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Uckermark statt Mittelmeer : Bootsbauerin und Flüchtlingspatin

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Aus der Redaktion des Prignitzers

Gelernt hat sie den Beruf dreieinhalb Jahre lang in Peenemünde an der Ostsee. Anschließend arbeitete sie auf Werften in Kiel, Aschaffenburg, Waren – und an der Côte d'Azur.

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erstellt am 25.Apr.2016 | 08:00 Uhr

Urte Rätsch ist mit Wasser und Holz aufgewachsen. Ihr Elternhaus steht in Lychen (Uckermark) am Wurlsee, einem von sieben Seen in der uckermärkischen Kleinstadt. Ihr Vater ist Holzbildhauer Karl Rätsch, dessen Skulpturen in Garten und Atelier des Anwesens stehen. Dass die heute 25-jährige Bootsbauerin wurde, scheint da nicht verwunderlich. Gelernt hat sie den Beruf dreieinhalb Jahre lang in Peenemünde an der Ostsee. Anschließend arbeitete sie auf Werften in Kiel, Aschaffenburg, Waren – und an der Côte d'Azur.

Statt französisches Mittelmeer heißt es nun aber wieder: Uckermark. Rätsch ist zurück in ihrer Heimat, aus der junge Leute eher abwandern, um beruflich voran zu kommen. Zu Jahresbeginn hat sie eine eigene Werft aufgemacht. Die zierliche Frau mit dem langen dunklen Haarzopf hat sich bewusst dafür entschieden, obwohl sie andere Angebote hatte. „Ich möchte mit gutem Beispiel voran gehen, zeigen, dass sich das Leben auch hier lohnt“, erklärt die 25-Jährige.

Kommunalpolitisch engagiert sie sich in der Wählergruppe „Schön hier – gemeinsam für Lychen“. Gute Handwerker und Fachleute würden auch in der uckermärkischen Provinz gebraucht, ist sie überzeugt. „Urte ist mit ihrem Engagement ein Glücksgriff für uns. Sie verkörpert die junge Generation“, sagt Thomas Held, einer von drei Lychener Stadtverordneten der Wählergruppe.

Rätsch beschäftigt sich mit Stadtpolitik. Pläne der Kommune, im Stadtzentrum einen Hafen mit 60 Gäste-Liegeplätzen zu schaffen, lassen sie den Kopf schütteln. Über drei Millionen Euro soll das Projekt kosten. Die Stadt wolle das Hafenbecken direkt in die ehemalige Festwiese graben, zudem eine Mole aufschütten und Ferienhäuser drauf bauen. „Das ist eine Fehlinvestition, die sich Lychen nicht leisten kann“, warnt sie bei jeder Gelegenheit. Das Ufer zu befestigen und Schwimmstege zu installieren, wäre aus ihrer Sicht kostengünstiger und ausreichend.

Ihre kleine Werkstatt liegt nicht direkt an einem der Lychener Seen, denn Wassergrundstücke seien in der Stadt nicht leicht zu bekommen, sagt sie. Eine gläserne Werft im neuen Hafen wäre nach ihrem Geschmack. Doch da würde die Bootsbauerin zu viel Lärm verursachen, ließ die Kommune sie wissen. „Um Boote zu reparieren oder neu zu bauen, brauche ich das Wasser nicht unbedingt“, sagt sie. Erfahrung hat sie im klassischen Bau von Yachten, im Innenausbau von Großseglern und in der Reparatur von Holz- sowie Kunststoffbooten.

In ihrem Betrieb fängt sie klein an – fertigt neue Holzruder und Bodenbretter, laminiert Lackschäden oder spachtelt Fehlstellen weg. Gerade arbeitet sie im Auftrag eines Kunden an einem Oldie: Der Jollenkreuzer, Baujahr 1965, ist ein typisches Boot der Region mit nur geringem Tiefgang. „Der komplette Schwertkasten muss erneuert werden. Die Leimung hält nicht mehr“, erklärt sie.

Spätestens im Herbst will sie ihr Meisterstück bauen – eine formverleimte Jolle. Sie sei darauf eingerichtet, allein zu arbeiten, sagt sie. „40 Kilogramm kann ich mühelos heben. Männer haben vielleicht mehr Kraft, aber ich bin klein und komme im Boot überall rein.“ In der Großstadt könne sie nie leben. „Die Ruhe und die Natur, in der ich mit selbstgebautem Floß und Baumhaus aufgewachsen bin, würden mir fehlen.“

Gegenwärtig macht Rätsch Neuankömmlingen aus der Fremde das Leben in der Kleinstadtidylle schmackhaft, engagiert sich auch in einer Initiative für Flüchtlinge.

„Urte ist gut für uns. Sie hilft uns bei Behördengängen, beim Ausfüllen von Formularen und ist immer Ansprechpartner bei Problemen“, erzählt die Afghanin Farima Farmani, die mit Mann und vier Kindern nach Lychen kam. Rätsch ist Patin der Familie und nimmt ihre Aufgabe ernst. „Ich möchte ja, dass die Neuen gern hier leben und vor allem bleiben."
 

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