Endlagersuche in der Prignitz : Das kleinste Übel in Sachen Atommüll

Jochen Stay (l.) von der Organisation „Ausgestrahlt“ zeigt, welche Regionen als Lagerstätten in Frage kommen.
Jochen Stay (l.) von der Organisation „Ausgestrahlt“ zeigt, welche Regionen als Lagerstätten in Frage kommen.

Auch Orte im Landkreis Ostprignitz-Ruppin werden als Standort für ein Endlager überprüft

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14. Februar 2020, 05:00 Uhr

Es war 1994, als dem Bundesumweltministerium erstmals klar wurde, dass eine Alternative zum geplanten Atommüll-Endlager Gorleben geprüft werden muss. Damals fiel auch der Name eines möglichen Lagers in Ostprignitz-Ruppin: Netzeband. Nun gerät der dortige unterirdische Salzstock zum zweiten Mal ins Visier der Endlager-Suche. Dieser Fakt brachte Heinz-Herwig Mascher zum Nachdenken. Brandenburgs Landessprecher der Grünen Liga ließ sich daher nicht lange bitten, als Ulrike Laubenthal aus Zempow bat, dass die Grüne Liga eine Info-Veranstaltung zur Endlagersuche veranstaltet. Am Dienstagabend in Neuruppin wollten rund 100 Interessierte mehr erfahren.

Jochen Stay von der Organisation  „Ausgestrahlt“ widmet sich seit 35 Jahren den Themen Atomenergie und Endlagersuche. Er erklärte den Ruppinern, ihm sei bewusst, dass das „am wenigsten schlechte“ Lager gefunden werden muss. Nur der Weg dorthin ist für ihn weder transparent noch gerecht. Nicht nur Netzeband, auch der Bereich Zechlin könnte in Ostprignitz-Ruppin als Lager in Frage kommen. Den entsprechenden Zwischenbericht der zuständigen Bundesgesellschaft für Endlagerung soll es im Herbst geben.

Laut Stay gibt es drei Sorten Atommüll: So fällt „freigemessener“ an. Die Radioaktivität liegt unter bestimmten Grenzwerten, es ist formal normaler Müll. Die zweite Gruppe ist schwach- bis mittelaktiver Müll. Bis zur Abschaltung der deutschen Kernreaktoren rechnet Stay mit rund 600 000 Kubikmetern dieses Mülls, die entsorgt werden müssen. 107 Bundesliga-Spielfelder könnten mit den gelben Tonnen gefüllt werden, in denen dieser gelagert wird. Die 17 000 Tonnen hochradioaktiver Müll würden. 1900 Castor-Behälter füllen. „Und irgendwann muss er da raus, die Behälter halten nicht ewig“, so Stay.

Castor-Behälter lagern derzeit an 16 Orten in Deutschland. Doch die Genehmigungen für die Hallen, die strenge Sicherheitsvorschriften erfüllen müssen, laufen nach und nach aus – manche laut Stay schon in 14 Jahren. „Es gibt also einen gewissen Zeitdruck, ein Endlager zu finden.“

In Gorleben gab es viel Kritik von den Anwohnern. Dort sollte der Atommüll in einem Salzstock gelagert werden, der laut Stay Kontakt zum Grundwasser hat. 1,9 Milliarden Euro hat die Bundesregierung dort schon in den Umbau investiert. 113 Castor-Behälter lagern in einer Halle über der Erde. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima startet erneut eine intensive Endlager-Suche. „Gorleben ist weiter mit im Topf“, so Stay. Ziel der neuen Suche: Es soll mehr Transparenz und Beteiligung der Öffentlichkeit geben.

Gesucht wird ein Lager für eine Million Jahre. Dass es ein Standort in Deutschland sein wird, schreibt das Standortauswahlgesetz fest. Als Ausgangslage gilt eine „weiße Landkarte“, gesucht wird überall. Doch an die Bodenbeschaffenheit gibt es Anforderungen: Diese darf aus Salz, Ton oder Granit bestehen, erklärt Jochen Stay. Bis 2031 soll der endgültige Standort gefunden und bis 2050 ausgebaut sein. Die folgende Einlagerung dauert 30 bis 50 Jahre. „Alle Fachleute sagen schon jetzt: Der Plan haut nicht hin. Es wird länger dauern“, so Stay. Problematisch ist dass die Zwischenlager nicht so lange halten werden.

Das Suchverfahren läuft laut Stay in drei Stufen: Im ersten Schritt werden nach Aktenlage geologische Daten zu Rate gezogen. Dabei werden aber zunächst nur digitalisierte Infos genutzt, so der Fachmann. „Also längst nicht alle“, sagt er. Zudem gebe es für Ost- und Norddeutschland mehr Daten zum geologischen Untergrund als beispielsweise für Süddeutschland: „Die DDR hat sehr intensiv nach Rohstoffen gesucht“, sagt Stay. „In Norddeutschland gibt es Öl- und Gasvorkommen, die erforscht wurden.“ Das Auswählen nach Datenlage soll zwischen 2022 und 2024 abgeschlossen sein.

In der zweiten Stufe des Verfahrens werden die Gebiete, die im ersten Schritt ausgewählt wurden, „obertägig untersucht“, so Stay. Probebohrungen und seismische Messungen stehen an, um mehr Infos zum Untergrund zu bekommen. In der letzten Stufe des Verfahrens werden die verbliebenen Standorte untertägig untersucht.

Gebiete mit starkem Vulkanismus wie die Eifel, solche mit Erdbebengefahr wie nahe der Schweizer Grenze und jene mit alten Bergbauarealen wie im Ruhrgebiet sind ausgeschlossen. Es wird laut Gesetz nach Tiefe, Mächtigkeit, Isolationsvermögen und Gasbildung des Untergrunds geschaut. Nur wenn zwei Gebiete gleich gut zur Endlagerung des Atommülls geeignet sind, werden oberirdische Verhältnisse betrachtet, so Stay. Ob es sich um ein Natur- oder Trinkwasserschutzgebiet geht, wie weit die Wohnbebauung entfernt ist: Das alles spielt bis dahin keine Rolle. Wird schon vorher ein laut Bundesamt perfekter Standort gefunden, werden die Punkte gar nicht einbezogen. „Eine Großstadt oder Ähnliches ist erst einmal kein Ausschlusskriterium“, so Stay.

Die Kritik bezieht sich nicht auf das Endlager selbst. Stay ist zwar Atomgegner. Jetzt, wo der Müll da ist, müsse dieser aber eingelagert werden. Doch am Verfahren hat der Fachmann viel Kritik: Die Kriterien für die Auswahl des Endlagers sind Ergebnis eines politischen Handels, nicht einer geologischen Auseinandersetzung. „In der Kommission saßen vor allem Minister, die sich vorher bei ihren geologischen Diensten erkundigt haben: Was muss ich reinverhandeln, dass es mein Bundesland nicht wird?“, so Stay. Am Ende seien „vage Kriterien“ herausgekommen. Eine echte „weiße Landkarte“ gebe es nicht. Nach dem Gesetz sei es möglich, dass Gebiete rausfallen, weil es über sie zu wenige Daten gibt. „Dann ist es aber schwer möglich zu sagen: Dieser Standort ist wirklich der beste“, sagt Stay.

Zur geforderten Transparenz bemängelt er, dass seit 2017 am Zwischenbericht gearbeitet wird. „Und jetzt, nach drei Jahren, wird zum ersten Mal etwas veröffentlicht.“ Er fürchtet, dass der Zeitdruck zu Fehlern führt und kritisiert, dass es Gremien gibt, in denen Bürger sich zu Wort melden können. „Aber auf die muss nicht gehört werden.“

Ein großes Ungleichgewicht sehen Stay und seine Mitstreiter darin, dass der Bundestag am Ende entscheidet, wo das Endlager entsteht: Es gebe derzeit 108 Abgeordnete aus Bayern, aber nur 25 aus Brandenburg. Dass ein Bundestagsmitglied sein eigenes Bundesland wählt, sei eher unwahrscheinlich.

„Ich behaupte nicht, dass die Region bei der Suche ein Favorit ist“, sagt Jochen Stay. „Die Wahrscheinlichkeit ist nicht größer – oder kleiner – als bei anderen Gebieten.“ Er ruft dazu auf, dass sich die Bewohner überall schlau machen und vernetzen. „Die Gesellschaft muss sich auf die am wenigsten schlechteste Lagermethode und den am wenigsten schlechten Standort verständigen“, so Stay.

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