Brandenburg : Der Bahnhof hat ausgedient

Etwa 2000 Empfangsgebäude sind bis 2012 an den Zugstrecken in Brandenburg errichtet worden / Viele sind dem Verfall preisgegeben

von
09. November 2015, 20:20 Uhr

Sie galten und gelten noch heute als Visitenkarte von Stadt und Gemeinde: Bahnhöfe. Mal pompös in Szene gesetzt wie der Kaiserbahnhof bei Potsdam – 1909 im englischen Cottage-Stil aus Sandstein fertiggestellt, mal ohne Schnickschnack einfach in die Landschaft gebaut. Wer heute auf Schienen durch Brandenburg fährt, merkt schnell, wie der Zahn der Zeit an den Empfangsstationen genagt hat: Fenster sind vernagelt, Fassaden beschmiert, der Putz bröckelt.

Der Bahnhof von einst hat an Bedeutung verloren – oft auch für die Deutsche Bahn (DB) selbst, die seit Jahren versucht, insbesondere verfallene Gebäude an wenig frequentierten Strecken zu verkaufen. 308 aktive Verkehrsstationen – so die offizielle Bezeichnung – gibt es nach DB-Auskunft derzeit im Land. Nur ein Bruchteil – 77 – sind noch im Eigentum des Konzerns. Den Rest möchte die Bahn gerne abstoßen, doch das fällt schwer. Nur 185 der 262 zum Verkauf vorgesehenen Empfangsgebäude haben mittlerweile einen neuen Besitzer. Sie seien nicht wirtschaftlich zu betreiben, haben einen hohen Leerstand und sind nach Ansicht der Bahn auch nicht mehr zeitgemäß, „da unsere Verkehrsstationen mit modernen Reisenden-Informationsanlagen und Wetterschutzeinrichtungen ausgestattet sind und über moderne Wegeleitungen verfügen“, wie es seitens von DB Regio heißt.

Der Trend in Brandenburg spiegelt sich bundesweit wider. Von 5400 Bahnhöfen in Deutschland haben noch etwa 1000 ein Empfangsgebäude. „Ein großer Teil dieser Immobilien, die im Schnitt 80 bis 100 Jahre alt sind, stammt aus der Gründerzeit der Bahn mit Dampflokbetrieb“, heißt es seitens der Bahn. Moderne Bahnbetriebstechnik mache die Präsenz von Bahnhofsvorstand und Bahnhofsarbeitern, die häufig auch im Bahnhof wohnten, entbehrlich.

Ausnahmen bestätigen die Regel, und zwar dann, wenn die Zahl der Reisenden ein weiterhin repräsentatives Gebäude rechtfertigt. Beispiel Frankfurt (Oder): Der Bahnhof mit täglich 10 000 Reisenden und Besuchern ist nicht nur der wichtigste deutsche Grenzbahnhof ins östliche Nachbarland, er atmet auch Geschichte. Vom ursprünglichen Empfangsgebäude aus dem Jahre 1846 ist zwar nichts mehr zu erkennen, doch das Gebäude ist komplett saniert und stufenfrei ausgebaut worden.

Ein Luxus, den sich die Bahn längst nicht mehr überall gönnt, sondern lieber den Weg des geringsten Widerstandes geht und die Immobilien veräußert. Dabei, betont der Konzern, gehe es nicht um den Verkaufspreis, sondern darum, dass die Empfangsgebäude umgenutzt werden und wieder zur Verfügung stehen, teilweise auch mit bahnfremder Nutzung.

In Großräschen beispielsweise ist ein Gesundheitszentrum untergebracht. Im Bahnhofsgebäude von Ortrand (beides Oberspreewald-Lausitz) praktizieren Ärzte. Heiraten lässt sich im prägnanten Bahnhofsgebäude von Bad Saarow (Oder-Spree), das jetzt unter anderem Trauzimmer beherbergt.

Aushängeschild schlechthin ist der Bahnhof in Lübbenau im Spreewald, in den unter anderem eine Erlebnisgastronomie eingezogen ist. In Zossen (Teltow-Fläming) hat die Bahn mit der Stadt einen neuen Eigentümer gefunden, der die Bahnhofsflächen wiederum an Fleischer, Bäcker und eine Pension vermietete – und sogar Fahrkarten für die Bahn werden dort verkauft.

Genau da liegt das Problem: Der klassische Fahrkartenschalter rechnet sich in Online- und Automaten-Zeiten für die Bahn genauso wenig wie die verrauchte Bahnhofskneipe, in der Pendler am Abend einst auf ein Feierabendbier einkehrten. Heute zählt Barrierefreiheit, „so dass Reisende ohne Treppensteigen zum Zug kommen“, wie es Friedemann Keßler, Regionalbereichsleiter Ost der DB Station&Service AG, betont. Immerhin sind mittlerweile fast 90 Prozent der Brandenburger Bahnhöfe stufenfrei, andere aber eben dem Verfall preisgegeben. Bergholz bei Potsdam, Oderin (Dahme-Spreewald), Schönwalde (Spreewald), Pillgram (Oder-Spree) und Templin (Uckermark) sind demnächst zu haben. Die Stationen Seefeld (Mark), Wittenberge (Prignitz) sowie Guben (Spree-Neiße) stehen schon jetzt zum Verkauf.

Prekär wird es vor allem dort, wo kaum noch Passagiere ein- oder aussteigen. 60 sogenannte Haltepunkte stehen unter Beobachtung des Landes, weil dort täglich weniger als 50 Reisende auf den Zug warten oder ihn verlassen. Ein Tod auf Raten, der Klaus-Dieter Zentgraf zu seinem im vergangenen Jahr erschienenen Bericht „Friedhof der 1000 Bahnhöfe“ inspiriert hat. „Zirka 2000 Bahnhöfe sind im Land Brandenburg von 1838 bis 2012 errichtet worden. 2012 waren nur noch 342 Bahnhöfe in Betrieb, und 2020 wird die Deutsche Bahn nur noch 20 Bahnhöfe betreiben“, analysiert der Autor. Drei Jahre lang legte Zentgraf 49 000 Kilometer mit der Bahn zurück, um alle verbliebenen Gebäude zu dokumentieren. Und er ahnt nach seiner Bestandsaufnahme Schlimmes für die Zukunft: „Das ist der Anfang vom Ende einer sterbenden Kultur.“  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen