Regionale Landwirtschaft : Brandenburg deckt Berlin den Tisch

Eier glücklicher Hühner wie vom Bio Landhof Schmerwitz sind ein Verkaufshit.
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Eier glücklicher Hühner wie vom Bio Landhof Schmerwitz sind ein Verkaufshit.

Gurken aus dem Spreewald, Spargel aus Beelitz, Äpfel aus Werder: Berliner greifen gern zu regionalen Lebensmitteln

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30. August 2016, 05:00 Uhr

Der „Milchmann“ kommt regelmäßig und hat frische Milch, Joghurt, Käse oder Butter aus der Uckermark für Kunden im Berliner Norden dabei. Meist im Abo gebucht, werden die Lebensmittel bis zu zweimal pro Woche von der Uckermark in die Hauptstadt geliefert – sicher verpackt in einer Kühlbox. „Kunden wollen regionale Produkte, und die möglichst frisch“, sagt Gunnar Hemme, Geschäftsführer der Hemme Milch GmbH & Co. KG. 2000 Berliner Haushalte buchen inzwischen den Service. Die Nachfrage steigt, die märkische Land- und Ernährungswirtschaft muss Schritt halten. Eier sollen von glücklichen Hühnern kommen, deren Namen die Kunden am liebsten wissen wollen.


Regionalität ist zum Werbefaktor geworden


Auch bei Wurst und Fleisch geht es um Regionalität. „Die Verbraucher wollen immer mehr über ihre Ernährung wissen“, betont der Sprecher von Slow Food Berlin, Udo Tremmel. Die Bewegung tritt dafür ein, dass Lebensmittel gut, sauber und fair produziert und gehandelt werden. Hochwertige Produkte sollen in der Region verarbeitet werden, lautet der allgemeine Wunsch. Arbeitsplätze in der Heimat entstehen und bleiben – nicht unbedingt im Speckgürtel, aber im Land.

Regional ist ein unverzichtbarer Werbefaktor: Verbraucher schlendern über Wochenmärkte mit Ständen märkischer Landwirte und kaufen in Hofläden vor Ort ein. Zudem lassen sich viele Familien Obst- und Gemüsekisten aus Brandenburg liefern. Auch große Lebensmittelhändler sind interessiert.

Seit fast zehn Jahren profitieren ebenso eher kleine Betriebe vom Boom. Mit der Regionalmarke ,Von hier’ kommen sie zum Zuge“, sagt Gerrit van Schoonhoven, Geschäftsführer der Werder Frucht GmbH. „Normalerweise räumt der Handel für einen märkischen Imker, der nicht auf Massenproduktion eingestellt ist, kaum einen Zentimeter im Regal frei. Unsere Idee war, hochwertige einheimische Lebensmittel in die Geschäfte zu bringen“, berichtet van Schoonhoven von den Anfängen. Unter der Dachmarke „Von hier“ werden sie in Supermärkten einer bekannten Einzelhandelskette angeboten.

Über den Agrarmarketingverband pro agro wurde 2007 das Projekt mit 20 Produkten von acht Betrieben gestartet – mit Honig, Chutney, Säften, Kartoffeln, Zwiebeln und Wurst im Glas. Heute sind es 60: Meerrettich, Bier, Käse, Nudeln, Sauerkraut, Senf und Dinkelflocken kamen dazu. „Regional heißt auch: Wenn die Saison für ein Produkt vorbei ist, ist es ausverkauft“, erklärt van Schoonhoven. „Wir sind ständig auf der Suche nach neuen Artikeln“, sagte Kristin Mäurer, Fachbereichsleiterin Agrar- und Ernährungswirtschaft bei pro agro. In den vergangenen Jahren sei es gelungen, die Verbraucher für saisonale und regionale Produkte zu sensibilisieren.

Die Landwirte müssen einige Kriterien erfüllen, um das Logo „Von hier“ auf ihre Etiketten drucken zu dürfen. So ist verboten, Tieren genverändertes Futter zu geben; außerdem sind sie artgerecht zu halten. Unverarbeitete Ware muss zu 100 Prozent aus der Region stammen, bei verarbeiteter sind es mindestens 70 Prozent.

Werder Frucht übernimmt für pro agro Organisation und Vertrieb der „Von hier“-Produkte. In großen Lagerhallen südwestlich von Potsdam sind die Regale derzeit gut gefüllt mit Lebensmitteln: Meerrettich aus dem Spreewald, Obstsäfte aus Hohenseefeld, Sanddornsaft aus Bad Belzig, Lein- und Rapsöl kleiner Ölmühlen. Hier gehen die Bestellungen an die Berliner Supermärkte raus, werden Rechnungen verschickt. „Die Produzenten schätzen den fairen Preis, den sie für ihre Ware bekommen“, so van Schoonhoven.


Region kann den Bedarf Berlins nicht decken


„Der Bedarf bei Waren des täglichen Bedarfs ist noch lange nicht aus der Region zu decken“, so der Sprecher des Branchen-Schwerpunktes Ernährungswirtschaft Brandenburgs, Sebastian Kühn. In seiner Firma – Eberswalder Wurstwaren GmbH – stünde nach zwei Monaten die Produktion still, wenn nur märkische Schweine verarbeitet würden. „Mehr Tiere gibt es hier aber nicht.“

Molkerei-Chef Hemme schafft einen Drittel des Umsatzes mit der Direktbelieferung der 2000 Haushalte, der Rest kommt von Supermärkten. „Das Milchmann-Geschäft trägt sich selbst“, betont er. In seinem Unternehmen, etwa 80 Kilometer von Berlin entfernt, plant er ein Erlebniszentrum. „Kunden sollen erfahren, wo die Milch herkommt“, unterstreicht Hemme. Eine Kuh-Cam zeigt Besuchern schon jetzt, was die Tiere auf der Weide nebenan tagsüber tun: Sie fressen und dösen, bevor es an die Melkmaschinen geht.

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