesprochen. Doch der Ostprignitzer ist nicht etwa prominent, sondern einer der vielen „gelben Engel“, die auf Deutschlands Straßen unterwegs sind. Mit seiner neongelben Weste und der Aufschrift ADAC ist er Ansprechpartner für Fragen und Nöte rund ums Auto – und das schon mehr als ein viertel Jahrhundert. Als am 1. Juli 1990, vor über 25 Jahren, der „Allgemeine Deutsche Automobil-Club“ (ADAC) in die neuen Bundesländer kam, war der Neuruppiner dabei – doch war er damals bereits seit zwei Jahren im gelben Wagen unterwegs.

„Ich habe seit 1982 im KIB, dem Kraftfahrzeug-Instandsetzungsbetrieb Wittstock, gearbeitet, und da haben wir mit dem Abschleppdienst und der Pannenhilfe angefangen“, erzählt Bregulla. Mit einem IFA W50 sei er damals auf der Autobahn bei Wittstock unterwegs gewesen – einer Strecke, auf der auch immer wieder Autos von Transitreisenden, die zum Beispiel auf dem Weg nach Westberlin waren, liegen blieben. „Wir hatten ja kaum für Ostfahrzeuge Teile, geschweige denn für die Westautos und mussten uns selbst helfen: So hat zum Beispiel der Keilriemen der Waschmaschine WM 66 für den Golf 1 gepasst“, schildert Bregulla. Doch konnte den meisten Westfahrzeugen nicht geholfen werden. So musste der ADAC „die Autos wegen jeder Kleinigkeit abschleppen“.

Um dem entgegenzuwirken, wurde am 1. August 1988 ein Abkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR zur Pannenhilfe auf DDR-Transitautobahnen geschlossen. „Diese wurde durch den ADAC unterstützt, und die haben dann Ostmechaniker mit Erfahrung gesucht und diese geschult“, so Bregulla. Er selbst war einer der Ersten, die einen der insgesamt 15 komplett ausgerüsteten, gelben VW Passat über die DDR-Straßen steuerten. Diese hatte der ADAC dem Verkehrskombinat Potsdam zur Verfügung gestellt.

„Das war hier zu Ostzeiten natürlich eine Attraktion. Nachdem ich ihn am 1. Oktober 1988 abgeholt habe, musste ich ihn erst einmal bei der SED-Kreisleitung auf den Hof fahren. Der Polizeichef und die anderen Bonzen haben dann erstmal über die Westtechnik gestaunt“, erinnert sich Bregulla.

Zusammen mit vier Kollegen war er immer abwechselnd 24 Stunden am Tag im Dienst. „Das Auto ist nie kalt geworden. Wir waren vollbestückt, zum Beispiel mit Zündspulen, Keilriemen, Bosch-Ersatzteilen und einer elektrischen Benzinpumpe und waren zwischen Herzsprung und Suckow für alle Autos zuständig“, so der Ostprignitzer. Sie wurden gut angenommen und einige hätten das neue Angebot gleich ausgenutzt. „Ein Kollege erzählt, dass sogar einmal ein Auto extra auf die Autobahn geschleppt wurde, um es von uns reparieren zu lassen.“

Als dann die politische Wende kam, erhielten Bregulla und seine Kollegen am 1. Juli 1990 Besuch von einem Inspektor. „Der war etwas furchteinflößend und wir mussten Fragebögen zu Westtechnik beantworten und uns schulen lassen, dass wir zum Beispiel nicht jeden gleich mit ,Du‘ anquatschen und immer ordentlich gekleidet sein müssen“, erzählt er lächelnd. „Danach hat er uns mitgeteilt, dass wir alle übernommen werden und seit dem bin ich ADAC-Mitarbeiter.“ Eine große Umstellung seien die neuen Bedingungen jedoch nicht gewesen. „Es ging nahtlos weiter. Nach der Wende haben sich hier ja alle gebrauchte ,Westautos‘ gekauft und wir hatten genug zu tun“, so Bregulla.

Von nun an war jeder Mechaniker mit einem eigenen ADAC-Fahrzeug unterwegs, und auch die Reichweite wuchs: Auf der Autobahn, zwischen der Abfahrt Neuruppin-Süd bis zur Landesgrenze MV und alles was, links und rechts liegt – von Röbel bis nach Suckow, Perleberg und Wittenberge, überall ist Bregulla während seiner Schicht zu finden.

Und auch die Ausstattung wuchs mit den Jahren. „Wir haben hier zwei Vordersitze, der Rest ist alles Technik. Wir bekommen unsere Aufträge per Datenfunk, nehmen sie an und wissen innerhalb von fünf Sekunden, wo wir hin müssen.“ Benzin– und Dieselkanister, Wasser, Keilriemen, Schläuche, Zündspulen und diverse weitere Ersatzteile, Schlagschrauber, Startanlage und ein Kompressor sind nur ein Teil der Ausstattung. Doch vor allem das Diagnosegerät ist unverzichtbar. „Bei jedem Auto, das nach 1995 gebaut wurde, gibt es ein Gegenstück zu unserem Gerät und wir können den Fehler dann per Laptop auslesen“, so der ADAC-Mitarbeiter.

Etwa acht Einsätze täglich fahre er, wenn er die Autobahnschicht hat. Und was er so täglich erlebe, wird zumindest nie langweilig. „Schlüssel im Auto vergessen und dann den Hund oder das Kleinkind im Innenraum haben wir fast täglich.“ Doch auch weitaus ausgefallene Einsätze und kuriose Fälle gab es in der Zeit: „Es ist etwa drei Jahre her, da kontaktierte uns eine Frau aus Nauen und erzählte, dass ihr Auto immer nach etwa einem Kilometer Fahrt kein Gas mehr annimmt und ausgeht, nach wenigen Minuten fahre es wieder, jedoch ebenfalls nur diese kurze Strecke. Ich habe dann die Motorhaube aufgemacht und mehrere Hefeklöße gefunden. Die muss ein Marder auf dem Misthaufen gefunden und da hineingeschleppt haben. Und immer wenn der Motor heiß wurde, sind die Klöße aufgequollen und haben den Gaszug blockiert“, erzählt Bregulla lachend.

Oder auch die Geschichte, als er Peter Maffay rettete. „Das muss 1990 gewesen sein, da gab es zwischen Rostock und Walsleben noch keine Tankstelle. Maffay ist dann der Sprit ausgegangen und er ist mit seinem BWM wenige Kilometer vor der Tankstelle liegengeblieben. Da konnten wir dann schnell helfen und am nächsten Tag hat er wieder in der Berliner Waldbühne ein Konzert gegeben.“

Doch neben all den Einsätzen ist es vor allem die Zeit dazwischen, die Kraft kostet. „Wir sind täglich locker 400 Kilometer unterwegs und haben auch sonst immer mit Ersatzteile auffüllen oder der Pflege unserer Dienstwagen zu tun“, sagt Bregulla. Die ADAC-Krise aus dem vergangenen Jahr hatte hingegen keine Auswirkungen auf seinen Job gehabt. „Die ist an uns vorbeigegangen, wir werden durchweg positiv empfangen“. Und wenn es nach Bregulla geht, ist damit noch lange nicht Schluss: „Solange es gesundheitlich geht, werde ich weiter auf der Straße unterwegs sein, jeder Tag ist anders, man muss ständig organisieren und improvisieren und man weiß nie , was einen erwartet.“

Beinahe um das zu bestätigen, tritt in diesem Moment Olaf Andres an den ADAC-Mitarbeiter heran. Beim ADAC-Clubmobil-Leihwagen des Sanitzers leuchte die Öllampe, ob Bregulla das mal kurz überprüfen könne. Ein kurzer Blick und schon kann der Familienausflug weitergehen. „Da ist genug Öl drauf, ist wohl ein Fehler im System“, so die Meinung des Fachmanns.

Erleichterung bei Olaf Andres und seiner Frau Stefanie: „Jetzt hat man schon ein sicheres Gefühl. Und und es kann weitergehen – die gelben Engel halt.“

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