Havelberg : Das Bernsteinzimmer auf der Elbe

Militärhistoriker Harald-Uwe Bossert „im Gespräch“ mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. auf dem Domplatz in Havelberg Fotos: andrea schröder
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Militärhistoriker Harald-Uwe Bossert „im Gespräch“ mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. auf dem Domplatz in Havelberg Fotos: andrea schröder

300 Jahre ist es her, dass in Havelberg Weltpolitik gemacht wurde. Bald darauf passierte eine königliche Yacht mit dem Bernsteinzimmer an Bord die Domstadt

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06. Mai 2017, 16:00 Uhr

l. November im Jahre 1716. Aufregung im Domkapitel zu Havelberg. Der preußische König Friedrich Wilhelm I. und der russische Zar Peter I. haben sich für ihre Verhandlungen zur Koalition gegen Schweden die zwischen Berlin und Hamburg an der Havel gelegene Stadt ausgesucht.

„Vom 23. bis 28. November 1716 wird Havelberg zum Schauplatz europäischer Diplomatie“, erzählt der Havelberger Militärhistoriker Harald-Uwe Bossert. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Preußens Königen, dem russischen Zaren und mit Blick auf das 300-jährige Jubiläum mit der „Konvention von Havelberg“. Dabei kommt er unweigerlich zum Bernsteinzimmer. Das berühmte Kabinett erhielt der russische Monarch in Havelberg geschenkt. Außerdem eine prächtige vergoldete Yacht.

Friedrich I., der Vater des Königs, hatte das Bernsteinkabinett für sich anfertigen lassen. Die Yacht wurde 1704 in den Niederlanden vom Baumeister Maddersteg gebaut und Friedrich kaufte sie. Der als sparsam geltende Preußenkönig konnte so viel Prunk nichts abgewinnen und nutzte sie in Havelberg beim Treffen mit Vertretern aus sieben europäischen Staaten, um dem Zar seine Freundschaft zu bekunden.

Dass das Bernsteinzimmer später zu Weltruhm gelangen sollte, war damals nicht abzusehen. Peter I. hatte es schon 1712 im Berliner Stadtschloss bewundert. Daran erinnerte sich der Preußenkönig und schenkte es ihm. Dabei lag sein Wert mit 30 000 Talern weit unter dem der prunkvollen Yacht, die 100 000 Taler gekostet hatte. Unter den Namen „Liburnica“, „Friedrich“ und „Krone“ ist es gefahren. Auf seinem Weg von Potsdam, wo es zeitweise als „Tabakskollegium“ des Königs als Sitzungsort diente, weiter nach Hamburg und von dort nach Petersburg kam es an Havelberg vorbei. Inklusive Bernsteinzimmer, wie Harald-Uwe Bossert berichtet. In 18 Kisten war es verpackt. Der Schiffer Jänicke hatte diesen Auftrag erhalten. Am 16. April 1717 passierte die Yacht Rathenow.

Nicht so prunkvoll wie das berühmte Bernsteinzimmer, sondern von eher praktischer Bedeutung war das Geschenk des Zaren an den Preußenkönig. „Aus Havelberg sandte Peter I. einen Befehl an seinen Senat in St. Petersburg, dass ,große Bauern als Grenadiere auszuwählen seien, die einen Wuchs aufweisen, der aus den beiliegenden Maßen ersichtlich ist; deshalb schreibt an die Gouverneure, dass sie aus den Gouvernements solche, wenn es möglich ist, bis zu 200 Leute auswählen‘“, schreibt Historiker Dr. Michael Schippan. Wie viele „Menschengeschenke“ es tatsächlich waren, weiß niemand. Der Hamburger Courier berichtete sogar, dass der Zar versprach: „500 Mann extraordinair lange und große Russen nach Potsdam zum Kron-Regiment zu senden.“ Als „Lange Kerls“ gingen sie in die Historie ein.

„Das atmet hier alles preußische Geschichte“, sagt Harald-Uwe Bossert, als er an den zwei zur Buga 2015 eingeweihten Bronzefiguren auf dem Havelberger Domplatz steht. Beide Monarchen scheinen ins Gespräch vertieft, doch auch ein wenig verträumt. „Der Preußenkönig hatte hier in Havelberg erfahren, dass Peters Sohn desertiert ist. 14 Jahre später beging Kronprinz Friedrich von Preußen Fahnenflucht. Der Soldatenkönig hatte kurz die Überlegung, seinen Sohn an Leib und Leben zu strafen. Das Kriegsgericht weigerte sich, den Fall zu verhandeln. Zur Strafe musste Friedrich der Hinrichtung seines Freundes, Leutnant Hans Hermann von Katte, zusehen. Er hatte die geplante Flucht Friedrichs nicht gemeldet. Später wurde der Sarg in die Wuster Gruft, nur gut 30 Kilometer von Havelberg entfernt, überführt.“

Wie das Treffen im Havelberger Domkapitel genau ausgesehen hat, ist nicht bekannt. Festgehalten ist, dass der Zar am 23. November 1716 in Havelberg ankam und in der Dechanei (heute Polizeirevier) Quartier bezog. Der König reiste am Abend vorher an und wohnte „an eines Domherren Hofe“. Die „Konvention von Havelberg“ wurde in der Propstei unterschrieben.

Eine ungefähre Vorstellung vom Leben der Gäste geben Berichte von den sogenannten Ablagern. Das Domkapitel und dessen Untertanen hatten sich um die Versorgung der Gesandtschaft des Königs zu kümmern. So finden sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv Listen von den Lieferungen. Allein von den Bauern wurden 3000 Pfund Hafer für die Pferde, 240 Hühner, 670 Eier, 120 Pfund Butter, 28 Pfund Hafergrütze und 56 Pfund Erbsen geliefert. Dombäcker Georg Lindemann listete 1303 Brote, 1141 Semmeln, 52 Milchbrote und 54 Stollen auf. Domschlächter Meister Christian Herrmann berechnete 70 Thaler, 19 Groschen und elf Pfennige für 743 Pfund Rindfleisch, 454 Pfund Hammelfleisch, 96 Pfund Kalbfleisch und vier Spanferkel für die Lieferung an den Zaren.

In den fünf Tagen ihres Aufenthaltes verspeisten die Gäste zudem Krebse, Hechte, Brassen, Neunaugen, Heringe, Weißkohl, Sauerkraut und Rüben sowie diverse Äpfel und Birnen. Nicht genau bekannt ist die Größe der Gästeschar. Beschrieben ist jedoch, dass der Zar für seine Reise von Schwerin nach Havelberg von der mecklenburgischen Bauernschaft 50 Wagen und 450 Pferde erhielt.

Neben den Tatsachen entstanden natürlich auch Legenden um den Zarenbesuch. Er war wissbegierig und lernte inkognito etliche Handwerke. Dem Schiffbau war er zugetan. Wohl daher rührt die Geschichte von der Seejungfer des Zaren. Die soll er, als er als Schiffbauergeselle auch die Havelberger Schiffbauerei aufsuchte, abends im Gasthaus des Wirtes Backhaus in der Havelstraße geschnitzt haben. Bis 1945 hing ein Flachrelief am Giebel des Hauses und gilt seither als verschollen. Zum Glück wurde es im Auftrag des Prignitz-Museums zuvor fotografiert. Somit waren Nachbildungen der Holzarbeit möglich. Eine ist im Museum zu entdecken. Eine weitere wurde im November 2016 anlässlich des 300-jährigen Jubiläums des Zarenbesuches auf Initiative des Heimatvereins wieder am „Backhaus“ angebracht.


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