Rekultivierung : Der Bergbau geht - und was bleibt?

Das Gut Geisendorf liegt am Rand des Braunkohletagebaus Welzow-Süd. Der Geisendorfer Berg, Teil der wiederhergestellten Ausläufer des Endmoränengebietes der Steinitzer Alpen, ist seit Anfang Juni offiziell für Besucher geöffnet.
Das Gut Geisendorf liegt am Rand des Braunkohletagebaus Welzow-Süd. Der Geisendorfer Berg, Teil der wiederhergestellten Ausläufer des Endmoränengebietes der Steinitzer Alpen, ist seit Anfang Juni offiziell für Besucher geöffnet.

Renaturierung in der Lausitz / Wie wird aus einer Mondlandschaft ein Zuhause für Pflanzen und Tiere?

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23. Juni 2020, 05:00 Uhr

Vom Geisendorfer Berg bietet sich ein lieblicher Blick. Eine Wiese, ein Roggenfeld, angepflanzte Bäume, sanfte Hügel und das pittoreske Gutshaus Geisendorf. Aber der Blick zur anderen Seite fängt die Zerstörung der Natur ein: Sandwüste bis zum Horizont, Planierraupen, die den Boden für eine künftige grüne Landschaft vorbereiten. Dahinter stehen Bagger wie Kolosse. Ihre Schaufelräder graben sich auf 800 Hektar Tagebaufläche in die Erde.

Kompakter kann dem Betrachter der Tagebau Welzow-Süd und die Renaturierung der Bergbaufolgelandschaft kaum gezeigt werden. „Hier wurde eine Endmoräne abgebaggert, das Relief wurde durch uns wieder hergestellt“, erklärt Ralf Agricola, Leiter Rekultivierung beim Tagebaubetreiber Leag, die Modellierung der Landschaft. Wiederhergestellt wurden der Geisendorfer, der Steinitzer und der Wolkenberg.

Die Leag setzt Behördenauflagen für Rekultivierungsmaßnahmen auch im Tagebaugebiet Welzow-Süd um. 6600 Hektar umfasst die Fläche, 5800 Hektar wurden bereits ausgekohlt, 2600 Hektar rekultiviert. Die Endmoräne wieder so aufzuschütten, wie sie war, war eine große Herausforderung, erzählt Renaturierer Agricola. Der Boden rutschte immer wieder nach. „Wir kamen an unsere Grenzen.“ Per GPS wurden Kalium, Stickstoff und Phosphor eingebracht. Rekultiviert wurde der Boden letztlich einen Meter tief.

Über Bergbaufolgelandschaften und Kosten zur Wiedernutzbarmachung wird mit Blick auf das geplante Ende der Kohle 2038 viel diskutiert. Umweltschützer und sozialökologische Studien kommen unter anderem zum Schluss, dass Regelungen des Bergbaubetreibers Leag über finanzielle Rückstellungen nicht ausreichen, um die Finanzierung der Bergbaufolgekosten langfristig sicherzustellen.

Die Leag verweist darauf, dass Vorsorgevereinbarungen mit Brandenburg und Sachsen getroffen wurden und Rückstellungen in Zweckgesellschaften angespart würden. Zudem müsse einem Wirtschaftsprüfer regelmäßig nachgewiesen werden, dass die Mittel für die Wiederherstellung von Landschaften angemessen sind, sagt Leag-Sprecher Thoralf Schirmer.

Dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Landesverband Brandenburg sind die Auskünfte der Leag über die Rekultivierungskosten nicht transparent genug. Er klagt gegen eine Entscheidung des Landesbergamtes, die den Umweltschützern den Zugang zu Informationen über Details der Ansparung der Gelder verwehrt. „Es geht darum, Informationen zu bekommen, ob die Mittel für die Nachsorge ausreichend und sicher genug angelegt sind für eine langfristige Wiedernutzbarmachung“, so BUND-Geschäftsführer Axel Kruschat.

Die Leag hat ihre Renaturierungsfläche für Besucher geöffnet. Sie sollen nachvollziehen können, welche Lebensräume der Bergbaubetreiber anlegt: Trockensteinmauern für Eidechsen, Feuchtbiotope für Frösche, Streuobstwiesen, Baumpflanzungen auch mit Schwarzkiefer, Lärche, Eiche und Linde. Auch 9000 Esskastanien als Reminiszenz an Pflanzungen eines Gutsherrn vor 200 Jahren sind im Renaturierungsgebiet gut angewachsen.

Auf der Rekultivierungsfläche sind nach Leag-Angaben 70 Prozent der Baumbestände Laubgehölze, nur 30 Prozent Nadelbäume. „Möglicherweise ist die Landschaft intakt wie vorher und noch mehr“, meint Agricola mit Blick auf geschützte Arten wie die Flatterulme.

Die abgebaggerte Endmoränenlandschaft beherbergte viele Dörfer, die der Kohle weichen mussten - darunter Geisendorf. 41 Einwohner wurden 2001 umgesiedelt. Sie wohnen im Nachbarort Neupetershain. Moderne Einfamilienhäuser mit gepflegten Gemüsegärten lassen nicht ahnen, dass dort „Umsiedler“ wohnen - nur eine Feldsteinmauer und Findlinge erinnern daran, dass Menschen wegen der Kohle ihren Heimatort verlassen mussten. Das aleDorf prägten Feldstein-Häuser.

Wolfgang Müller hat die Umsiedlung 2001 miterlebt. „Die Einwohner konnten bei der Gestaltung Ideen mit einbringen, das lief schon recht demokratisch“, erinnert sich der Ex-Bürgermeister von Neupetershain. Er ging damals oft zu Geburtstagen der Neubürger. „Ich hatte den Eindruck, die Leute waren froh, dort gelandet zu sein“, erzählt er. Ihre Bräuche wie das Zampern pflegten sie am neuen Siedlungsort weiter und auch das Gemeinschaftshaus werde rege genutzt.

Auf dem 135 Meter hohen Wolkenberg scheint die Sonne auf Weinreben. Die Ortslage sorgt beim Betrachter für kurze Verwirrung. Weinanbau in der Lausitz hat noch einen Exotenstatus. Dabei hat die Gegend - wie Weinanbaugebiete der alten Bundesländer - an die 2000 Sonnenstunden im Jahr, wie Südbrandenburger Winzer versichern. Der Wolkenberg als Rekultivierungsfläche am Tagebau Welzow-Süd ist der erste aufgeschüttete Lausitzer Weinberg. Seit 2014 wird auf dem Kippenboden großflächig Wein angebaut., 26 600 Rebstöcke auf sechs Hektar.

Der Start sei nicht leicht gewesen, erzählt Betreiberin Bettina Muthmann. „Wir hatten keine Erfahrung, der Boden war zuerst mausetot.“ Eine Humusschicht aufzubringen reichte nicht. Der pH-Wert musste angehoben und eine Schicht Geschiebemergel aufgebracht werden. Die Rebsorten mussten winterfrosthart und widerstandsfähig gegen Pilze sein. Das erste Gewitter habe den Boden wieder weggeschwemmt, erinnert sie sich. Inzwischen stellen Muthmann und ihr Geschäftspartner, Kellermeister Martin Schwarz aus Meißen, bis zu 31 000 Flaschen Wein im Jahr her für Fachhandel und Restaurants. Sogar aus den alten Bundesländern kämen Bestellungen.

Ein unabhängiges Kuratorium aus Bodenkundlern hat 2019 den Kippenboden als Boden des Jahres ausgezeichnet. Dabei habe die Anreicherung organischer Substanz im Humusprofil eine herausragende Rolle gespielt, so die Begründung der Experten.

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