Brandenburger Bürgschaftsbank : Bürokratieabbau dringend benötigt

Milos Stefanovic, Chef der Bürgschaftsbank Brandenburg. .
Milos Stefanovic, Chef der Bürgschaftsbank Brandenburg. .

Interview mit dem Chef der Brandenburger Bürgschaftsbank Milos Stefanovic zur Lage kleiner und mittelständischer Unternehmen

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30. Juni 2016, 05:00 Uhr

Brandenburgs Wirtschaftsförderung beruht nicht nur auf staatlichen Organisationen. Eine wichtige Rolle spielt auch die Brandenburger Bürgschaftsbank. Benjamin Lassiwe hat mit ihrem Vorstandsvorsitzenden Milos Stefanovic gesprochen.

Herr Stefanovic, wer oder was ist die Brandenburger Bürgschaftsbank?
Milos Stefanovic: Es gibt in jedem Bundesland eine Bürgschaftsbank. Diese Banken sind nicht staatlich, erhalten jedoch eine nennenswerte Rückbürgschaft des Landes. Die Bürgschaftsbank wird von den Kammern, den Kreditinstituten, den Verbänden und ab und zu auch einer Versicherung getragen. Sie hat einen einzigen Zweck: Dem gewerblichen Mittelstand mit Bürgschaften als Ersatz für fehlende Sicherheiten zur Seite zu stehen. Wir fördern Investitionen und die laufenden Betriebsmittel, also alles, was nötig ist, damit ein Unternehmen seinen Umsatz machen kann.

Wie nehmen Sie im Moment die wirtschaftliche Lage im Land wahr?
Als Bürgschaftsbank bemühen wir uns, die Vorjahreszahlen irgendwie zu erreichen. Das ist ein Indikator dafür, dass die Konjunktur sehr gut ist. Das Bedürfnis, Kredite abzusichern, ist bei den Kreditinstituten gering. Wenn es so sonnig ist, wie heute, braucht man keinen Wintermantel – und wir verkaufen Wintermäntel. Man sieht das auch bei den Arbeitslosenzahlen. Wir müssen immer weniger Leute in Lohn und Brot bringen – Fachkräfte zu bekommen, ist inzwischen ein Problem. Wir haben gerade vor sechs Wochen einen Unternehmer begleiten dürfen, der zwei Millionen Euro investieren muss. Er hat keine Zuschüsse der öffentlichen Hand beantragt – denn er sagt, er kann nicht mehr garantieren, dass er durch die Investition zusätzliche Arbeitsplätze schafft. Denn im Metallbau findet er keine Leute mehr.

Was sind die Bedingungen, dass ein Mittelständler bei ihnen eine Bürgschaft erhält?
Er muss eine überzeugende Persönlichkeit sein, also ein Unternehmer. Er muss ein gutes Konzept haben, von dem er uns überzeugen muss, dass es eine positive Entwicklung nehmen wird.

Wie hoch ist das Risiko bei Ihnen, dass Bürgschaften ausfallen?

Man kann salopp sagen: Jeder zehnte Euro ist verloren. Aber wir wissen im Vorfeld leider nicht, welcher Euro das ist. Wenn die 90 Prozent, die funktionieren, Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen, rentiert sich das.

Was muss für die kleinen und mittleren Unternehmen politisch passieren?
Auch wenn das abgedroschen klingt: Wir brauchen einen Bürokratieabbau, und zwar dringend. Wenn Sie sich einmal ansehen, was man alles an Statistiken ausfüllen muss, wenn Sie sehen, was man alles für Genehmigungen einholen muss... Auch die Beantragung eines Zuschusses ist ein so aufwendiges Vorhaben, dass sich die meisten Unternehmer fragen, ob sie das überhaupt schaffen, oder am Ende Beträge zurückerstatten müssen, weil sie vielleicht Fehler gemacht haben. Und: Im Sinne der Gerechtigkeit sollte man dafür sorgen, dass auch große Konzerne Steuern zahlen.

Haben Sie da etwas Konkretes vor Augen?
Nehmen Sie einmal Unternehmen wie Amazon oder Google. Diese Firmen konnten in Luxemburg verhandeln, wie wenig Steuern sie zahlen. Und das, obwohl sie ihr Geld nicht in Luxemburg, sondern in Deutschland verdienen. Im Zeitalter von G7 und G20 muss es doch möglich sein, dass man sich verständigt, dass sie die Steuern dort zahlen, wo sie die Umsätze erwirtschaftet haben. Das würde auch dem Mittelstand das Signal geben, dass er nicht der Einzige ist, der hier Steuern zahlt. Denn der Mittelständler hat keine Möglichkeiten, mal eben eine Tochtergesellschaft anderswo aufzubauen.

Was bedeutet der Brexit für den Brandenburger Mittelstand?
Ich habe vom Finanzminister die stichhaltige Argumentation gehört, dass durch das Ausscheiden des relativ reichen England aus allen Berechnungen der EU der Durchschnitt aller Werte beim Bruttosozialprodukt, beim Einkommen und so weiter in Europa sinken wird. Damit wird Brandenburg sehr schnell zu den nicht mehr förderfähigen Regionen in Europa gehören und nennenswerte Fördergelder verlieren. Das ist eine sehr plausible Auswirkung.

Muss Brandenburg jetzt in den Startlöchern stehen, um Firmen aus England abzuwerben?
Momentan würde ich alle internationalen Unternehmen, die nicht aus England kommen, aber in England für den europäischen Markt produzieren, versuchen, davon zu überzeugen, dass es in Brandenburg auch schön ist. Davon können wir nur profitieren.

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