Jagdschloss Stern : Das unbekannte Kleinod

Klinkerbau im Holländerstil: Errichtet wurde das Jagdschloss Stern zwischen 1730 und 1732. Die DDR-Führung ließ das Haus in den 1980er-Jahren umfassend sanieren.
Ulrich Thiessen

Zwei Räume, Küche und kein Bad – Jagdschloss wartet auf Gastronomie und Sanitäranlagen. Vertrag über Millioneninvestitionen geschlossen

svz.de von
27. September 2017, 12:00 Uhr

Hunderttausende Besucher wälzen sich jährlich durch die großen Schlösser Potsdams. Ein verträumtes Kleinod am Rande der Stadt kommt gerade mal auf 900 Gäste. Völlig zu unrecht wird es links liegengelassen.

Friedrich Wilhelm I. von Preußen, der sogenannte Soldatenkönig, war ein sparsamer Monarch. Im Gegensatz zu Vorgängern und Nachfolgern gönnte er sich keine pompösen Neubauten. Zehn Jahre vor seinem Tod ließ er dann doch etwas bauen. Ein kleines Jagdhaus im holländischen Stil mit Nebengelassen in der Nähe von Potsdam. Ein Jagdstern wurde errichtet, um die Parforcejagd zu ermöglichen. Von einem zentralen Punkt aus liefen 18 Schneisen (Gestelle genannt) sternförmig ab, um den König des Waldes, den Hirsch, zu Pferde und mit Hunden zu hetzen und erlegen zu können. Heute sind noch acht Wege erhalten und das Haus, das Jagdschloss Stern genannt wird.

Ringsum ist in den 1980er-Jahren ein Plattenbaugebiet, das den Namen Stern übernommen hat, bedrohlich nahe an das Idyll herangewachsen. Auf der anderen Seite rauscht hinter den Bäumen die Autobahn. Ansonsten aber ist noch vieles hier wie zu Zeiten Friedrich Wilhelm I. Ein paar Prinzen, darunter der spätere Kaiser Wilhelm II., haben in der Parforceheide gejagt. Königin Luise machte Ausflüge mit ihren Kindern hierher. Aber verändert wurde kaum etwas.

Das Gebäude selbst besteht nur aus einem großen Raum, in dem die Jagdgesellschaft sich ausruhte und speiste, einer kleinen Küche, einem Vorzimmer für den Adjutanten des Königs und dessen Gemach. Ein eigenartiger Raum, wie Kastellan Jörg Kirschstein einräumt. Schwarze Holzeinbauten dominieren die Längswand des Zimmers. In der Mitte befindet sich der Alkoven des Königs: ein Komfortbett mit eingebauter Kopfschräge und einer leichten Neigung zur Seite. So konnte sich der schwergewichtige König ohne fremde Hilfe besser aus dem Bett rollen. Neben dem Bett versteckt befinden sich die Türen zum Weinkeller und zum Boden, wo die Diener schliefen.

Der Saal selbst ist komplett holzvertäfelt. Der letzte seiner Art, wie Kirschstein betont. An den Wänden sind die Geweihe vom „großen Hans“ zu bewundern. Der prachtvolle Hirsch wurde nicht erlegt, seine jährlichen Abwurfstangen aber gesammelt und ausgestellt. Über und neben dem Kamin sind Jagdszenen angeordnet. Zu sehen ist unter anderem, wie der König den gestellten Hirsch tötet. Mitgeritten ist Friedrich Wilhelm in späten Jahren nicht mehr. In der Kutsche fuhr der von Gicht geplagte König dem wilden Treiben hinterher. Der helle große Raum wird heute für Kulturveranstaltungen genutzt. Es gibt Lesungen und Konzerte, organisiert vom rührigen Förderverein. Jagdschloss Stern ist das einzige Haus unter den zwei Dutzend Schlössern der Stiftung, das von einem Verein betrieben wird. Er organisiert auch die Feste rund um den wieder errichteten Backofen, zu denen die Einwohner des nahen Stadtviertels strömen.

Das Schloss selbst ist nur an einigen Wochenenden im Herbst und im Frühjahr oder auf Voranmeldung zu besichtigen, erklärt Johannes Kallabis, stellvertretender Vereinschef. Im Sommer und im Winter bleibt das Haus geschlossen. Ohne permanentes Lüften wären die Temperaturunterschiede zwischen innen und außen bei gelegentlicher Nutzung zu groß und könnten die historische Substanz schädigen. Schließlich gibt es im Gegensatz zu den großen Schlössern keine Klimaanlage. Gern würde der Verein mehr Leben an den Stern bringen. Schon zu Zeiten des Soldatenkönigs hatte der Schlossverwalter ein eigenes Haus in unmittelbarer Nachbarschaft und vor allem eine Schankerlaubnis. Bis Anfang der 1990er-Jahre wurden das Kastellanhaus und der Garten drumherum zur Bewirtung genutzt. Heute steht das Gebäude verwaist und verriegelt da. „Wir haben immer wieder Interessenten gesucht“, sagt Jörg Kirschstein. Wenn die Nutzung gesichert wäre, würde die Schlösserstiftung in das Haus investieren, betont er. Gefunden hat sich aber niemand, der das Wagnis auf sich nahm, die alte Schankwirtschaft wieder zu beleben.

Dem Förderverein würden schon kleine Investitionen helfen: eine Toilette zum Beispiel im ehemaligen Schafstall des Kastellanhauses. Im Schloss selbst gibt es keine Sanitäranlagen. Ein Hemmnis für zusätzliche Veranstaltungen am Jagdschloss zwischen Berlin und Potsdam.

Kommentar “400 Millionen und kein Klo“ von Ulrich Thiessen

In dieser Woche wurde er feierlich unterzeichnet: der Vertrag zwischen Bund, Berlin und Brandenburg, der der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten für die nächsten Jahre Investitionen in Höhe von 400 Millionen Euro zusichert. Der letzte Sonderinvestitionsplan, der gerade ausgelaufen ist, umfasste eine Summe von 170 Millionen Euro. Stolze Summen, die auch dringend nötig sind, um die rund zwei Dutzend Schlösser zwischen Rheinsberg und Königs Wusterhausen und die vielen Nebengebäude und Villen in den Gärten und Parks vor dem Verfall zu bewahren. Der Masterplan, den es dabei umzusetzen gilt, konzentriert sich auf die großen Problemfälle wie das Neue Palais, die Römischen Bäder oder Schloss Charlottenburg. Das kleinste Schloss der Stiftung, das bescheidene Jagdschloss Stern, befindet sich nicht auf der Vorhabenliste. Es ist in einem guten Zustand. Geld wird trotzdem dringend gebraucht – für eine Toilette – damit das Gebäude und der Park drumherum häufiger genutzt werden können. Ein Dixi-Klo macht sich einfach nicht gut, selbst wenn der Stern außerhalb des Weltkulturerbes liegt.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen