zur Navigation springen
Brandenburg

23. November 2017 | 15:52 Uhr

Aufschwung : Boomtown Wustermark

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Kleine Gemeinde im Landkreis Havelland verdreifacht Einwohnerzahl / Viele Berliner zieht es in den Speckgürtel der Hauptstadt.

svz.de von
erstellt am 04.Jul.2017 | 05:00 Uhr

Während manch eine Kommune in Brandenburg unter Bevölkerungsschwund leidet, hat Bürgermeister Holger Schreiber (55) eher das gegenteilige Problem: Wustermark im Landkreis Havelland westlich von Berlin boomt.

Nur etwa 3000 Einwohner lebten Anfang der 1990er Jahre auf dem Gebiet der 2002 geschaffenen heutigen Gemeinde, jetzt seien es drei Mal so viele, sagt Schreiber. Und in wenigen Jahren könnten sogar mehr als 12 000 Menschen in Wustermark leben.

„Wir sind stark nachgefragt von jungen Familien“, sagt Holger Schreiber, der seit 2010 die Geschicke der Gemeinde leitet. Angesichts hoher Mieten und Immobilienpreise in der Hauptstadt sei Wustermark auch für viele Berliner eine Option. Die Gemeinde Wustermark expandiert damit seit der Wende sogar stärker als nebenan die Stadt Falkensee, die seit 1990 ihre Einwohnerzahl verdoppelt hat und sich die am schnellsten wachsende Stadt in Deutschland nennt. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) meinte kürzlich, in Falkensee würden bald mehr Menschen leben als in Frankfurt (Oder), wo die Einwohnerzahl um ein Drittel gesunken ist.

In Wustermark freut sich der Bürgermeister über den Ansturm. „Das ist ein gutes, gesundes Wachstum“, sagt Schreiber. Denn neben neuen Einwohnern bietet Wustermark auch zahlreiche neue Jobs. Mit zu wenigen Einwohnern kippe die Wirtschaftlichkeit einer Kommune – das wolle Wustermark vermeiden, sagt Schreiber.

Warum soviel Wachstum möglich wurde, zeigt ein Blick auf den Flächennutzungsplan, den Schreiber in seinem Büro im schlichten Rathaus aufgehängt hat: Hier kreuzt sich die Bundesstraße 5 mit dem Berliner Autobahnring, es gibt einen Bahnanschluss nach Potsdam und Berlin und ein gut nachgefragter Binnenhafen steht zur Verfügung.

Neben Wohngebieten sticht auf der Karte das Güterverkehrszentrum West heraus. Firmen wie Amazon haben hier ihre Logistikzentren, kürzlich erst hat die Drogeriekette dm eine 100-Millionen-Euro-Investition angekündigt. Und der ausgediente Rangierbahnhof Wustermark wird seit wenigen Wochen zu einem Bahntechnologie-Campus weiterentwickelt. „Die hier entstehende Zukunftswerkstatt der Bahntechnologie ist ein Leuchtturm, der weit über die Region hinausstrahlen wird“, meint Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD).

Neben Werkshallen bietet Wustermark Publikumsmagnete. Allein das Designer Outlet Berlin mit zahlreichen Modegeschäften zähle jedes Jahr bis zu drei Millionen Besucher, berichtet Schreiber. Karls Erdbeerhof ist eine weitere Attraktion – die nun unter anderem mit 2000 Übernachtungsplätzen für Familien noch deutlich ausgebaut werden soll. „Vor 20 Jahren hätten wir nicht gedacht, dass die touristische Nachfrage so groß ist“, sagt Schreiber.

Heute ist ein weiterer erster Spatenstich geplant: Dann soll die städtebauliche Entwicklung des früheren Olympischen Dorfes von 1936 offiziell beginnen. Zunächst sind 450 Wohneinheiten bis zum Jahr 2019 geplant, mittelfristig seien bis zu 3000 Einwohner möglich, sagt Schreiber. Teile des Dorfes waren nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen worden, zu DDR-Zeiten hatten die russischen Streitkräfte Plattenbauten errichtet. Heute steht der Kern unter Denkmalschutz.

Das Erfolgsgeheimnis von Wustermark? Man habe den Schwerpunkt unter anderem auf gute Wohninfrastruktur, auf Einkaufsmöglichkeiten, die Wirtschaft und den Verkehr gelegt, sagt Schreiber. In „Luxus“ wurde nicht investiert: Ein Freibad sucht man in Wustermark vergeblich, auch wurde keine Sporthalle errichtet. 17 Millionen Euro Schulden habe die Gemeinde 2010 gehabt, sagt Schreiber. „Wir waren fast handlungsunfähig.“ Inzwischen seien die Schulden auf neun Millionen gesunken.

Schreiber selbst wohnt in dritter Generation im Ortsteil Elstal. „Ich bin durch die Region extrem geprägt“, sagt er. Ursprünglich habe er das gelernt, was heute als Mechatroniker bezeichnet werde. Nach der Wende arbeitete er im kaufmännischen Bereich in der Logistik und bei einem Automobilzulieferer. Als sein Arbeitgeber pleite ging, baute er einen Sportverein auf und kam dadurch zur Kommunalpolitik. CDU und SPD hätten ihn damals angesprochen, als parteiloser Bürgermeister zu kandidieren.

Das viele Wachstum hat auch Schattenseiten. Beim Bau neuer Schulen und Kitas fühlt sich Schreiber von Land und Bund zu wenig unterstützt. Während andere Gemeinden bei sinkender Einwohnerzahl die Sanierung einer Schule vielleicht verschieben könnten, stehe er in der Pflicht, sagt Schreiber. Und auf die in Brandenburg geplante Kreisreform blickt er mit Sorge. Zwar seien die Gemeinde und der Kreis Havelland wirtschaftlich gesund. Doch wenn die hoch verschuldete Stadt Brandenburg an der Havel mit dem Kreis Havelland zusammengelegt werde, könne sich womöglich die Kreisumlage für Wustermark deutlich erhöhen.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen