Wünschewagen : „Das lässt einen nicht los…“

Susanne Jerke und Mathias Hildebrandt sind privat und auch im Wünschewagen ein eingespieltes Team.
Susanne Jerke und Mathias Hildebrandt sind privat und auch im Wünschewagen ein eingespieltes Team.

Susanne Jerke und Matthias Hildebrandt opfern einen Teil ihrer gemeinsamen Freizeit dem Ehrenamt im Wünschewagen

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06. Juli 2019, 05:00 Uhr

„Dass Cedric seine Wünschefahrt nur um knapp drei Wochen überleben würde, war an diesem Tag wirklich nicht abzusehen“, sagt Susanne Jerke nachdenklich. Der 17-Jährige war Mitte Mai der 100. Gast an Bord des ASB-Wünschewagens in Mecklenburg-Vorpommern – und der zweitjüngste. Seine Mutter hatte sich für ihren unheilbar an Darmkrebs erkrankten Sohn eine Fahrt nach Hamburg ins Musical „König der Löwen“ gewünscht. Der Junge hatte ein Jahr zuvor, als noch niemand etwas von seiner Erkrankung ahnte, dorthin seine Schul-Abschlussfahrt gemacht und war damals sehr glücklich.

Susanne Jerke hatte diese Wünschewagenfahrt zusammen mit ihrem Partner Matthias Hildebrandt begleitet. „Es ging Cedric da schon schlecht“, erinnert der sich. Der Junge hätte Morphium bekommen müssen, und an einen Transport im Rollstuhl, wie ursprünglich geplant, war nicht mehr zu denken. „Zum Glück waren da die beiden Hamburger Feuerwehrleute, die uns spontan angesprochen und Hilfe angeboten hatten“, erzählen die beiden. Sie hätten nicht nur geholfen, den Jungen und seine Trage an ihren Platz zu bringen, sondern in der Pause sogar einen Fototermin mit den Hauptdarstellern für Cedric und seine Familie organisiert.

„Wir stehen bis heute im Kontakt miteinander“, sagt Susanne Jerke, „und wenn wir wieder einmal eine Wünschefahrt nach Hamburg haben sollten, werden wir uns bestimmt verabreden.“

Die Pflegehelferin und der Kraftfahrer gehören seit März zum Team der aktuell 69 Ehrenamtlichen, die angeboten haben, den Wünschewagen und seine Fahrgäste zu begleiten. Geschult, so Projektleiterin Bettina Hartwig, sind 48 von ihnen, wirklich aktiv allerdings nur zehn bis 15. Susanne Jerke und Matthias Hildebrand t gehören schon nach wenigen Monaten zu diesem aktiven Kern.

Beim Wünschewagen beworben haben sie sich gemeinsam Anfang des Jahres, kurz nachdem sie ein Paar wurden. Sie hat bisher vier Wünschefahrten begleitet, er sechs. Wann immer es möglich ist, melden sie sich gemeinsam zum Einsatz. Noch können sie sich an jeden detailliert erinnern.

„Meine erste Fahrt war die einer Bewohnerin der Einrichtung, in der ich arbeite und die noch einmal nach Bremen wollte“, erzählt Susanne Jerke. Sie hätte anschließend noch einmal ein richtiges Hoch gehabt und ihre Wünschefahrt um ein Vierteljahr überlebt.

Von einer anderen Frau, die das Paar gemeinsam begleitet hat, wüssten sie dagegen nicht, ob sie noch lebt. „Wir sollten sie mit dem Wünschewagen aus dem Krankenhaus abholen und nach Hause bringen, wo sie ihre Sachen packen wollte. Dann sollte es weitergehen ins Hospiz nach Bernstorf“, erinnert sich Matthias Hildebrandt. Die Frau sei ganz allein gewesen, niemand hätte ihr beim Packen geholfen. „Und dann fragte sie plötzlich, ob wir nicht noch einen Abstecher nach Warnemünde machen könnten. Dort wollte sie dann gerne noch ein Eis mit heißen Früchten essen. Natürlich hab ich ihr das besorgt…“

Im Hospiz hätte sie die beiden Ehrenamtler dann am liebsten gar nicht wieder weggelassen. „Sie wirkte so schrecklich einsam“, sagt Susanne Jerke leise. „Das lässt einen nicht los…“

Sie hätte von Berufs wegen gelernt, mit schwer kranken und auch mit sterbenden Menschen umzugehen, eigentlich mache ihr das nichts aus, betont die Güstrowerin.

Und doch gebe es Momente, wo auch sie schlucken muss. Zum Beispiel, als sie hörte, dass Cedric und ihr eigener Sohn vom Alter her nur zwei Wochen auseinander waren. Am schwersten sei ihr aber die bislang letzte Fahrt geworden: Eine 45-Jährige wollte noch einmal nach Hause. „Sie war Schwester auf der Onkologie und hatte selbst Darmkrebs“, erzählt Susanne Jerke.

Zu Hause hätte ihr Mann eine Überraschungsparty organisiert. Anschließend seien er und die 20-jährige Tochter noch mit dem Wünschewagen nach Warnemünde gekommen.

„Zu sehen, wie es der Tochter das Herz zerriss, als sie ihre Mutter gehen lassen musste – das ist auch mir ganz, ganz schwer gefallen“, gesteht Susanne Jerke. Sie sei selbst vor zehn Jahren Krebspatientin gewesen, auch die Erinnerung daran sei da plötzlich wieder hochgekommen. In solchen Situationen ist es Matthias Hildebrandt, der sie auffängt, der sie tröstet. „Wir reden zu Hause viel über unsere Einsätze im Wünschewagen. Das hilft, das Erlebte zu verarbeiten“, sagt er.

Für andere Menschen da zu sein, ist für beide selbstverständlich. „Ich bin schon als Helfer geboren“, meint Susanne Jerke augenzwinkernd. Ihr Partner begleitet bereits seit zehn Jahren von Parchim aus humanitäre Hilfstransporte nach Rumänien.

Und obwohl jeder zwei Kinder hat, die auch Aufmerksamkeit fordern, suchen die beiden ständig nach Ideen, wie sie den Wünschewagen noch bekannter machen könnten. „Unsere Familien tragen das mit. Meine Mutti kümmert sich zum Beispiel um meine Tochter, wenn ich für den Wünschewagenfahrt unterwegs bin“, erklärt Susanne Jerke.

Und Matthias Hildebrandt wurde unlängst vom jüngeren seiner Söhne mit der Feststellung überrascht: Wenn ich groß bin, will ich Rettungssanitäter werden. „Da habe ich wohl ganz viel richtig gemacht“, meint der stolze Vater.

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