Nächste Revolution der bewegten Bilder : Der begehbare Film

Der Schauspieler Herbert Knaup bei den Dreharbeiten für „Ein ganzes Leben“ in einem neuartigen 3D-Studio am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in Berlin.
Der Schauspieler Herbert Knaup bei den Dreharbeiten für „Ein ganzes Leben“ in einem neuartigen 3D-Studio am Fraunhofer Heinrich-Hertz-Institut (HHI) in Berlin.

In den Babelsberger Studios hält eine völlig neue 3D-Aufnahmetechnik Einzug

svz.de von
05. März 2018, 05:00 Uhr

Branchenexperten sprechen von einer Neuerung, so weitreichend wie einst die Erfindung  des Films. In die Babelsberger Studios hält demnächst 3D-Aufnahmetechnik Einzug, die alles bisher Bekannte in den Schatten stellt. Volumetrisch lautet das neue Zauberwort, oder auch: der begehbare Film. Figuren in Aktion können dreidimensional aufgenommen und im Anschluss aus allen möglichen Perspektiven betrachtet werden. Vor allem aber können diese Hologramme, einmal aufgenommen, beliebig oft in die verschiedensten Umgebungen verpflanzt werden.

„Viele Filmleute wissen noch gar nicht, was da auf uns zukommt, aber es sind gewaltige Veränderungen, völlig neue Möglichkeiten“, schwärmte der Babelsberger Studio-Chef Charlie Woebcken jüngst, als er die Pläne für das zwei Millionen Euro teure volumetrische Filmstudio vorstellte, das erste seiner Art auf dem europäischen Festland. Ein weiteres Projekt gebe es in England, während der Technikkonzern Intel jüngst in Los Angeles ein besonders großes Studio für „Volumetric Video Capture“ eröffnet habe.
Woebcken zählte eine Vielzahl von Einsatzmöglichkeiten für die neue Technik auf, die weit über das Filmgeschäft hinaus gehen würden. „Auch für die Medizintechnik, den Automobilbau und Computerspiele ist das sehr interessant.“

Das neue Babelsberger Studio soll 170 Quadratmeter groß sein. Die Aufnahmen von allen Seiten werden von 36 Kameras gleichzeitig gemacht. Ergebnis ist ein Video, in dem der Zuschauer selbst entscheiden kann, aus welcher Perspektive er das Geschehen verfolgt.

Voraussichtlich Mitte des Jahres soll das Studio eröffnet werden und vor allem Komparsen ersetzen. Eine Vorstellung, die sicher nicht allen gefallen wird. Schließlich bessern sich damit viele Menschen ihren Lebensunterhalt auf. Aber die Kosten für diese Mitarbeiter seien nun einmal ein Faktor, der den Standort Babelsberg belaste. Pro Tag bekomme hier ein Komparse rund 150 Euro, in osteuropäischen Ländern deutlich weniger.

„Wir werden eine Bibliothek mit digitalen Komparsen aufbauen. Auf diese Aufnahmen können wir dann immer wieder zugreifen“, erklärte der Studio-Chef. Zwar sei es auch jetzt schon möglich, Massenaufläufe von Menschen im Film per Computer zu simulieren. „Aber näher herangehen darf man an die Figuren nicht, dann sieht man, dass sie nicht echt sind.“ Mit dem volumetrischen Studio werde das anders. „Die Figuren behalten ihre Natürlichkeit.“

Um in diesem völlig neuen Bereich mit den großen Akteuren in den USA mithalten zu können, habe man ein Konsortium von Spezialfirmen aus dem Film- und Softwarebereich und Wissenschaftseinrichtungen gebildet sowie eigens eine Firma gegründet, die VoluCap GmbH. Bei der Finanzierung hilft die Brandenburger Landesinvestitionsbank.

Mit an Bord sind auch die Potsdamer Filmproduktionsfirma Ufa und das Fraunhofer-Institut für Nachrichtentechnik in Berlin. Genau dort steht bereits seit Herbst 2017 zum Experimentieren ein solches Studio, wie es ähnlich in Potsdam errichtet werden soll. Und die ersten Filme sind dort auch schon entstanden.

Einer von ihnen heißt „Ein ganzes Leben“ und feiert 100 Jahre Ufa mit einer in den 1920er-Jahren beginnenden Zeitreise durch die Filmgeschichte. Man möchte den Bogen schlagen von den ersten bewegten Bildern zum begehbaren Film. Und dabei Ängste vor der neuen Technik nehmen, indem gezeigt wird, dass Film von Anfang an eine Trickwelt war und ist.

Die Schauspieler Franziska Brandmeier und Herbert Knaup agieren also im Studio in einem weißen Raum, beobachtet von 32 5K-Kameras. Im fertigen Film laufen sie durch ein Film-Set aus der Stummfilmzeit. „Ein ganzes Leben“ feierte im Berliner Filmmuseum seine Premiere. Dort, am Potsdamer Platz, ist er auch zu sehen beziehungsweise zu begehen – mit einer Spezialbrille vor den Augen.

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