Kleist-Museum in Frankfurt/Oder : Das Haus ist bestellt

Museumsdirektor Dr. Wolfgang de Bryun Winfried Mausolf
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Museumsdirektor Dr. Wolfgang de Bryun Winfried Mausolf

Wolfgang de Bruyn verlässt nach neun Jahren als Direktor das Kleist-Museum in Frankfurt/Oder. Er sagt von sich: „Die Welt ist in mir“

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28. Juni 2016, 05:00 Uhr

Noch ist der Schreibtisch voll. Zettel, Bücher und Notizen liegen auf dem schönen Möbel im lichtdurchfluteten Raum. Wolfgang de Bruyn hat noch genug Zeit, um zu packen. Der Direktor des Kleist-Museums Frankfurt/Oder verlässt den in seiner Amtszeit entstandenen Neubau Ende Juli. Ein guter Zeitpunkt, wie er findet: „Die Unruhephase ist vorbei.“ Neun Jahre hat er hier gewirkt, hat das Haus in sicheres Fahrwasser gelenkt.

Als er die Stelle am 1. Juli 2007 antrat, „war das ein Wackelposten, mit viel Aufregungen und Querelen verbunden“. In Frankfurt stand nicht nur der Erweiterungsbau des Museums an. Das Kleist-Jahr 2011 zum 200. Todestages des Dichters musste vorbereitet und – überlebenswichtig – das Haus wieder in die institutionelle Förderung des Bundes aufgenommen werden. Diese war dem Museum 2007 aberkannt worden mit einer Übergangsfrist bis 2011, in der nachzuweisen war, dass eine weitere Förderung gerechtfertigt sei.

De Bruyn kann das alles: Mittel einwerben, Projektanträge stellen, zu Kleist forschen, die institutionelle Förderung wieder an Land ziehen, Bücher editieren, die Gerhart-Hauptmann-Gesellschaft leiten, Symposien organisieren. Er strahlt dabei eine Ruhe aus, als könne ihn nichts erschüttern. Zwischenzeitlich flossen 80 Prozent seiner Zeit und Energie in die organisatorische Tätigkeit, nur wenig Raum blieb für das, was er „das Sahnehäubchen“ nennt: Ausstellungen kuratieren und Buntbücher herausgeben.

Dabei darf man sich den großen schlaksigen Mann nicht nur als intellektuellen Arbeiter vorstellen. De Bruyn braucht den Ausgleich, die Balance durch körperliche Arbeit. Wenn er von seinem Grundstück in Görsdorf (Oder-Spree) erzählt, geht es um die Hege und Pflege des Waldes weg von der Kiefernmonokultur, hin zum Mischwald. Dafür pflanzt er Traubeneichen. Auf seiner Streuobstwiese gibt es Apfelbäume alter Sorten. Dort, nahe dem Gehöft seines Vaters Günter de Bruyn, ist der 65-Jährige mit dem Traktor unterwegs, betreibt Landwirtschaft im Nebenerwerb und hat einen Motorsägen-Lehrgang abgeschlossen.

Schon früh muss sich gezeigt haben, dass der Sohn geschiedener Eltern unterschiedliche Talente hat. Er sei ein guter Schüler gewesen, bestätigt er die entsprechende Frage – um fast selbstironisch nachzusetzen: „vor allem in Betragen“. Trotzdem reichte es nicht für die Erweiterte Oberschule, an der man in der DDR das Abitur machen konnte. So wurde er Zierpflanzenbauer, eine Berufsausbildung mit Abitur – in der er es zum besten Gärtnerlehrling der DDR brachte – und die ihm das Studium an der Humboldt-Universität ermöglichte. Anglistik und Germanistik belegte er, promovierte über Ernest Hemingway, nutzte für die Recherchen zum Thema die Bibliothek der amerikanischen Botschaft in Ost-Berlin. Dass es zu „Westkontakten“ kam, ließ sich nicht vermeiden – und führte 1986 zur Entlassung am Institut für Sprachintensivausbildung. „Ich wurde als Sicherheitsrisiko eingestuft.“

Es passt zu de Bruyn, dass er die folgende, ungebundene Lebensphase als „sehr, sehr schön“ beschreibt. Die neue Freiheit nutzt er vielfältig: Neben der Tätigkeit an der Volkshochschule Königs Wusterhausen setzt er seine schriftstellerische Arbeit fort, recherchiert weiter zu Hemingway und reist unter anderem nach West-Berlin und England, wo er an der Universität von York einen Vortrag über DDR-Literatur hält. „Dort habe ich mich heimisch gefühlt, es war nicht so geleckt wie in Westdeutschland und relativ bescheiden.“

Gab es die Verlockung, im Westen zu bleiben? „Das war für mich keine Option, weil ich dann ja aus Brandenburg hätte weggehen müssen.“ Diese Bodenständigkeit und die Liebe zur Region halten ihn auch heute, es zieht ihn nicht in die Welt hinaus. „Die Welt ist in mir“, sagt de Bruyn mit dem feinen Lächeln, mit dem er viele Sätze begleitet. „Man muss nicht zwangsweise unterwegs sein“, findet er, und „dass man damit auch etwas verdrängt“. Für ihn sei Reisen zu beliebig geworden, fast alles sei erfüllbar und nur eine Frage des Geldes. Gern ist er an den Orten, die er kennt und an denen er auf Freunde trifft.

Ob Schreibtisch oder Wald entscheidet er nach Jahreszeit. Seit zwölf Jahren schon vertritt er als Jagdvorsteher die Waldbesitzer der Region und verhandelt über die Flächen, die an Jäger verpachtet werden. „Ich fühle mich unter Leuten wohl, die nicht den ganzen Abend intellektuell reden“, stellt er fest.

Es ist diese Vielseitigkeit, die Wolfgang de Bruyn auszeichnet, seine vielen Kontakte in alle Himmelsrichtungen, die seine Projekte zu Erfolgen werden lassen. „Ich kannte letztlich alle, die in Kultur- und Denkmalschutz etwas zu sagen haben und wusste, wie die Stadt tickt“, erinnert er sich an die Anfänge am Kleist-Museum und schlägt einen Bogen zum Heute: „Jetzt ist der ideale Zeitpunkt erreicht, um einen Schnitt zu machen.“ So kann er ruhigen Gewissens den Schreibtisch ausräumen und das lichtdurchflutete Arbeitszimmer im Museum ab 1. August seiner Nachfolgerin Hannah Lotte Lund überlassen.  

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