Das "Juwel" schafft es bis nach Israel

Spur jüdischen Lebens:  eine Laubhütte in dem Wohngebiet.S. Hoke (3); dpa
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Spur jüdischen Lebens: eine Laubhütte in dem Wohngebiet.S. Hoke (3); dpa

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20. November 2010, 01:57 Uhr

Eberswalde | Es gibt Häuser, die sind außergewöhnlich - wegen ihrer Bauweise, ihrer Nutzung oder ihrer Bewohner. Für die Reihe "Anders Wohnen in Brandenburg" besuchen wir Menschen in der Mark in ihren vier Wänden.

Sie hießen "Juwel", "Kupfermärchen" oder "Eigenscholle" und kosteten zwischen 6300 und 13 600 Reichsmark. Die Hersteller dieser Bauten warben mit "abwaschbaren Wänden", "hervorragender Isolierung" und "fast unbegrenzter Dauerhaftigkeit". Das Allkupferhaus der Hirsch Kupfer & Messingwerke AG sollte ein Renner werden - aber nur 50 Häuser wurden gebaut. Eine Mustersiedlung mit acht davon steht in Eberswalde-Finow.

Arnold Kuchenbecker kannte die Häuser schon als kleiner Junge. Heute führt der 66-jährige Pensionär seine Besucher gern durch die Messingwerksiedlung, aber nicht mehr zu den Musterbauten mit der dunklen Patina. Zu viele seien schon gekommen, hätten Fotos gemacht, den Bewohnern reiche es: "Sie wollen nicht in einem Museum leben", berichtet er. So betrachtet er die Villen lieber aus der Ferne, von der Aussichtsplattform des Wasserturms aus. Etwas wehrhaft muten diese den Jahren so unverwüstlich trotzenden Bauten an, die in der Sonne wie dunkler Granit schimmern. Einst lebten hier leitende jüdische Angestellte der Firma Hirsch, ihre Spuren finden sich in der Arbeitersiedlung, zu der auch die Kupferhäuser gehören. Dort gab es eine Haussynagoge und eine auf einen Balkon aufgesetzte Laubhütte für das Sukkotfest, ein siebentägiges Erntedankfest in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten ins "Gelobte Land". Der Förderverein, dem Kuchenbecker vorsitzt, sammelt Spenden für den Erhalt solcher historischer Zeugnisse, bietet Führungen an und zeigt im Wasserturm eine Ausstellung zur Geschichte des Messingwerks.

Dort erfährt man, dass Hirsch Kupfer 1929 das Berliner Ingenieurbüro Förster & Krafft mit der Entwicklung der Buntmetallhäuser beauftragte. Später leitete der Architekt Walter Gropius das Projekt. Die ersten Prototypen entstanden 1930, auf der Bauausstellung 1932 stellte Gropius das "wachsende Haus der Zukunft" vor. Infolge der Weltwirtschaftskrise geriet die Familie Hirsch in finanzielle Schwierigkeiten und schied aus dem Unternehmen aus. Noch zwei Jahre lang liefen die Fertighäuser vom Fließband. Mit dem Slogan "Nehmen Sie ein Kupferhaus mit nach Palästina - sie wohnen bei größter Hitze in kühlen Räumen!", warb das Unternehmen nach Hitlers Machtübernahme um jüdische Flüchtlinge. Dann wurde Kupfer für die Rüstungsindustrie gebraucht.

Heute leben die Hirsch-Nachfahren in Israel. Sie unterstützen den Finower Förderverein und haben Arnold Kuchenbecker und sein Frau für eine Woche nach Haifa eingeladen. So konnte sich das Paar an den steilen Hängen des Karmelgebirges Kupferhäuser anschauen, die dorthin verschifft wurden.

Die transportablen Wandteile waren ein bis vier Meter lang und 2,50 bzw. 2,80 Meter hoch, fertig ausgerüstet mit Türen, Fenstern, Wasser-, Gas- und Elektroleitungen. Vor Ort wurden die Platten nur noch auf dem Fundament verschraubt. Nach spätestens acht Tagen war das Haus bezugsfertig. Fußboden und Treppe bestanden aus Kiefernholz, die Innenwände aus Eisenblech, das mit Ölfarbe gestrichen wurde. "Heute haben viele Rigipsplatten eingebaut, damit sie tapezieren können", so Kuchenbecker.

Die zehn Hausmodelle hatten zweieinhalb bis viereinhalb Zimmer und sollten als preiswerter Wohnraum dienen - kaum vorstellbar bei dem Material. "Die waren genauso teuer wie Massivhäuser", meint Kuchenbecker. Das Modell "Kupfercastell" etwa war laut Katalog mit einer Terrasse ausgestattet, die einen "Quell der Lebensfreude für den Besitzer" darstelle. Auch an die Hausfrau dachten die Planer, so war die Küche mit Einbauschränken und ausklappbarem Bügelbrett ausgestattet, "um die häusliche Arbeit so angenehm wie möglich zu gestalten." Mittlerweile stehen die Musterhäuser in Finow rund 80 Jahre und ihre dunkle Patina setzt langsam Grünspan an. Manche rücken dem mit der Schleifmaschine zu Leibe, aber Arnold Kuchenbecker gefallen solche Zeichen der Zeit.

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