Landkreis Potsdam-Mittelmark : Bibliothek im Gasthaus „Moritz“: Letschosteak und Bücher

Gastwirt Bernd Moritz steht im großen Saal des Gasthofes „Moritz“. Rund 4000 Bücher kann man in der „Fläming Bibliothek“ ausleihen, die auch Buchlesungen und Treffen mit regionalen Autoren organisiert.
Gastwirt Bernd Moritz steht im großen Saal des Gasthofes „Moritz“. Rund 4000 Bücher kann man in der „Fläming Bibliothek“ ausleihen, die auch Buchlesungen und Treffen mit regionalen Autoren organisiert.

Die Bibliothek im Gasthaus „Moritz“ im brandenburgischen Dorf Rädicke im Landkreis Potsdam-Mittelmark ist eine Attraktion.

svz.de von
27. November 2018, 05:00 Uhr

Aus dem Zapfhahn zischt das Bier ins Glas, eine Weinflasche wird entkorkt, am Stammtisch sind noch Plätze frei. Im Gasthaus „Moritz“ mit Pension im brandenburgischen Dorf Rädicke (Potsdam-Mittelmark) geht es zunächst ums Essen und Trinken. Neben dem Gastraum mit dem großen Tresen taucht man in eine ganz andere Atmosphäre ein: Den Besucher erwartet eine gediegene Bibliothek. „Die meisten greifen schnell zu einem Buch, blättern und lesen sich sogar fest“, sagt Doris Moritz. Ihr Mann Bernd ist Inhaber von Gasthaus und Pension mit der besonderen privaten Bibliothek.

„Es war eine Schnapsidee“, sagt Bernd Moritz. Er hatte immer einige Nachschlagewerke aus der Wohnung mit in den Gastraum gebracht, um bei Fragen sachkundig antworten zu können. „Damit kannst du eine richtige Bibliothek aufmachen“, frotzelten Stammgäste.

Mittlerweile stehen etwa 4000 Bücher bereit. Das Besondere: keine ausgemusterten alten Schwarten, sondern alles Neuerscheinungen. Die Titel sind teils auf Bestsellerlisten zu finden. „Dieses gemeinnützige Projekt hat sowohl Kollegen in Verlagen als auch Buchhändler überzeugt“, sagt Steffen Gommel, Vorsitzender des 2006 gegründeten Bibliotheksvereins im Ort. Das Projekt diene im besten Sinne der Leseförderung in strukturschwachen Regionen.

Der große Saal in dem Gasthaus wurde umgestaltet. Die Wände und das Holzpaneel erhielten einen grauen Anstrich, abgesetzt mit einem dunklen rotbraunen Ton. Ein riesiger Kronleuchter verleiht festliche Stimmung. Dazu lädt der große Tisch ein und ein alter Kachelofen in der Ecke verströmt zu dieser Jahreszeit wohlige Wärme. Die hohen Bücherregale an den Wänden sind eine Maßanfertigung von einem Tischler aus der Region.

Bücher-Angebot hat sich mittlerweile herumgesprochen

Obwohl das Dorf Rädicke nur 150 Einwohner hat, sind fast 900 Leser erfasst. Das Interesse ist breit: von literarischen Autoren wie Juli Zeh bis hin zu Ingo Schulze, sagt Vereinsvorsitzender Gommel. Gefragt seien auch Spannungsliteratur und historische Romane. „Die aktuellen Bestseller stehen auf der Warteliste immer ganz oben“, sagt Gommel, der bei den Fischer Verlagen arbeitet. Deshalb werden von Zeit zu Zeit die Leser gebeten, diese Titel möglichst schnell zurückzubringen.

Die Vorsitzende des Brandenburger Bibliotheksverbandes, Cornelia Stabrodt, findet die private Initiative auf dem flachen Lande gut. Die große Zahl der Nutzer beweise den Erfolg. „Dennoch ist das nicht mit einer öffentlichen Bibliothek in kommunaler Trägerschaft zu vergleichen“, sagt sie. Unterschiede bestünden unter anderem beim Angebot und den Veranstaltungen, meint sie.

In Brandenburg gibt es 131 hauptamtlich geleitete öffentliche Bibliotheken. Sie verfügen über rund vier Millionen Bestände und haben jährlich 8,75 Millionen Entleihungen.

In dem Gasthaus prangt in jedem Buch der Stempel „Fläming Bibliothek Rädicke“ und eine Registriernummer. „Noch wird alles über Karteikarten erfasst, mit dem Computer beginnen wir“, sagt Doris Moritz. Touristen oder Auswärtige, die sich ein Buch mitnehmen, schicken es auch mal per Post zurück. Mahnungen seien eher selten, sagt die begeisterte Leserin.

Könnte Rädicke aus Sicht von Gommel Vorbild für andere kleine Ortschaften sein? „Ja“, meint er. Ein Ort, wo man Bücher austauscht oder über sie spricht, kann gerade kleine Gemeinschaften dichter zusammen bringen.

Aus Sicht des Gastwirtes war die kleine Bibliothek eine gute Idee, obwohl anfangs von Kollegen belächelt. „Wir locken viele nach Rädicke, die sonst nicht gekommen wären.“ Es gründete sich ein Literaturzirkel mit 15 Interessierten. Regelmäßig stehen Lesungen, Vorträge und Veranstaltungen auf dem Programm. Dann ist auch der Gastraum gut gefüllt.

Die Bibliothek platzt aus allen Nähten. Spenden alter Bücher von Privatleuten würden deshalb nicht angenommen, sagt Doris Moritz. Im Gegenteil: Von Zeit zu Zeit müssen Exemplare ausgesondert werden. Die gehen dann an öffentliche Bibliotheken in der Region, wo sie noch fehlen. Vereinsvorsitzer Gommel weiß sie dann in guten Händen. „Die freuen sich über jede Spende.“

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