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Mordprozess in Potsdam : Bizarre und beängstigende Welt

vom
Aus der Redaktion des Prignitzers

Urteil gegen den mutmaßlichen Kindermörder Silvio S. rückt näher. Das Verfahren gibt Einblicke in das Leben des Angeklagten

Finster starren zwei kalte blaue Glasaugen den mutmaßlichen Kindermörder Silvio S. an jedem seiner Tage im Gerichtssaal an. Staatsanwalt Peter Petersen hat eine lebensechte blonde Kinderpuppe aus dem Besitz des 33-Jährigen auf ein Stühlchen gesetzt – direkt in Blickrichtung des Angeklagten. Von dort aus scheint das Kunststoffkind ihn zu fixieren.

Im Potsdamer Mordprozess um den Tod des vierjährigen Mohamed und des sechsjährigen Elias vermischen sich unschuldige Kinderwelten und erschreckende Abgründe. In der kommenden Woche geht der Prozess in die entscheidende Phase. Es könnte Plädoyers geben.

Neben der blonden Puppe mit dem düsteren Blick liegt eine Decke ausgebreitet, die entfernt an einen Kindertrödelmarkt erinnert: Bunte Kleidung, ein grauer Plüsch-Elch, ein kleiner Plastik-Geländewagen, eine Neugeborenen-Puppe, sie liegt direkt neben einer Latexmaske.

Alle diese Sachen wurden mit einem toten Kind im Auto von S.gefunden. Silvio S. soll beide Jungen im vergangenen Jahr entführt und umgebracht haben. Ein Video zeigt den Missbrauch an Mohamed. Ob Elias missbraucht wurde, ist nicht ganz sicher – der Gerichtsmediziner ist aber davon überzeugt. Die Kinder können nichts mehr sagen, der Angeklagte will nichts sagen. Er folgt dem Rat seiner Verteidiger.

Seit einem Monat versucht das Landgericht Potsdam, das Puzzle der Verbrechen dennoch Stück für Stück zusammenzusetzen. Der Vorsitzende Richter Theodor Horstkötter, der das grausige Geschehen mit Ruhe, Wärme und akribischem Fleiß aufarbeitet, wandte sich schon viermal an den Angeklagten: „Sie haben die Möglichkeit, den Spekulationen ein Ende zu machen“, sagte er zuletzt. Wiederholt hat er den Mann ermahnt, dass die Mütter ein Recht auf die Wahrheit hätten.

Ein wortkarger Sonderling mit wenigen Freunden und Scheu vor Fremden – so wird Silvio von so ziemlich jedem Zeugen aus seinem Umfeld beschrieben. Einmal habe er erwähnt, dass er gern Frauen kennenlernen würde, sagt sein vermutlich einziger enger Freund über ihn. „Aber daraus ist wohl nichts geworden. Da müsste man mal ausgehen. Er war nicht so der Typ, der in die Disco geht.“ Immer wieder schilderten Bekannte ihn aber auch als zuverlässigen Babysitter, Vertrauensperson, jemanden, der sich gut mit Kindern versteht.

In einem Dorf 80 Kilometer südlich von Berlin wohnte Silvio S. bei seinen Eltern im Obergeschoss. Eine Kamerafahrt der Polizei durch die Räume des 33-Jährigen zeigt ein ungepflegtes Zimmer mit hellen Schrankwänden. Immer wieder verstreuter Müll. In Schubladen liegt Fesselzubehör. Auf Zetteln hat die Polizei damals Notizen mit rosa Textmarker gefunden: „Mädchen, Junge, Messer, Kind besoffen machen, Fesseln, Mund zukleben, knebeln.“ Fessel-Fantasien haben den Angeklagten wohl seit Jahren umgetrieben.

Das zeigt ein Arsenal an Sex-Spielzeugen, die er über das Netz bestellte. Im Internet kaufte er auch Prinzessinnenkleider und lebensecht aussehende Puppen. Eine Bilderreihe aus einer seiner Kameras zeigt Aufnahmen aus seinem Schlafzimmer. Dort sei zu sehen, wie „eine männliche Person sich auf dem Bett mit einer Puppe beschäftigt“, schilderte eine Polizistin.

Laut Anklage sind aus diesen absonderlichen Neigungen Verbrechen geworden. Die eigene Mutter hat Silvio S. auf Fahndungsbildern erkannt. Bei der Polizei gab er die Tötung der Kinder zu. Jedoch hat er zum Fall Elias damals so gut wie nichts gesagt. Hier könnte nur eine Aussage Gewissheit bringen.

Auch wenn es keine konkreten Hinweise gibt: Seit diesem Geständnis halten es Ermittler für möglich, dass Silvio S. auch mit anderen verschwundenen Kindern zu tun haben könnte. Einige DNA-Spuren in der Wohnung des Mannes konnten nicht zugeordnet werden. Staatsanwalt Petersen hat in die Wege geleitet, dass – nach dem Urteil – ein Bewegungsprofil von S. erstellt werden soll.

Warum hat er eigentlich die große blonde Puppe vor der Anklagebank aufgestellt? „Irgendwohin musste ich sie doch stellen“, sagt Petersen. Und ergänzt etwas leiser: „Vielleicht gibt ihm das zu denken.“

 

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