iPad-Klassen : Computer statt Schulbuch

Im Geschichtsunterricht  nutzen die Schüler ihr Tablet, um Präsentationen  über das Leben im Mittelalter vorzubereiten.
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Im Geschichtsunterricht nutzen die Schüler ihr Tablet, um Präsentationen über das Leben im Mittelalter vorzubereiten.

Dass digitales Lernen ein unverzichtbarer Teil des Unterrichts ist, haben mittlerweile viele Schulen erkannt. So setzte zum Beispiel auch die Alfred Nobel Gesamtschule in Potsdam als einer der ersten im Land auf iPads im Unterricht.

svz.de von
10. Dezember 2013, 00:36 Uhr

„Ich hab’ das eben mal im Internet nachgeschaut, das heißt recherchieren“. Stolz posaunt Tino seine Antwort heraus. Den Einwurf nimmt Französischlehrer Enno Schröder auf. „Gut gemacht“, lobt er seinen Schüler. Und weiter geht es im Unterricht: „Bjarne, log du dich mal bitte ein und zeig uns dein Ergebnis!“. Der blonde Siebtklässler tippt zwei Mal lässig auf sein iPad. Dann erscheint die Lösung seiner Französisch-Hausaufgaben für alle sichtbar an der Tafel. Ein Server, also ein Computer über dem sich alle iPad-Schüler miteinander vernetzen können, und ein Projektor machen es möglich.

„Das ist für den Unterricht wirklich praktisch“, schwärmt der Französischlehrer. Denn dank der neuen Technik können die Schüler ihre Aufgaben einfach miteinander vergleichen. „Ich hab auch die Möglichkeit, dass zwei oder drei Schüler ihre Ergebnisse vom iPad an die Tafel projizieren. So können unterschiedliche Lösungswege aufgezeigt werden.“ Aber nicht nur das. „Viele haben Spaß daran, ihre Lösungen zu präsentieren. Es hilft ihnen, ihre Arbeiten schneller und besser zu erledigen“, so Schröder.

Dass Schüler motivierter sind oder besser lernen, war jedoch nicht der Hauptgrund, warum sich die Regionale Schule am Bodden in Neuenkirchen bei Greifswald für die Einrichtung von iPad-Klassen entschieden hat. „Es ging uns vor allem darum, dass wir die Kinder und Jugendlichen nicht mehr mit Mitteln von gestern auf die Aufgaben von Morgen vorbereiten“, erläutert Schulleiter Bernd Leu. Heute würde in vielen Jobs oft mit Notebooks oder Tablet-Computern gearbeitet. Der Umgang damit würde meist vorausgesetzt. Nur mit Papier und Kugelschreiber könne man Schüler deshalb nicht auf ihre Aufgaben im Arbeitsleben vorbereiten.

Dass digitales Lernen ein unverzichtbarer Teil des Unterrichts ist, haben mittlerweile viele Schulen erkannt. So setzte zum Beispiel auch die Alfred Nobel Gesamtschule in Potsdam als einer der ersten im Land auf iPads im Unterricht. Im Februar 2012 wurde hier eine komplette Klasse mit eigenen Tablet-Computern ausgestattet. In Mecklenburg-Vorpommern ist die Neuenkirchener Schule Vorreiter im Umgang mit Neuen Medien. „Wir sind die erste staatliche Schule im Land, die eine eins-zu-eins-Lösung bei den iPads gefunden hat – sprich, jeder Schüler aus Klasse Sieben hat sein eigenes iPad, das er im Unterricht und für die Hausaufgaben nutzen kann“, erzählt Schulleiter Leu stolz.

Gestartet ist das iPad-Projekt an der Schule am Bodden in diesem Schuljahr. „Wir wollten ursprünglich mit einer siebten Klasse beginnen. Am Ende waren Schüler und Eltern so begeistert, dass wir sogar zwei Klassen zusammenbekommen haben“, berichtet Leu. Der Weg dahin sei aber alles andere als leicht gewesen. Vorangetrieben wurde das Projekt vor allem von Enno Schröder, der unter anderem auch Informatik an der Regionalen Schule unterrichtet und sich um deren Webauftritt kümmert. „Möglich war die Umsetzung aber vor allem, weil meine Kollegen den Weg mit mir gegangen sind“, bekräftigt Schröder.


Fachlehrer haben sich selbst iPad gekauft


In den Klassen 7a und 7b unterrichten insgesamt zehn Fachlehrer. Alle haben sich aus eigenen Mitteln ein Tablet angeschafft. In ihrer privaten Zeit besuchten sie Fortbildungen, um den Umgang mit dem iPad selbst zu erlernen. Und, um eine Idee vom Einsatz des Mediums im Unterricht zu bekommen. „Bemerkenswert finde ich am Engagement unserer Lehrer vor allem, dass sieben von ihnen bereits über 50 und einer sogar über 60 Jahre alt ist“, so Schröder. Auch die Suche nach einer geeigneten Finanzierung der Geräte gestaltete sich alles anders als einfach. „Wir haben schließlich eine Firma gefunden, über die Eltern das Gerät finanzieren können, wenn sie es nicht auf einmal kaufen wollen“, erklärt Enno Schröder. Darin enthalten ist auch eine Versicherung, falls eines der Schülergeräte einmal kaputt geht.

Damit auch alle Schüler gleichzeitig mit den iPad arbeiten können, mussten zudem technische Voraussetzungen geschaffen werden. So wurde beispielsweise eine zweite W-Lan-Leitung eingerichtet. „Mit nur einer Verbindung und so vielen Nutzern, war das Internet einfach zu langsam“, erklärt Schröder. Aller Anfang sei eben schwer.

Mittlerweile kommen die Tablet-Computer im Unterricht regelmäßig zum Einsatz. Neben Französisch nutzen die Schüler das iPad zum Beispiel auch im Deutsch-, Geschichts-, Kunst- oder Geografieunterricht. Gänzlich auf herkömmliche Unterrichtsmaterialien verzichten, wollen die Lehrer jedoch nicht. „Es wird bei uns nicht so sein, dass wir nicht mehr mit Papier und Stift arbeiten. Es wird bei uns auch weiter geschrieben, gezeichnet und im Sportunterricht geturnt“, betont Enno Schröder. Und auch Schulleiter Leu bekräftigt: „Papierfreie Schule – das wollen wir nicht.“

Die Neuenkirchner Schüler bewerten indes den iPad-Unterricht durchweg positiv. „Mir macht das Arbeiten mit dem iPad total Spaß. Es ist schön, weil wir auch den Umgang mit der Technik lernen“, sagt die zwölfjährige Lysann. Klassenkamerad Bjarne freut sich vor allem, dass er auch zu Hause plötzlich zum Tablet-Fachmann geworden ist. „Es ist cool, dass wir unseren Eltern was beibringen können. Die kennen sich mit dem iPad meist noch nicht so gut aus.“


Digitaler Unterricht kommt bei Schülern an


Auch dem dreizehnjährigen Kai gefällt der digitale Unterricht, auch wenn es etwas gedauert hat, bis er und seine Klassenkameraden mit der Technik umgehen konnten. „Gerade am Anfang haben wir manchmal für Aufgaben etwas länger gebraucht, weil wir das iPad noch nicht so gut kannten,“sagt er. Der einzige Nachteil: Ausreden, wie „ich habe meine Hausaufgaben gemacht, aber leider mein Heft zu Hause vergessen“, sind heute nicht mehr möglich.

Das finden Lysann, Bjarne, und die anderen aber gar nicht schlimm. Sie sehen es eher als Vorteil, dass das iPad immer einsetzbar ist. „Wir können auch Aufgaben zu Hause herunterladen, wenn wir mal krank sind“, so Bjarne. Dadurch würden sie kaum etwas verpassen oder müssten auch nach längerem Fehlen nicht so viel Unterrichtsstoff nachholen. Auch die Resonanz der Eltern ist bisher positiv. „Im Dezember machen wir eine Elternversammlung, bei der wir Feedback, Kritik und Anregungen aufnehmen“, so Schulleiter Leu. Für das folgende Schuljahr sei aber auf jeden Fall wieder eine iPad-Klasse ab Jahrgangsstufe sieben geplant. Der Bedarf hierfür sei da, betont Leu. Es seien schon drei Schüler angemeldet, die extra aus Greifswald in die Neuenkirchener Schule kommen wollen. „Die Eltern wollen ihre Kinder zu uns schicken, weil sie hier mit dem iPad lernen können“, erzählt der Schulleiter und weiter: „Das zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind und einen modernen Unterricht mit modernen Unterrichtsmitteln anbieten können.“

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