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Defizite in der Mark : Bratling statt Bratwurst

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Die Kita-Küche in Niederlehme setzt auf Vollwertkost. Verbraucherschützer erkennen die Versorgungslücke in Brandenburg.

svz.de von
erstellt am 07.Feb.2017 | 05:00 Uhr

Zu viel Fleisch, zu wenig Gemüse und Obst: Die Kita-Verpflegung wird immer wieder in Studien kritisiert. Trotz der Probleme sieht das Land keine Notwendigkeit für eine Beratungsstelle. Einige Caterer zeigen bereits, dass gesundes Essen auch mit geringen Kosten zubereitet werden kann.

Kerstin Frost stand als Erzieherin zwischen den Fronten. Die Eltern stellten hohe Ansprüche an das Mittagessen, die von den Lieferanten jedoch nicht erfüllt werden konnten. „Wir haben immer wieder die Anbieter gewechselt, es war unbefriedigend“, sagt sie. Irgendwann fasste die Mitarbeiterin einer evangelischen Kita in Berlin-Rahnsdorf den Entschluss: „Ich koche selbst.“

Vor sechs Jahren machte sich die Pädagogin selbstständig und eröffnete die Küche „Kichererbse“ in Niederlehme (Dahme-Spreewald). Frisches Gemüse, Hülsenfrüchte, Obst und Vollkornprodukte werden dort verarbeitet, Tiefkühlprodukte dagegen sind ebenso tabu wie Saucenbinder. Fleisch steht nur zwei Mal wöchentlich auf dem Speiseplan. „Es ist aufwendig, alles selbst zu schälen, aber man schmeckt die Frische“, sagt sie.

Während Kerstin Frost durch die kleine Küche führt, schnippelt ihr Mitarbeiter Jan Göbel kiloweise Möhren. Der Koch kommt aus der Spitzengastronomie, hat früher als stellvertretender Küchenchef im Potsdamer Restaurant „Juliette“ gearbeitet. „Das war hier eine große Umstellung“, sagt der 37-Jährige. Während er viele Jahre kunstvolle Häppchen auf Teller zauberte, muss er heute große Mengen kochen. 400 Portionen sind es täglich.

Es sei ein „großes Glück“ gewesen, dass sie Göbel für das Unternehmen gewinnen konnte, sagt Frost. „Bei der Suche nach einem geeigneten Koch bin ich fast verzweifelt“, betont sie. Die meisten hätten nur noch gelernt, Tiefkühlprodukte in den Ofen zu schieben. Aber auch ihr Küchenchef wirkt zufrieden – er hat nun mehr Zeit für seine kleine Tochter und muss nicht mehr große Strecken zur Arbeit pendeln.

Auf dem Speiseplan stehen nicht die Kita-Klassiker wie Nudeln mit Tomatensauce, sondern beispielsweise ein Gemüse-Flan, der mit einem Sago-Birnen-Dessert geliefert wird. An anderen Tagen werden Schwarzwurzel-Kartoffelbratlinge, Steckrübencremesuppe, vegetarische Bratwurst mit Rotkraut oder Kichererbsenbällchen angeboten.

14 Kindergärten zählen inzwischen zu den Kunden, alle in freier Trägerschaft. „Man kann mit frischen Produkten kochen, ohne dass es deutlich mehr kostet“, sagt Göbel. „Klar ist aber auch, dass der Wareneinsatz angesichts der Vorgaben begrenzt ist. Kalbsfilet wäre zu teuer.“ Ständig feilt er an neuen Rezepten, bei denen auf Sonderwünsche eingegangen werden muss. Viele Kinder müssen sich gluten- oder laktosefrei ernähren, auch vegane Kost ist gefragt. Vesperhäppchen werden ebenfalls geordert: Brote mit Gemüseaufstrichen oder Waffeln.

Kerstin Frost spürt, dass noch ein Umdenken bei den Kita-Trägern stattfinden muss. Oft werde bei großen Caterern bestellt, da diese angeblich günstiger seien. Dabei hinterfragten noch zu wenige Einrichtungen, wie die Essen zubereitet werden. Vieles werde allein am Preis festgemacht, bestätigt auch Heidrun Franke, Ernährungsexpertin in der Verbraucherzentrale Brandenburg. Dort wurde eine kleine Studie erarbeitet, die im Februar veröffentlicht wird.

Der Tenor: „Viele Informationen zu den Speisen sind mangelhaft“, sagt Franke. Diese würden auch die Eltern kaum erreichen, die aber immer häufiger großes Interesse an ausgewogener Ernährung zeigen. „Es wird außerdem zu viel Fleisch und zu eintönige Kost aufgetischt.“ Hier sollten stärker bundesweit einheitliche Qualitätsstandards berücksichtigt werden, fordert die Expertin.

Schon eine landesweite Kita-Studie der Verbraucherschützer aus dem Jahr 2014 kam zu dem Ergebnis, dass es einen hohen Beratungsbedarf gibt. „Dieser ist noch größer geworden“, sagt Franke. Zwar existiert eine vom Land geförderte Vernetzungsstelle für Schulverpflegung, die jedoch kaum den Kita-Bereich abdeckt.

Eine Erweiterung des Beratungsangebots sei nicht vorgesehen, sagt ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums. „Die Schulverpflegung hat Priorität.“ 900 Schulen, 120 Caterer und 300 Schulträger müssten miteinander ins Gespräch gebracht werden. Michael Wimmer, Geschäftsführer der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau, fordert dagegen von der Landesregierung, zumindest Mindeststandards festzulegen. Nur dadurch könne erreicht werden, dass Caterer bestimmte Anteile von frischen und regionalen Produkten verwenden.

 

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