Fotoprojekt mit Strafgefangenen : Dem Leben auf der Spur

Selbstbewusster Blick: Sebastian auf dem Sportplatz der JVA Brandenburg.
Selbstbewusster Blick: Sebastian auf dem Sportplatz der JVA Brandenburg.

Die in der Uckermark lebende Fotografin Angela Fensch hat für ihr jüngstes Projekt Strafgefangene vor die Kamera gebeten

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21. November 2017, 05:00 Uhr

Sympathisch. Das ist das Erste, was man denkt, schaut man sich das Foto von Sebastian an. Offen blickt er in Richtung Kamera, den Körper leicht ins Profil gedreht. Der Sportplatz, auf dem er steht, ist von Schneeresten bedeckt; das Gebäude im Hintergrund könnte eine Schule sein. Wären da nicht die Gitter vor den Fenstern.

Fast zehn Jahre ist es her, dass Angela Fensch Sebastian in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg an der Havel zum ersten Mal fotografiert hat. Eine weitere Aufnahme von damals zeigt ihn neben einer JVA-Bediensteten – beide lächeln freundlich. Sieht so jemand aus, der straffällig geworden ist?

Angela Fensch geht es um Menschen. Immer schon. Sie hat Mütter mit ihren Kindern porträtiert, Jugendliche, Frauen und Männer mit Behinderungen. „Es interessiert mich, woher jemand kommt, was er macht, was aus ihm wird“, sagt die im uckermärkischen Bertikow lebende Fotografin.

„3x3“ heißt die fotografische Langzeitstudie, für die Angela Fensch mehr als 30 inhaftierte Jugendliche porträtiert hat – dreimal im Abstand von jeweils drei Jahren. Die Idee dazu war ihr während ihres Projektes mit Jugendlichen aus der Uckermark gekommen – und bei der Arbeit als Schöffin am Schwedter Amtsgericht. „Das dort Erlebte bewegte mich sehr“, schreibt sie im Vorwort zu ihrem jetzt erschienenen Bildband. „Ich habe den Eindruck, dass die jungen Menschen hier, im Gerichtssaal, zum ersten Mal in ihrem Leben ernsthafte Beachtung erfahren. Eine Art positiver Zuwendung, die ihnen anscheinend bisher versagt blieb.“

Angela Fensch holte sich Unterstützung vom Brandenber Justizministerium und von Thomas Kolbe, dem Geschäftsführer der Ländlichen Arbeitsförderung Prenzlau – und heftete 2008 in einigen Justizvollzugsanstalten des Landes einen Zettel ans Schwarze Brett. Ob jemand Lust habe, sich fotografieren zu lassen und von sich zu erzählen.

41 Jugendliche meldeten sich daraufhin; 34 haben den Weg ins Buch geschafft. Manche machten doch noch einen Rückzieher, zu anderen hat die Fotografin später einfach den Kontakt verloren. Was sie überrascht hat, war die Offenheit, mit der ihr die jungen Männer und Frauen von Anfang an begegnet sind. „Es war nicht schwer, einen Zugang zu ihnen zu finden“, sagt Angela Fensch. „Im Gegenteil. Man denkt vorher: ,Oh, das sind die ganz schweren Jungs.‘ Und ist dann erstaunt davon, wie sehr der Umgang doch von Achtung und Respekt geprägt ist.“ Die Jugendlichen seien froh gewesen, „dass jemand kam, der mal was von ihnen wissen wollte – als Mensch, nicht als Strafgefangener“.

Etwa ein Drittel der Jugendllichen, glaubt Angela Fensch, hat es während der Jahre, die sie sie begleitete, in ein neues Lebens geschafft. Und fügt hinzu, dass sie die Chance dazu erst einmal jedem einräumen würde. Die Frage, warum Menschen straffällig werden, könne sie mit den Fotos nicht beantworten.

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