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Geschichte des Kernkraftwerks Rheinsberg : Blockwarte am Barockschloss

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Wie verschwindet ein Kernkraftwerk? In Rheinsberg ist das hautnah mitten im Wald zu erleben

Zu Deutschlands ältestem Atommeiler führt noch immer eine etwa drei Kilometer lange Betonpiste durch den Wald. An ihrem Ende erhebt sich in seinen äußeren Umrissen das DDR-Kernkraftwerk (KKW) Rheinsberg. Vor 50 Jahren, am 9. Mai 1966, ging es ans Netz, vor gut 25 Jahren wurde es abgeschaltet. Seitdem wird die Anlage „zurückgebaut“, wie es im Fachjargon heißt.

In zehn Jahren könnte nichts mehr an sie erinnern. „Alle Betriebsgebäude werden abgebaut“, sagt Jörg Möller, der bei der bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN) die Öffentlichkeitsarbeit für Rheinsberg verantwortet. EWN ist für den Abriss der beiden Kernkraftwerke Rheinsberg und Lubmin bei Greifswald zuständig. Der Bund finanziert das bislang mit rund 4,2 Milliarden Euro. Derzeit werden die Kostenpläne in Zusammenhang mit der neuen Strategie des Unternehmens überarbeitet: Die Devise lautet jetzt Demontage und nicht mehr Langzeitverwahrung.

Der Standort wurde zu DDR-Zeiten wegen der einsamen Lage gewählt. Bis zum 1. Juni 1990 war der Druckwasserreaktor russischer Bauart insgesamt 130 000 Stunden am Netz und lieferte nach Angaben des Brandenburger Verbraucherschutzministeriums rund 9000 Gigawattstunden Strom. Die elektrische Leistung von 70 Megawatt reichte aus, um eine Stadt wie Leipzig zu versorgen.1990 zählte das KKW Rheinsberg 680 Mitarbeiter, von denen eine Hälfte im Kraftwerk, die andere in Forschung und Entwicklung tätig war. Heute sind es laut Möller noch 120. „Sie planen und erledigen den Rückbau, unterstützt von Fremdfirmen.“

Was geschah seit der Wende? Rein äußerlich sind im Vergleich vor der Stilllegung kaum Veränderungen sichtbar. „Ein paar Baracken aus DDR-Zeiten sind verschwunden“, erzählt der studierte Maschinenbauer Möller, der seit 1976 in dem Kraftwerk arbeitet. „Die Bauten sind innen aber hohl.“ 2001 wurden vier Castoren nach Lubmin abtransportiert, wo es ein Endlager für die beiden einstigen DDR-Kraftwerke gibt. „Damit haben wir etwa 99,9 Prozent des Radioaktivitäts-Potenzials vom Standort entsorgt“, sagt Möller. Etwa 60 bis 80 Prozent des Restes seien mit den aktivierten Bauteilen wie Reaktordruckgefäß bis 2007 entsorgt worden. Es folgte die technologische Anlage –Rohrleitungen und Behälter.

Die restlichen Kontaminationen sind in den Bauwerken zu finden. Quadratmeter für Quadratmeter werden sie unter hohen Sicherheitsstandards geprüft und freigemessen. Strahlenbelasteter Beton wird abgetragen. „Je nach dem radioaktiven Wert werden die Materialien freigegeben oder gehen weiter ins Zwischenlager“, erläutert der Sprecher.

Die Blockwarte, ein vor Messgeräten strotzender Raum, ist heute noch Herz des einstigen KKW. Kontrolliert werden Systeme wie Elektroversorgung, Trinkwasser, Heizung und Lüftung. Stück für Stück fallen aber mit dem Abriss Aufgaben weg: Über nicht mehr aktive Messegeräte wird ein weißes Stück Papier geklebt. Von Jahr zu Jahr vermehren sich so die weißen Flecken in der Anlage.

Ab 2020 sollen die Betriebsgebäude endgültig abgerissen werden. Es verschwinden dann das Apparatehaus, die Anlage zur Wasseraufbereitung, das Maschinenhaus und die Behälter-Gebäude. „110 000 Tonnen Beton müssen abgebaut werden“, sagt Möller. Der 120 Meter hohe Schornstein als Wahrzeichen fällt, wenn die neue externe Lüftung ihren Betrieb aufnimmt.

Das öffentliche Interesse am KKW ist nach wie vor da: Im Vorjahr kamen etwa 1000 Besucher zu Führungen. Wie die Zukunft des Areals aussieht, ist noch völlig unklar. Auf jeden Fall bleibt das Verwaltungsgebäude, das seit 2005 auf der Denkmalliste des Landes steht. „Als frühes Zeugnis der DDR-Moderne besitzt es besonderen architekturgeschichtlichen Stellenwert“, erklärt der Sprecher des Wissenschafts- und Kulturministeriums, Stephan Breiding.

Möller zufolge zeigen Unternehmen und Forschungsinstitute zunehmend Interesse, sich auf dem einsamen Areal niederzulassen. „Ideen gibt es viele.“ Noch sei aber nichts spruchreif. Der Rheinsberger Verein Energie und Technologiestandort etwa koordiniert Aktivitäten zur Nachnutzung. Derzeit wird ein Informationszentrum geplant. „Als Mittelpunkt soll die Blockwarte eins zu eins aufgebaut werden“, sagt ein Sprecher. Nahe dem Barockschloss gibt es ein passendes Areal. Die Blockwarte, die es zu DDR-Zeiten auf den Zehn-Mark-Schein schaffte, soll dann für die Öffentlichkeit weiter erlebbar sein.

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erstellt am 05.Mai.2016 | 09:00 Uhr

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