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Experiment : Dauerstau soll Schadstoffe senken

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Verkehrseinschränkung auf Potsdams Hauptverkehrsader / Pendler laufen Sturm gegen halbjährigen Versuch

svz.de von
erstellt am 08.Aug.2017 | 05:00 Uhr

16 Uhr, Potsdam Innenstadt, nichts geht mehr. Eine Autokarawane staut sich durch die Zeppelinstraße zurück zum zentralen Luisenplatz und weiter Richtung Park Sanssouci. Noch sind Ferien, also scheint es nur eine Frage der Zeit, bis der Stau auf der Rückseite vom Lieblingsschloss Friedrich II. ankommt und weiter ins Weltkulturerbe quillt.

Das Problem ist gewollt, oder zumindest wird es in Kauf genommen. Die Zeppelinstraße, Potsdams wichtigste Verbindung Richtung Westen, gilt seit Jahren als die dreckigste des ganzen Landes. Alle Grenzwerte der Luftverschmutzung werden regelmäßig überschritten. Ausweichmöglichkeiten gibt es nicht. Die Bundesstraße ist eingekeilt zwischen den Havelseen und dem Park Sanssouci.

Also wurde beschlossen, mit drastischen Mitteln den Verkehr einzuschränken. Schon seit Jahren gibt es dazu am Ortseingang eine Ampel, die bei dicker Luft den Zustrom von Pendlern aufhalten soll. Abgase werden so in die Pirschheide, ein altes königliches Jagdgebiet, gepumpt, bis die Durchfahrt in die Innenstadt wieder zügiger vonstatten gehen kann. Die Nachbargemeinden beschweren sich regelmäßig, weil das Problem exportiert wird und die Pendler zu Leidtragenden werden. Geholfen hat das alles nichts.

Deshalb wird seit Anfang Juli die nächste Stufe der Verkehrsvermeidung gezündet. Die einst vierspurige Straße wurde auf zwei Fahrbahnen verengt und die Geschwindigkeit auf 30 km/h gedrosselt. Der wissenschaftlich begleitete Versuch soll ein halbes Jahr dauern, oder auch länger, falls es sich als notwendig erweist. Ein Sprecher des Rathauses erklärte, dass sich die Schadstoffwerte schon mal vorübergehend gebessert hatten. Aber es ist Urlaubszeit und im Herbst können die Werte wieder ganz anders aussehen. Außerdem wird der Stau nun nachmittags, wenn das Auspendeln beginnt, zurück in die Innenstadt gedrückt.

Kritiker bemängeln, dass die Autofahrer nicht zum Umsteigen auf Bus und Straßenbahn motiviert werden, weil beide Verkehrsmittel jetzt auch im Stau stehen. Eine Internet-Petition sammelt bereits Unterschriften, um das Experiment vorfristig abzubrechen. Alternative Ideen zur Verbesserung der Luftqualität sind spärlich gesät. In der SPD ist davon die Rede, eine Busspur zwischen Geltow und Potsdam einzurichten. Das ändert aber nichts daran, dass die Busse dann wieder durch das Nadelöhr Zeppelinstraße rollen.

Einzig die Radfahrer profitieren von dem aktuellen Experiment. Sie bekamen jetzt erstmals einen akzeptablen Streifen auf der Fahrbahn zugewiesen und müssen sich nicht mehr den schmalen Bürgersteig mit Fußgängern und Bäumen teilen.

Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge werden dagegen in Potsdam zur Zeit nicht in Erwägung gezogen. Erst einmal soll das jetzige Experiment beendet und ausgewertet werden, heißt es.

 

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