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Handwerk : Chinesische Patientin bei Bittners

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Ein Fachmann aus Neuenhagen rekonstruiert eine rund 100 Jahre alte Turmuhr, die in Quingdao zu Hause ist

Kniffelig – so lässt sich wohl am ehesten umschreiben, womit sich seit einigen Monaten der Feinwerkmechaniker Holger Bittner befasst. Der Meister seines Fachs repariert in Neuenhagen (Märkisch-Oderland) eine rund 100 Jahre alte Turmuhr, die im chinesischen Quingdao zu Hause ist.

Viele schlaflose Nächte, gesteht der sympathische Neuenhagener, hat er hinter sich. „Wenn zwei Drittel eines Uhrwerks fehlen und man auch nicht weiß, wer ursprünglich der Hersteller dieser Uhr war, dann ist das schon eine Herausforderung“, sagt der 33-Jährige. Fachliteratur hat er gewälzt, getüftelt, probiert, gefräst, nachgebaut, gemessen, wieder probiert. Und arbeitet sich so vom Schlagwerk langsam aber sicher Zahnrad für Zahnrad zum Gehwerk vor. Denn vorhanden waren nur noch das Uhrengestell samt der Trommeln für das Geh- und Schlagwerk sowie ein Schlaghebel, der dafür zuständig ist, den Stundenschlag auszulösen.

Bittner schätzt, dass zwischen 1910 und 1913 die Uhr in Deutschland gebaut und in die chinesische Stadt Quingdao gebracht wurde, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein deutscher Kolonial-Handelsstützpunkt war. Von 1897 bis 1914 stand Quingdao als Hauptstadt des Deutschen Schutzgebiets Kiautschou unter deutscher Herrschaft. Aus dieser Zeit sind viele Bauten erhalten: Brauerei, Bahnhof, protestantische Kirche sowie die Residenz des Gouverneurs und das ehemalige deutsche Verwaltungs-Hauptquartier.

Und genau dieses Gebäude wird nun aufwendig saniert. „Die Chinesen sind so akribisch, dass sie versuchen, originale Fenstergriffe zu bekommen. Deutsche Wertarbeit wird dort sehr geschätzt“, sagt Holger Bittner.

Am 26. Oktober 2014 kam eine chinesische Delegation in die Firma Glocken & Turmuhren Bittner am Rosa-Luxemburg-Damm. Sie überzeugte sich davon, dass die Meister die alte Turmuhr wieder in Gang bringen können. Umgekehrt fuhren Altmeister Horst Bittner und sein Sohn Holger im Januar 2015 nach China, um sich ihren „Patienten“ näher zu beschauen. Ehe alle Formalitäten geklärt waren, vergingen weitere Monate. Im Januar 2016 hat Holger Bittner mit dem Aufbauwerk begonnen.

Die Uhr steht auf einem 1,30 Meter hohen Gestell, das sandgestrahlt wurde und nun wieder in original Grün erstrahlt. Rund 20 Zahnräder hat Holger Bittner mittlerweile nachgebaut. Das kleinste hat einen Durchmesser von 1,5 Zentimetern, das größte von fast 20 Zentimetern. Rund vier Wochen, vermutet der Meister, wird er noch brauchen, ehe die Turmuhr wieder alle halbe und zur vollen Stunde erklingt und auch über Pendel und Linse verfügt. Er arbeitet allein an der Rekonstruktion, denn auch bei Turmuhr-Fachleuten gilt: Viele Köche verderben den Brei.

Fertig ist bereits das neue im Durchmesser 1,05 Meter große Ziffernblatt. Das wurde anhand von Fotos nachgebaut, die vom Bahnhof in Quingdao stammen. „Wir vermuten einfach, dass dieses Ziffernblatt ähnlich aussah“, sagt Holger Bittner.

Bevor die Uhr im Sommer die Bittnersche Werkstatt verlässt, gibt es einen Probelauf. Vater und Sohn werden vermutlich Ende August nach China fliegen, um die Uhr, die von zwei Motoren aufgezogen wird, im Verwaltungsgebäude einzubauen.

Ihr Werkzeug – Zangen, Hämmer, Feilen – ist dann schon längst vor Ort, reist mit der Uhr vor. Vielleicht bleiben den beiden ja ein paar Tage, um auch noch das Land zu bereisen. Das, was Holger Bittner beim ersten Besuch sehen konnte, lässt ihn schwärmen. „China ist wunderschön. Und, es gibt da noch viele deutsche Uhren, die wieder in Gang gebracht werden können.“ Und natürlich hofft Holger Bittner auf weitere Aufträge.

Margrit Höfer

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